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ARD-Presseclub: Zwischen Kirche und Braten

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Der Presseclub wird 25 Jahre - die einzige Sendung mit einer Ausnahmegenehmigung vom Rauchverbot im Studio.
Der Presseclub wird 25 Jahre - die einzige Sendung mit einer Ausnahmegenehmigung vom Rauchverbot im Studio.
Foto: wdr

Ein deutsches Sonntagsritual: Vor 25 Jahren beerbte der „Presseclub“ den „Internationalen Frühschoppen“. Der WDR blickt mit Journalisten auf 60 Jahre politische Diskussion zurück.

Über Jahrzehnte gab es in Millionen deutschen Haushalten ein festes Programm für die Zeit zwischen Kirchgang und Sonntagsbraten: den „Internationalen Frühschoppen“ in der ARD, moderiert von Werner Höfer. Der Mann mit den buschigen Augenbrauen über der großen Hornbrille saß im eng gedrängten Halbkreis von fünf oder sechs Journalisten aus verschiedenen Ländern und diskutierte über die Weltlage. Dabei wurde kräftig gequalmt und viel Wein getrunken, auf dass der Titel „Frühschoppen“ auch gerechtfertigt sei.

Nun wird die Nachfolgesendung „Presseclub“ 25 Jahre alt, ein Anlass für den gastgebenden WDR, auf 60 Jahre politische Diskussion im deutschen Fernsehen zurückzuschauen. Er tat dies mit einem Empfang für all jene Journalisten, die schon einmal Gast im „Presseclub“ waren, und mit der Aufzeichnung einer Jubiläumssendung, die an diesem Sonntag ausgestrahlt wird.

Journalistischer Kulturbruch

Die Welt im Studio: Werner Höfer (Mitte) im Jahr 1957 mit Auslandskorrespondenten der ARD. Links neben ihm sitzt  Gerd Ruge (Moskau).
Die Welt im Studio: Werner Höfer (Mitte) im Jahr 1957 mit Auslandskorrespondenten der ARD. Links neben ihm sitzt Gerd Ruge (Moskau).
Foto: picture-alliance / obs / NDR-Pressestelle/Fotostelle

Die WDR-Intendantin Monika Piel, einst selbst Moderatorin des „Presseclubs“, erinnerte an den journalistischen Kulturbruch, den der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk 1952 mit dem Start des „Internationalen Frühschoppens“ wagte. Denn im Nachkriegs-Westdeutschland standen die Zeichen nach der Zeit des Nationalsozialismus auf Entpolitisierung. Politischer Streit, gar öffentlich geführt, galt als verpönt. Umso größer war die Überraschung, zu welch einem Erfolg sich die Sendung mit Werner Höfer entwickelte, die auch in der DDR als Forum der freien Debatte von vielen verfolgt wurde.

Über die Jahre folgte die Gestaltung des Studios dem jeweiligen Zeitgeist, sonst änderte sich wenig. Es war stets eine sehr männliche Runde, recht autoritär und ausschließlich von Höfer geführt und einmal sogar von Sylt aus per Telefon moderiert, weil er es wegen eines Unwetters nicht rechtzeitig von der Insel nach Köln geschafft hatte.

Bis 1987 ging das so. Dann nahm sich der Spiegel noch einmal einer eigentlich schon bekannten Geschichte aus der Vergangenheit Werner Höfers an. Der Journalist war seit März 1933 Mitglied der NSDAP und Redakteur verschiedener Zeitungen, bis er 1941 Pressereferent im Rüstungsministerium von Albert Speer wurde. Er schrieb aber weiter auch für Zeitungen und begrüßte 1943 in einem Artikel das Todesurteil des Volksgerichtshofs für einen Pianisten, der Zweifel am deutschen Sieg im Krieg geäußert hatte. Was Anfang der 60er-Jahre, als Medien der DDR erstmals über Höfers Vorleben berichteten, noch kaum jemanden in der westdeutschen Öffentlichkeit interessierte, wurde nun zum Skandal. Höfer verlor seine Sendung und verschwand von heute auf morgen vom Bildschirm.

Einzige Quotenregel im deutschen Fernsehen

Die ARD wollte die populäre Sendung nicht aufgeben, aber doch einen Trennungsstrich ziehen, zumal Höfer die Rechte an dem Titel hatte. So ging auf dem Programmplatz der „Presseclub“ auf Sendung, mit leicht verändertem Konzept. Seither diskutieren Sonntagmittag um kurz nach zwölf meist vier deutsche Journalisten über ein aktuelles Thema der Woche, es gibt immer mal wechselnde Moderatoren, ein Rauchverbot und nur noch Wasser zu trinken.

Seit ein paar Jahren lädt die Redaktion nach Möglichkeit je zwei Frauen und zwei Männer ein, die einzige Quotenregel im deutschen Fernsehen. Noch immer schalten sich jede Woche rund eine Million Zuschauer von ARD und Phoenix ein, und auch das Ziel sei seit 60 Jahren das gleiche geblieben, sagt Monika Piel: Erkenntnisgewinn.

Angefangen hat die Presserunde mit dem Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer. Die Sendung existierte von 1953 bis 1987 - zum 20. Geburtstag der Sendung 1972 begrüßte Höfer galant angehende weibliche Journalisten in der Runde.
Angefangen hat die Presserunde mit dem Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer. Die Sendung existierte von 1953 bis 1987 - zum 20. Geburtstag der Sendung 1972 begrüßte Höfer galant angehende weibliche Journalisten in der Runde.
Foto: dpa

Für die Jubiläumssendung wählte die Redaktion eine besondere Form: Neben zwei Journalisten nahmen Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Politikprofessor Paul Nolte Platz. Auch das Thema war speziell: was politischer Journalismus leisten und woran er scheitern kann. Um es kurz zu sagen: Ausgerechnet in dieser Sendung scheiterte der „Presseclub“ wohl erstmals an einem Thema. Moderator Jörg Schönenborn führte die Teilnehmer in eine abwegige Debatte, warum die Medien jüngst so ausführlich und prominent über den CDU-Parteitag berichtet hätten, obwohl dort doch gar nichts Wesentliches geschehen sei. Dass es zur Aufgabe eines guten politischen Journalismus zählt, auch solch einen Befund der größten Regierungspartei und ihrer Vorsitzenden sorgfältig zu betrachten, dazu wusste die verdiente Publizistin Wiebke Bruhns ebenso wenig zu sagen wie der Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo.

Ausnahmeregelung vom Rauchverbot

Nach dem Ende des Internationalen Frühschoppens kam der Presseclub - hier mit Gerhard Fuchs 1988 in der ARD.
Nach dem Ende des Internationalen Frühschoppens kam der Presseclub - hier mit Gerhard Fuchs 1988 in der ARD.
Foto: imago stock&people

Paul Nolte trug die Beobachtung bei, dass der Abstand zwischen Bürgern und Politik gefährlich gewachsen, der Abstand von Bürgern zum Journalismus dagegen drastisch geschrumpft sei – weil heute jeder im Internet sein eigner Journalist sein könne. Was das für die Zukunft bedeuten könnte – leider kein Thema in der Runde. So bleibt die Hoffnung, dass der „Presseclub“ demnächst wieder interessanter diskutiert und ein Gegenstück bleibt zur fortschreitenden Talkshowisierung des Fernsehens, die Lammert beklagte.

Eine Zusatzinformation kam noch von Monika Piel. Die Intendantin verriet, dass der Sender für den „Presseclub“ eine Ausnahmegenehmigung vom Rauchverbot im Studio besitze. Man darf gespannt sein, ob Helmut Schmidt weiter der einzige Raucher im deutschen Fernsehen bleibt.

Verschiedene politische Korrespondenten dieser Zeitung sind regelmäßig zu Gast im „Presseclub“.

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