Sonderthemen TV-Kritik

Medien

PEN: Die Erfahrung, nicht allein zu sein

Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN, Johano Strasser.
Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN, Johano Strasser.
Foto: dpa

PEN-Präsident Johano Strasser zur Solidarität mit Liu Xiabo.

Am Montag wird in Oslo der Friedensnobelpreis an die EU und in Stockholm der Nobelpreis für Literatur an den chinesischen Autoren Mo Yang vergeben. Vor zwei Jahren ging der Friedensnobelpreis nach China, an den Dissidenten Liu Xiabo, der nach wie vor im Gefängnis sitzt. Im Vorfeld der Preisverleihung fordern 134 Nobelpreisträger mit einer Petition die sofortige Freilassung Xiabos. Und der deutsche PEN-Club, als Vertretung von rund 700 Schriftstellern, appelliert an die Repräsentanten der EU, bei der Preisübergabe an Liu Xiabo zu erinnern. PEN-Präsident Johano Strasser über Chancen und Ziele dieser Aktion.

Herr Strasser, Liu Xiabo ist von einem chinesischen Gericht zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Seit 2008 sitzt er fast vollständig isoliert im Gefängnis. Daran hat auch der Nobelpreis nichts geändert. Welche Erfolgsaussichten können Appelle wie der des PEN-Clubs oder der Nobelpreisträger da haben?

Das ist schwer abzusehen. Aber natürlich ist es für die Inhaftierten wichtig zu wissen, dass sie nicht vergessen sind. Die Tatsache, dass Organisationen und mit ihnen viele Menschen zu erkennen geben, dass sie dieses Schicksal nicht einfach abgetan haben, ist für Inhaftierte wie Liu Xiabo ungeheuer wichtig. Auch für seine Frau, die seit zwei Jahren unter Hausarrest steht. Ich hoffe natürlich darüber hinaus, dass unsere Aktion in irgendeiner Form Wirkung zeigt.

Seine Funktion als Schutzschild für kritische Intellektuelle, scheint der Nobelpreis jedenfalls eingebüßt zu haben …

Auch früher hat öffentlicher Protest nicht immer geholfen. Denken Sie an Ken Saro-Wiwa in Nigeria, der trotz einer weltweiten Kampagne hingerichtet wurde. Manchmal schützt ein solcher Preis oder eine Kampagne, manchmal nicht – das ist schwer zu kalkulieren. Es hängt auch immer davon ab, wie die internen Machtverhältnisse sind. Und in China verändert sich ja gerade etwas. Das könnte vielleicht dazu führen, dass irgendwann doch stillschweigend etwas verbessert wird. Man muss bedenken: In China geht es den Machthabern immer auch darum, das Gesicht zu wahren, nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, man beuge sich äußerem Druck.

Öffentliche Appelle zielen aber gerade darauf ab, Druck aufzubauen. Besteht nicht die Gefahr, dass sie im Fall Xiabo kontraproduktiv sind?

Ich glaube es letzten Endes nicht. Und wie gesagt, da ist noch der andere Aspekt: Die Inhaftierten wissen zu lassen, das sie nicht allein sind. Das ist ungeheuer wichtig. Ohne die Erfahrung der Solidarität ist solch eine Inhaftierung kaum durchzustehen.

Auf der Petition der Nobelpreisträger fehlt allerdings die Unterschrift des aktuellen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan. Der hat sich letzte Woche sogar indirekt vor die KP Chinas gestellt – zumindest, was die Zensur angeht.

Er ist eine schwierige Figur. Auf der einen Seite beteuert er immer seine Linientreue. Aber seine Romane sind ungeheuer aufmüpfig. Er lässt darin kein gutes Haar an der Partei und den Behörden. Kurz nach der Verleihung des Nobelpreises, hat er sich auch öffentlich für Xiabos Freilassung ausgesprochen. Das darf man nicht vergessen. Jetzt erklärt er etwas schwammig, dass die Kritik des Westens an der Menschenrechtssituation in China zu harsch wäre. Ich halte den Nobelpreis für Mo Yan dennoch für gerechtfertigt. Aber er ist offenbar kein Schriftsteller, der sich außerhalb seiner Literatur politisch engagiert.

Das Gespräch führte Danijel Majic.

Der Petition für die Freilassung von Liu Xiabo, die Desmond Tutu mit allen lebenden Friedensnobelpreisträgern initiiert hat, kann sich jede/r hier anschließen: https://www.change.org/de/Petitionen/k%C3%BCnftiger-pr%C3%A4sident-chinas-xi-jinping-lassen-sie-nobelpreistr%C3%A4ger-liu-xiaobo-und-seine-ehefrau-liu-xia-frei

comments powered by Disqus
Neueste Bildergalerien Kultur & Medien
Serie zur Gentrifizierung
Sonderbeilagen & Prospekte
Galerie
Anzeige
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Galerie
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus Berlin, Pop-Expertisen und Beziehungsfragen.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. €) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen