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Medienwandel: Den Turbo-Journalismus stoppen

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Innehalten, nachdenken, wenn’s sein muss, auch mal warten können: Pressefotografen in den Zwanzigerjahren – übrigens eine Blütezeit des Journalismus.
Innehalten, nachdenken, wenn’s sein muss, auch mal warten können: Pressefotografen in den Zwanzigerjahren – übrigens eine Blütezeit des Journalismus.
Foto: Getty Images/Old Visuals/Everett Collection

Immer schneller, immer seichter: Der Turbo-Journalismus verändert die Gesellschaft. Und Journalisten, die dich dem Zeitdruck ausliefern, berauben sich ihrer Freiheit, in Alternativen zu denken und alternativem Denken eine breite Öffentlichkeit zu verschaffen.

Es kann Ihr Nachbar sein, Ihre Nachbarin, der Arbeitskollege oder die Mitstreiterin am Arbeitsplatz. Und manchmal ist es auch die beste Freundin, der beste Freund. Sie sitzen mit ihnen zusammen, haben sich zu einem Kaffee verabredet, um das nächste Projekt zu besprechen, das Thema einer Fernsehsendung, eines Artikels oder schlicht ein Problem im Haus.

Das geht auch ganz gut, bis … ja bis sich seine/ihre Augen verstohlen nach innen kehren, bis er/sie sich von einer Gesäßhälfte auf die andere wendet, den Oberkörper verdreht und höchst umständlich das Smartphone aus der Hosentasche gräbt. Er oder sie wischt über die Oberfläche, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Besorgt fragen Sie nach: Ist was besonderes? Ooch nö, ist die beiläufige Antwort aus der anderen Welt. Doch der dutzendfache Boxenstopp zum Reifenwechsel der Informationsprofile gehört zum Alltag. Das Auftanken mit den neuesten Nachrichten wird zur Obsession.

Fingierte Brisanz

Eines ist klar: Wir selbst saugen die Flut an, die Wellen von irrelevanten Kleinigkeiten und die Riesenwellen des bloßen Scheins. Und dabei sind wir unersättlich. Und irgendwo in Hamburg, in Berlin, in München und in vielen Kleinstädten unserer Republik sitzen die, die uns satt kriegen müssen, unseren Hunger stillen wollen: In den Online-Redaktionen der großen Marken und vor den Monitoren der kleinen Redaktionen, die es den Großen gleich tun wollen – immer ein Auge auf Spiegel Online und Bild.de.

Und sie wissen, dass wir enttäuscht wären, wenn beim nächsten Wisch nichts Neues zu sehen wäre. Alle zwei Stunden werden die Aufmacher gewechselt. Neue Aufmerksamkeiten werden gesetzt, neue Fährten gelegt. Wenn es der Text nicht hergibt, muss es das Bild bringen. Ein EU-Treffen wird mit einem Foto aus dem Blaulichtmilieu angefixt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. „Fingierte Brisanz“ nennt ein Kollege das Verfahren.

Für die Journalisten in den Großräumen der Online-Redaktionen, in den Nachrichtensendern und Hörfunkstationen gelten die gleichen Kriterien des guten Journalismus wie für die Redakteure von Tages- und Wochenzeitungen, von politischen Fernsehmagazinen. Nur gelten für sie andere Gesetze. Es sind die Gesetze der pausenlosen Konkurrenz. Die Gesetze der Daytrader. Keiner will auch nur der Zweite sein. Und jedem steckt die Angst im Nacken, den Trend zu verpassen, nicht dabei zu sein beim Halali des Tages.

Seit Sonntag gehe ich mit Sandy ins Bett, der furios durch die Lüfte reitenden Hexe aus dem Atlantik. Ich wache mit ihr auf und verbringe den ganzen Tag mit ihr. Trotz ihres teuflischen Charakters ist sie mir inzwischen näher als meine eigene Frau. Und obwohl erst auf dem Weg an die amerikanische Ostküste, hat sie medial schon längst ganze Landstriche verwüstet, New York aus den Angeln gehoben und Washington in den Abgrund gestoßen. Was hat Sandy eigentlich noch zu tun, wenn sie wirklich auf Land trifft? Es gibt nichts mehr, was die Medien ihr noch zur Verwüstung gelassen haben. Die lange Reise des Wirbelsturms an die Küste wäre ein klassisches Beispiel für prozesshaften Journalismus gewesen, so wie ihn namhafte Vertreter der Medientheorie vor allem im Web sehen oder fürs Web fordern.

Sandy ist aber leider wieder nur ein klassisches Beispiel für die traditionelle Berichterstattung über Naturereignisse und soziale wie politische Entwicklungen. Ein Unterschied zwischen Online-Portal und Print, TV und Radio ist nicht zu erkennen. Das Ergebnis wird auf allen Plattformen spekulativ wie spektakulär vorausgesehen. Echtzeitjournalismus reicht schon lange nicht mehr. Die Endzeit muss es schon sein, über die wir Journalisten berichten.

Der Computer als Welt

Nicht der Weg zu einem Ziel wird beschrieben, natürlich auch nicht die einzelnen Schritte dahin. Abgepackte Fertigteile vermitteln den Eindruck einer unverrückbaren Endgültigkeit. Und die im scharfen Galopp. Entsprechend fallen die scharfrichterlichen Schnellurteile aus, die sich Journalisten so mal zu leisten glauben.

In seinem Spiegel-Essay „ Die rasenden Politiker“ hat Herfried Münkler auf die besondere Verantwortung von Presse und Medien für die parlamentarische Demokratie hingewiesen. Man könnte auch sagen, er hat ihre Verantwortungslosigkeit zum Thema gemacht. „Kaum etwas“ schreibt er, „hat die Funktionsweise der parlamentarischen Demokratie mehr beschädigt als die ständige Verkündigung der Alternativlosigkeit von Entscheidungen“. Unter dem Druck der Presse und der Medien stelle die Regierung das Parlament permanent vor vollendete Tatsachen.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Der Zeitdruck, dem sich Presse und Medien selbst ausliefern – damit meine ich ausdrücklich nicht nur die Online-Medien – mittels dieses Zeitdrucks berauben sich die Journalisten selbst ihrer Freiheit, in Alternativen zu denken und alternativem Denken eine breite Öffentlichkeit zu verschaffen.

Immer wieder werfen Medien, Wirtschaft und Wissenschaft der Kanzlerin opportunistische Stimmungspolitik vor. Augenblicksorientiert sei sie, ohne Perspektive und Horizont, ohne Richtung und Haltung. Ganz falsch ist diese Kritik an der deutschen Regierungschefin sicherlich nicht. Nur: welche Richtung, welche Haltung nehmen Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen in einer Welt der sozialen und globalen Unübersichtlichkeit ein? Welche Haltung haben, welche Perspektiven bieten die zahllosen Online-Portale der Verlage und Sendeanstalten? Ist bei ihnen selbst die so kräftig angemahnte Langzeitstrategie zu Hause oder regiert in vielen Medienhäusern nicht auch das situationsgesteuerte Stimmungsmanagement?

Anlass zu gegenseitigen Vorwürfen jedenfalls hat keine der gesellschaftlichen Gruppen. Politik, Wirtschaft und Medien richten sich nämlich nach den gleichen Aktionsimpulsen. Sie ordnen sich dem gleichen Zeittakt unter, sie folgen der gleichen Reaktionsmechanik und filtern nach der gleichen Prioritätenstruktur. Es ist ein Nervenverbund – und der macht Sorge, weil die Medien ein fester Teil dieses Verbundes sind.

Ein anderes Phänomen des modernen Wirtschaftsgeschehens lässt sich ebenso auf Presse und Medien übertragen. Allenthalben wird über die Entkoppelung der Finanzwirtschaft von der real-produzierenden Wirtschaft räsoniert. Was aber ist realitätsferner, wenn Redaktionen ihre Meldungen beinahe im Live-Takt kreieren, verändern oder anpassen müssen. Ihr Erfahrungsraum ist der Computerarbeitsplatz. Welche Wirklichkeit wird hier empfunden und welche wird von dort verbreitet? Die der Agenturen, die der Hinweise aus den sozialen Netzwerken und die der Zufallsfunde aus dem weiten Internet.

Nur wenige Online-Redaktionen können sich noch Reporter leisten, die sich ins Leben mischen, die sich Zeit nehmen, die beobachten, die aus dem Erlebten und nicht nur aus dem Gelesenen Zusammenhänge herstellen. Vielleicht ist es diese tatsächliche Distanz zum realen Leben, warum viele Leser, Hörer und Zuschauer die Berichterstattung über sich selbst eher als Fiktion denn als Tatsachenbeschreibung empfinden. Diese Feststellung gilt aber wahrlich nicht nur für die Online-Portale. Auch manche Fernsehanstalt, manche Radiostation und Verlag scheuen die Nähe zur Realität, weil sie ihr schlicht zu teuer kommt.

Luxus Zeit

Gegen Schnelligkeit im Journalismus ist ja grundsätzlich nichts zu sagen, wenn sie der journalistischen Aufgabenstellung angemessen ist. Im Gegenteil: Die Bürger haben das Recht, von Ereignissen, Entwicklungen, Entscheidungen und Zuständen schnell Kenntnis zu erlangen. Herrschaftswissen nützt nur der Herrschaft. Und lange verborgen gehaltenes Herrschaftswissen stützt die lange Herrschaft. Dagegen stützt offene und schnelle Information die Demokratie. In Zeiten absoluter Herrschaft war Schnelligkeit eine lebenswichtige Eigenschaft des Journalisten. Schnell schreiben, schnell drucken und schnell verteilen, schneller sein als die Büttel des Fürsten. Schnell, bevor die Zeitung konfisziert, die Druckerpresse versiegelt und der Journalist verhaftet werden konnte.

Heute haben sich die Verhältnisse beinahe in ihr Gegenteil verkehrt: Schnelle Berichte fürchten Politiker, Unternehmen, Verbände und auch Gewerkschaften mangels Substanz schon lange nicht mehr. Gefahr im Verzug kommt für sie aber dann auf, wenn sich ein Journalist Zeit nimmt. Das scheint verdächtig. Ich finde, wir sollten uns den Luxus, in einen solchen Verdacht zu geraten, weit mehr leisten als bislang. Für eine demokratische Öffentlichkeit ist dieser Luxus Notwendigkeit.

Die Rede von Nikolaus Brender als Video

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