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Broder-Augstein-Streit: Dann lieber ausschlafen

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Trennt sich vom RBB: Henryk M. Broder.
Trennt sich vom RBB: Henryk M. Broder.
Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Henryk M. Broder und der RBB trennen sich - vor dem Hintergrund der Antisemitismus-Streitigkeiten mit Jakob Augstein.

Henryk M. Broder hat an diesem Freitag auf Radio Eins gefehlt. Um 8.08 Uhr, wenn sich Broder ansonsten auf dem Sender des RBB in der Sendung „Der Schöne Morgen“ über die Weltläufte im Großen und Kleinen auslässt, war stattdessen die Stimme von Julius H. Schoeps zu hören. Schoeps ist Leiter des Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch jüdische Studien der Universität Potsdam, und er hatte einiges zum Thema Antisemitismus zu sagen. Broder kam an diesem Freitag nicht zu Wort – und wird wegen des Auftritts von Schoeps auch in Zukunft freitags nicht mehr auf Radio Eins zu hören sein.

Broder, seit 1999 regelmäßiger Kommentator auf Radio Eins, und der RBB gehen in Zukunft getrennter Wege. Zu dieser Entscheidung kam es während zweier Telefonate am Donnerstagnachmittag, deren Verlauf Broder in einem Artikel für die Online-Ausgabe der Zeitung Die Welt schildert, für die er regelmäßig schreibt. Demnach meldete sich wie üblich die Redaktion am Donnerstag bei ihm, um die Themen seines Live-Kommentars am Freitagmorgen abzusprechen – auf dass er wie immer am nächsten Morgen um halb acht aufstehen und um 8.08 Uhr seine Einlassungen von sich geben könne. Ein Ritual, an das sich Broder „seit gefühlten 20 Jahren“ gewöhnt hat.

An diesem Donnerstag wurde jedoch die Ordnung der Dinge durcheinander gebracht, als der Redakteur des „Schönen Morgens“ Broder einen Vorschlag machte: Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse sei es vielleicht sinnvoll, anstelle seines üblichen Kommentars einen Antisemitismus-Experten zu befragen. Der Redakteur spielte damit auf den Streit zwischen Broder und Jakob Augstein an, Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung Freitag.

Entzündet hat sich dieser Streit im September an einem Beitrag von Augstein für Spiegel Online über Israels Reaktion auf das „Mohammed-Video“. Broder unterstellte in seinem Blog Augstein Antisemitismus, anschließend schwelte die Auseinandersetzung vor sich hin – bis sie kürzlich eine Verschärfung erfuhr, als das Simon Wiesenthal Zentrum Augstein in seiner Liste der zehn schlimmsten Antisemiten weltweit auf Platz neun aufführte und in der Begründung Broder damit zitierte, Augstein sei ein „lupenreiner Antisemit“. Mittlerweile hat sich etwa der Zentralrat der Juden dazu geäußert und Augstein in Schutz genommen, Welt-Vizechefredakteur Ulf Poschardt wiederum heizt die Debatte auf seiner öffentlichen Facebook-Seite mächtig an.

In dieser unübersichtlichen Lage hätte man bei Radio Eins am liebsten ein Streitgespräch zwischen Broder und Augstein vermittelt, erklärte der Redakteur Broder am Telefon, doch Augstein mache nicht mit. Deshalb gebe es nun die Idee, den Spezialisten zu befragen, und in der nächsten Woche könne man ja weitersehen. Broder konnte damit nichts anfangen: Wenn der Sender bei dieser Idee bleibe, gebe es in der nächsten Woche nichts mehr zu besprechen. Nach einem weiteren Gespräch mit dem Redaktionsleiter, der ein netter Mann mit schwäbischem Migrationshintergrund sei, wie Broder schreibt, habe man sich darauf geeinigt, sich zu trennen. Das habe den Vorteil, dass er nun auch freitags ausschlafen könne, erklärt Broder.

Volker Schreck, Sprecher des RBB, bestätigt Broders Darstellung – zumindest bis auf den Punkt mit dem schwäbischen Migrationshintergrund. Einen solchen habe der Redaktionsleiter ganz sicher nicht, eigentlich niemand in der Redaktion, sagt Schreck: „Das hat uns ein wenig irritiert.“ Aber von solchen Details einmal abgesehen – Broder habe seine Entscheidung getroffen, „und die müssen wir akzeptieren“, sagt Volker Schreck.

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