18.02.2012

500. Folge der Simpsons: Erkenne Dich selbst

Von Sebastian Moll
        

Auf gute Nachbarschaft: Wikileaks-Gründer Julian Assange grillt in der 500. Folge Steaks, Homer und Bart Simpson schauen erwartungsfroh.
Auf gute Nachbarschaft: Wikileaks-Gründer Julian Assange grillt in der 500. Folge Steaks, Homer und Bart Simpson schauen erwartungsfroh.
Foto: dapd/Fox

In den Achtzigern kritzelt Matt Groening die ersten Figuren in einen Block und benennt sie nach seiner Familie. Heute sind die Simpsons weltweit Kult. In der 500.Folge tritt einer auf, den wir fast schon vergessen haben.

Thomas Pynchon ist der große Eremit der amerikanischen Literatur, seine Identität hütet der Großmeister der Postmoderne wie ein Staatsgeheimnis. Heerscharen von Fans und Literaturwissenschaftlern fahnden seit Jahrzehnten nach dem Verfasser von Monumentalwerken wie „Gravity’s Rainbow“ und „V“ – ohne Erfolg.

Marge Simpson musste hingegen nur den Hörer abnehmen, um Pynchon in ihre Heimatstadt Springfield zu locken. In der 10. Episode der 15. Staffel der Kultserie „Die Simpsons“ leiht Pynchon seine Stimme einer Figur gleichen Namens. Pynchon besucht die Simpsons, um Marge eine Empfehlung für ihren Erstlingsroman zu schreiben. Und machte sich sogar über sich selbst lustig: Die Figur steht mit einer Tüte über dem Kopf am Straßenrand und bietet vorbeifahrenden Autofahrern an, sich mit „einem berühmten eremitischen Autor“ fotografieren zu lassen.

Stars und Familie

Julian Assange treffen die Simpsons in der 500. Folge der Serie. Mit dem Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks feiern die Simpsons ein Grillfest in der Wildnis, bis er ihnen ein Video vorführt. Zu sehen ist darin eine afghanische Hochzeit - die dann von US-Truppen bombardiert wird. Seinen Text hat Assange von seinem Hausarrest in England aus eingesprochen.

Seit 1989 läuft die TV-Serie „Die Simpsons“ im US-Fernsehen, 2007 folgte der Kinofilm „Die Simpsons – Der Film“. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die fünf Familienmitglieder und ihr Leben in der Kleinstadt Springfield, deren Silhouette von jenem Atomkraftwerk dominiert wird, in dem auch Vater Homer arbeitet.

Pynchons Auftritt war ein eindrucksvolles Maß für den Stellenwert, den die Serie besitzt. Die US-Prominenz reißt sich darum, bei den Simpsons mitmachen zu dürfen, die Liste der Gastsprecher liest sich wie ein Who is Who der Popkultur: Mick Jagger war dabei und ebenso Ringo Starr, Michael Jackson, Dustin Hoffman, Paul McCartney, Sting, Elizabeth Taylor, Werner Herzog und sogar der britische Premier Tony Blair traten auf.

Ein ähnlicher Coup wie mit Pynchon ist den Simpsons-Machern für die 500. Episode geglückt, die der Sender Fox am Sonntag zeigt. In der Sendung werden die Simpsons aus Springfield verjagt und ziehen in eine entlegene Hütte. Ihr Nachbar dort ist Wikileaks-Gründer Julian Assange, der seinen Text von seinem Hausarrest in Großbritannien aus aufgenommen hat.

Der Entwurf dauerte 15 Minuten

Die Serie begann die vor rund 22 Jahren als Einspieler in der Sketchsendung der britischen Komikerin Tracey Ullman, und inzwischen hat sie die Fernsehunterhaltung neu definiert. Die Simpsons sind zugleich Familien-Sitcom und Gesellschaftskritik. Sie sind Politsatire und so etwas wie eine Enzyklopädie der Pop-Kultur. Vor allem sind sie: Zuverlässig witzig.

Dass die Simpsons einmal die wie manche glauben, bedeutsamste TV-Serie aller Zeiten wird, hätte sich ihr Schöpfer Matt Groening freilich nicht träumen lassen, als er 1985 erstmals die Köpfe der fünf Simpsons auf seinen Block kritzelte. Groening war damals ein Underground-Comiczeichner in Los Angeles.

Als die Produzenten der Tracey-Ullman-Show ihn einluden, weil sie nach einem kurzen Cartoon suchten, überlegte sich Groening noch im Vorzimmer, dass er seine „Life in Hell“-Figuren doch lieber nicht an das Fernsehen verkaufen möchte. Er skizzierte deshalb hastig die heutigen Simpsons-Figuren und benannte sie nach seiner eigenen Familie, weil ihm auf die Schnelle keine anderen Namen einfielen.

Nur sich selbst gab er einen anderen Namen: Bart. Als Wohnort der Familie nahm er den durchschnittlichsten Ortsnamen, den Amerika kennt: Springfield. Keine Viertelstunde dauerte das Ganze.

Amerika erkennt sich selbst

Wie sich herausstellte, war es die Geburt eines Fernsehformats: der Meta-Sitcom. Die Cartoon-Familie war eine Parodie der Familien, die man aus anderen Sitcoms kannte, etwa den Huxtables aus der „Bill Cosby Show“ oder der „schrecklich netten Familie“, den Bundys. Dabei geriet in einer ironischen Wendung die Comic-Familie Simpson deutlich realistischer als die Fernsehfamilien aus Fleisch und Blut. Amerika erkannte sich in dieser gutmütig-boshaften Karikatur wieder und konnte über sich lachen.

Die Familien-Sitcom war angereichert mit brillanten Dialogen sowie einem virtuosen Spiel mit popkulturellen Zitaten. So wie in der Episode „Marge vs. Monorail“, eine Anspielung an das Musical „The Music Man“. In der Lieblingsfolge von Matt Groening kommt ein Gaukler nach Springfield, um der Stadt eine elektromagnetische Hochbahn aufzuschwätzen.

Die Folge verbindet alles, was „Die Simpsons“ so genial macht: die popkulturellen Anspielungen, bei deren Wiedererkennen man sich über seine eigene Cleverness freuen kann, die politische Satire – hier auf das schwierige Verhältnis Amerikas zum Umweltschutz – und schließlich, als krönender Abschluss, ein Gastauftritt von Mister Spock, Leonard Nimoy.

Matt Groening hat nicht vor, in absehbarer Zeit nachzulassen. Etwa die Hälfte ihrer Jahre hätte „Die Simpsons“ jetzt hinter sich, feixte er bei einem Interview. Man kann nur hoffen, dass das stimmt.

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