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Marokko: Jugendliche wegen eines Kusses vor Gericht

Küssen verboten: In Marokko droht zwei Teenagern eine Haftstrafe, weil sie bei Facebook ein Kussfoto veröffentlichten.

Küssen verboten: In Marokko droht zwei Teenagern eine Haftstrafe, weil sie bei Facebook ein Kussfoto veröffentlichten.

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dpa

Am Anfang stand ein Foto. Es zeigt zwei Teenager beim Küssen. Ein Mädchen mit einem dunklen Pferdeschwanz legt die Hand liebevoll an den Hals eines Jungen, er umarmt sie vorsichtig. Ein ganz normaler Kuss zwischen zwei Jugendlichen.

In Marokko allerdings haben die 14 Jahre alte Raya und der 15 Jahre alte Muhsin damit größte Aufregung ausgelöst. Denn die beiden Liebenden knutschten nicht etwa in einer dunklen Ecke auf dem Pausenhof, auf dem Rücksitz eines Autos oder an einem anderen verborgenen Ort, wie es in Marokko üblich ist. Sie küssten vor ihrer Schule auf der Straße. Und schlimmer noch: Sie ließen sich dabei fotografieren und stellten ihr Bild auf Facebook.

„Ein Kuss ist kein Verbrechen“

Zu allem Überfluss stammen sie auch nicht aus Casablanca oder Rabat, wo die Sitten etwas lockerer sind. Sie kommen aus Nador am Mittelmeer, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Gegend gilt als besonders konservativ.

Raya und Muhsin wurden kurz nach ihrem Kuss Anfang Oktober verhaftet und zusammen mit ihrem Freund Oussama, der das Foto von ihnen machte, angeklagt. Der Vorwurf lautet Angriff auf die öffentliche Ordnung. Bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen ihnen, wenn der Jugendrichter sie für schuldig befindet. Der Protest formierte sich umgehend, nicht nur vor den Jugendhaftanstalten, in denen die drei gefangen gehalten wurden. Im Internet bekam die Facebook-Seite „Solidarität mit den Jugendlichen von Nador – Ein Kuss ist kein Verbrechen“ binnen eineinhalb Tage mehr als 4?700?Likes.

Noch im Oktober wurde der Prozess eröffnet, jedoch sofort vertagt. Nach einigen Diskussionen und auf Druck von Menschenrechtsorganisationen ließ der Richter die drei Jugendlichen gegen Zahlung einer Kaution nach Hause gehen. An diesem Freitag nun sollen sie wieder vor Gericht erscheinen, die Verhandlung beginnt, und es wird spannend. Es wird sich zeigen, auf welcher Seite der Richter steht. Denn eines ist klar: Der „Kuss von Nador“, wie der Fall in Marokko genannt wird, spaltet das Königreich.

„Liebe ist ein politisches Thema für die meisten Marokkaner. Die Art, wie sie leben und auch wie sie lieben, spiegelt die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager“, beschreibt Laura Nimen. Die Anthropologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient in Berlin. Ihr Thema ist Liebe in Marokko.

Sie hat 14 Monate in einer marokkanischen Kleinstadt gelebt, um das Thema zu untersuchen. Sie traf sich mit jungen Frauen aus der Nachbarschaft und ließ sich von ihnen ihre Liebesgeschichten erzählen: ihren Kummer, ihre Hoffnung und auch ihre Geheimnisse. Wer wen wo küsst, war dabei eine zentrale Frage. Natürlich geht es dabei um die Konsequenzen, die ein Kuss am falschen Ort haben kann.

Leben ohne Ehemann gilt als verpfuscht

Denn es ist nicht nur die Polizei, die im Zweifelsfall gegen allzu freizügige Sitten vorgeht. Dass wie im Fall von Raya und Muhsin in Nador die Küssenden tatsächlich vor Gericht gestellt werden, ist die Ausnahme. Oft sind es eher die Familien oder die Nachbarn, die einschreiten, wenn die Liebespaare ihnen zu weit gehen.

Für junge Frauen spielt es nach wie vor eine große Rolle, wie über sie gesprochen wird. Mädchen, die als allzu „leicht zu haben“ gelten, bekommen im Zweifelsfall keinen Ehemann ab. Und ohne Ehemann gilt nach wie vor das Leben einer Frau als verpfuscht. Das führt dazu, dass sie sich zumindest den äußeren Anschein geben, die Regeln zu befolgen. „Jungfräulichkeit spielt eine große Rolle“, so Nimen. Zwar belegen Studien, dass eine Mehrheit der Marokkanerinnen in der Hochzeitsnacht keine Jungfrauen mehr sind, doch die meisten würden vermeiden, dies öffentlich werden zu lassen. Das kann man Doppelmoral nennen, oder aber Überlebensstrategie.

Nimen geht davon aus, dass die Mehrheit ihrer Interviewpartnerinnen, den „Kuss von Nador“ als unanständig ablehnen. Manche fänden es zwar okay, auch ohne Trauschein zu küssen, allerdings würden sie dies nie öffentlich tun. Nicht nur wegen der zu erwartenden Probleme, sondern, weil sie es auch selbst für falsch hielten.

„Liebe und Sex sind ein sehr komplexes Thema in Marokko. Es gibt viele verschiedene Einflüsse und die widersprüchlichen Moralvorstellungen werden mit persönlichen Wünschen nach Freiheit und Verlangen abgewogen“, beschreibt Nimen. Oft leben junge Frauen heute ganz anders als ihre Mütter: „Während die Frauen der älteren Generation oft wenig Bildung haben und sogar Analphabetinnen sind, gehen viele der Töchter vor allem aus Mittelschichtsfamilien zur Universität“, sagt Nimen.

Das eröffnet ihnen natürlich sehr viel mehr Möglichkeiten, mit Männern in Kontakt zu kommen. Einerseits können sie dank Internet und Handy flirten, ohne dass ihre Familie dies kontrollieren kann. Andererseits spielt die wachsende islamische Bewegung auch für die jungen Frauen eine Rolle. So gibt es gerade unter Studentinnen viele, die aus religiösen Gründen die Möglichkeiten nicht nutzen, die ihnen die Technologie und das Leben an der Universität auftun.

Kein Wunder also, dass der Kuss von Nador in Marokko eine nie dagewesene Debatte ausgelöst hat. Ob Raya und Muhsin das beabsichtigten, ist unbekannt. Die beiden wurden von ihren Familien aus dem Verkehr gezogen.

Knutschen als Kampfansage

Andere Jugendliche haben ihren Fall aber zum Anlass für eine Kampagne genommen. Sie drängen auf mehr Freiheit – in der Politik und auch in der Liebe. Da die beiden Themen in Marokko so eng miteinander verbunden sind, versammelten sich Mitte Oktober mehrere Hundert Jugendliche zum öffentlich „Kiss-in“ vor dem marokkanischen Parlament. Ihre öffentliche Knutscherei ist eine politische Kampfansage.

Schließlich gehört die Mehrheit der Abgeordneten ebenso wie die Regierung unter Premier Abdelilah Benkirane zur moderat islamischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung. Es waren allerdings dann doch nicht die Islamisten, sondern ein Anhänger des Königs, der gegen die Küssenden vorging. Er drohte, sie zu verprügeln und fand schnell Mitstreiter: „Öffentlich küssen, das kann man vielleicht in Europa. Wir sind ein islamisches Land. Da passt es einfach nicht zu uns“, sagte ein Passant, der vom marokkanischen Fernsehen interviewt wurde.

Beide Seiten wollen protestieren

Im Internet hingegen haben derzeit die Kuss-Befürworter die Oberhand: Sie mobilisieren auf zahlreichen Seiten und über den Kurznachrichtendienst Twitter für mehr Freiheit in der Liebe. Besonders oft wurde ein Piktogramm im Internet verschickt. Es zeigt den Schattenriss eines küssenden Liebespaars. Darunter steht in großen Buchstaben „Haram – islamisch verboten“. Rechts daneben ist das Bild eines bärtigen Greises mit Turban zu sehen, der ein kleines Mädchen im Brautkleid an der Hand hält. Zwei Ringe symbolisieren, dass es sich um ein Ehepaar handelt.

Unter dem Bild der „Baby-Braut“ steht „Halal – islamisch erlaubt“. In Teilen Marokkos werden immer noch kleine Mädchen an sehr viel ältere Männer verheiratet. Daran ändert auch nichts, dass seit dem Jahr 2003 Bräute mindestens 18 Jahre alt sein müssen. Viele Religiöse akzeptieren die Regelung nicht und unterlaufen sie mit Tricks und Kniffen – im Namen des Islam.

Überhaupt ist das Thema Familienrecht in Marokko extrem umstritten. Viele Konservative setzen Hoffnung in die islamisch geprägte Regierung, dass diese den westlichen Einflüssen Einhalt gebietet.

Für den Prozesstag im Kuss-Fall von Nador sind an diesem Freitag neue Proteste geplant. Von beiden Seiten.