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Hotel Adlon: Viel, aber zu wenig

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Der ZDF-Dreiteiler „Hotel Adlon“ ist prächtige, aber harmlose Unterhaltung. Mit 3,3 Millionen Euro pro Folge kostet jeder „Adlon“-Abend fast drei Mal so viel wie ein übliches Fernsehspiel.

"Ich bin Hotelier“, erklärt Louis Adlon (Heino Ferch) dem russischen Offizier, der ihn nach der Parteinahme des Grandhotels für die Nazis befragt. Ganz so, als sei mit der professionellen Gastgeberrolle alles erklärt: Adlons Parteimitgliedschaft, die Hakenkreuzfahnen vor dem Portal seines Hotels, die Bewirtung von Reichsaußenminister von Ribbentrop. Der distanzierte, aber nicht unhöfliche Kontakt mit der Macht.

Und, und, und. Und?

Wenn das ZDF-Publikum am Mittwochabend zu dieser Schlüsselszene des Historiendramas „Adlon“ vorgedrungen sein wird, sind in der Filmerzählung des Dreiteilers bereits vierzig wechselvolle Jahre und für den Zuschauer mehr als drei Stunden Sendezeit vergangen. Das ZDF hat Kaiser Willhelm II. bei der Eröffnung durch die Beletage des neuen Grandhotels marschieren lassen und ihn das historisch überlieferte Lob an den Hotelgründer Lorenz Adlon (Burghart Klaußner) ausrufen lassen: „Sie sind der General unter den Hoteliers!“ Später stolpern die Verletzten des Spartakus-Aufstandes durch die nachgebaute Drehtür, noch später hört man die ersten „Heil Hitler“-Rufe. Und natürlich Scheiben klirren.

Auf den ersten Blick mag es eine vielversprechende Idee gewesen sein, die Geschichte des Grandhotels Adlon zu erzählen. Wer hat hier „Unter den Linden 1“ nicht alles logiert! Pola Negri und Enrico Caruso, Josephine Baker und Charlie Chaplin. Thomas Mann und Marlene Dietrich. Und, und, und. Und?

Bei näherem Hinsehen ist ein Hotelbau noch keine Geschichte, selbst wenn er eine illustre Historie hat. Man muss hinzuerfinden und dramatisieren, anderes vielleicht unter den Tisch fallen lassen oder doch zumindest in seiner Bedeutung ein wenig in den Hintergrund schieben. Und so wird in dem ZDF-Dreiteiler „Hotel Adlon“ das 20. Jahrhundert zur pompösen Kulisse einer mäßig originell hinzuerfundenen Lebensgeschichte: Sonja Schadt (Josefine Preuß) zieht nach dem Tod ihrer Eltern ins Adlon. So wohnt sie in ihrer Suite gewissermaßen den Kredit ab, den ihr Vater dem Hotelgründer eingeräumt hatte. Was Sonja erst später erfährt, der Zuschauer aber von Anfang an weiß: Der freundliche Hotelpage Friedrich (Wotan Wilke Möhring) ist in Wahrheit ihr Vater, ihre große Schwester Alma (Anja Kling), die nach Amerika auswandert ist, ihre leibliche Mutter.

Später wird sich Sonja in einen jüdischen Schriftsteller (Ken Duken) verlieben, der vor den Nazis fliehen muss, als Rundfunksprecherin den Propagandaminister Goebbels hochleben lassen müssen, in der Nachkriegsruine des Adlons den Hotelbetrieb in sozialistischer Manier aufrecht erhalten, und als Neunzigjährige (gespielt von Rosemarie Fendel) noch einmal in das wieder aufgebaute Adlon zurückkehren – ein bisschen ist diese Sonja wie Forrest Gump. Nur leider nicht im Mindesten so selbstironisch oder gar widerspenstig. Am Ende will dieses Melodram nicht mehr sagen, als dass Liebe keine Grenzen kennt. Und dass die schönen Dinge die hässliche Politik überdauern.

Der Film

Der Dreiteiler „Das Adlon. Eine Familiensaga“ läuft am 6., 7. und 9. Januar jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.

Regie führte Uli Edel, der mit Rodica Döhnert auch das Drehbuch schrieb. Die Produktionskosten beliefen sich auf knapp zehn Millionen Euro.

In den Hauptrollen sind Josefine Preuß, Rosemarie Fendel, Heino Ferch und Marie Bäumer zu sehen.

Der Mehrteiler ist ein harmloses, aber teures ZDF-Produkt: Mit 3,3 Millionen Euro pro Folge kostet jeder „Adlon“-Abend fast drei Mal so viel wie ein übliches Fernsehspiel. Historienfilme sind aufgrund der schwierigen Ausstattungslage eine teure Angelegenheit, die dann mit einem populären Ensemble und einem hohen Production Value versehen wird, um die üppigen Produktionskosten mit hohen Einschaltquoten rechtfertigen zu können. So weit, so Fernsehalltag.

Aber die Ausstrahlung von „Hotel Adlon“ fällt in den ersten Monat einer neuen TV-Zeitrechnung. Seit wenigen Tagen ist die GEZ-Gebühr abgeschafft, nun zahlen alle eine Haushaltsabgabe für ARD und ZDF, weil diese beiden Programme eine besondere Leistung für die Allgemeinheit erbringen sollen und wollen. Zum Beispiel eine besondere Diskursfähigkeit, ein Mehrwert, der die bloße Unterhaltung à la „Wanderhure“ übersteigt. Was also könnte dieses Surplus im Falle von „Hotel Adlon“ ausmachen?

Die Liste der historischen Mehrteiler, mit denen das Fernsehen in seiner mehr als 60-jährigen Geschichte beeindruckt hat, ist illuster: Egon Monk verfilmte 1989 für das ZDF Ralph Giordanos „Die Bertinis“. Eberhard Fechner inszenierte 1975 Kempowskis „Tadellöser und Wolff“. Man könnte „Klemperer“ anführen oder an den Einkauf der US-Serie „Holocaust“ erinnern. All diese Mehrteiler haben eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte gesucht, indem sie eine Geschichte erzählt haben. Die große historische Erzählung passt also durchaus in das Medium Fernsehen. Nur was will „Das Adlon“ mehr sein als harmlose, aber prächtige Unterhaltung?

Wie Schachfiguren

Die Figuren, die von Drehbuchautorin Rodica Döhnert wie Schachfiguren auf dem Spielbrett der Weltgeschichte nach ihren vorgegebenen Schrittmustern bewegt werden, kann Regisseur Uli Edel nicht zum Leben erwecken. Weder Jürgen Vogel als NS-Emporkömmling noch Katharina Wackernagel als opportunistische Mitläuferin hinterlassen mehr als das schale Gefühl, notwendiger Teil einer Geschichts-Inszenierung zu sein. Großartig wird „Hotel Adlon“ nur dort, wo es in den großen Gesten und privaten Gefühlen schwelgen kann. Das ist elegante Abendunterhaltung für ein älteres ZDF-Publikum, das ohnehin der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung überwiegend müde ist. Aber zu wenig für einen Fernsehsender, der ja letztlich kein Gastgeber ist, wenn er von uns allen nun erstmal Eintritt verlangt.

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