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Tatort Berlin: Geldregen über dem Alexanderplatz

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Zähes Verhör: Kommissar Ritter (Dominic Raacke) vernimmt den mutmaßlichen Entführer (Edgar Selge). Der aber schweigt beharrlich.
Zähes Verhör: Kommissar Ritter (Dominic Raacke) vernimmt den mutmaßlichen Entführer (Edgar Selge). Der aber schweigt beharrlich.
Foto: dpa

Konsequent und konzentriert ist die „Tatort“- Folge „Machtlos“ aus Berlin. Regisseur Klaus Krämer, ein Spezialist in der Kunst, inszeniert einen Krimi ganz ohne genretypische Effekte. Hier fallen keine Schüsse, quietschen keine Reifen, fließt kein Blut.

Der neunjährige Benjamin lebt behütet mit seinen Eltern in einer Luxusvilla. Als seine Mutter ihn vom Schlagzeugunterricht abholen will, steht sie vor einer verschlossenen Tür. Die Polizei bricht die Wohnung auf und findet den geknebelten Schlagzeuglehrer mit der Botschaft: Benjamin ist entführt worden. Unwillkürlich weckt solch ein Fall Assoziationen zu einem realen Fall: 2002 war der zwölfjährige Bankierssohn Jakob von Metzler entführt und ermordet worden. Über die Frage, ob die Polizeibeamten dem verhafteten Entführer Gewalt androhen durften, wurde jahrelang gestritten, auch vor Gericht. Erst vor vier Monaten arbeitete ein ZDF-Spielfilm den Fall noch einmal auf.

Entführer lässt sich freiwillig festnehmen

Auch im Berliner „Tatort“ sitzen sich Entführer und Ermittler bald im Verhör gegenüber und kämpfen verbal um den immer noch verschwundenen Jungen. Dennoch führt der Film „Machtlos“ schnell weg vom realen Fall von Metzler, weil die Kontrahenten komplett anders agieren. Der Entführer (Edgar Selge) hatte sich freiwillig festnehmen lassen – nachdem er die erste Rate des Lösegelds unter Bedürftigen auf dem Berliner Alexanderplatz verschenkt hatte. Die Ermittler wiederum leisten sich weder emotionale Ausbrüche noch Gewaltandrohungen. Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) halten sich im Verhör eisern an die Vorschriften. Die beiden langjährigen TV-Kommissare hatten sich eigens für diese Folge von Berliner LKA-Beamten schulen lassen – und können nebenbei eingespielte Marotten ablegen.

Regisseur Klaus Krämer der auch das Drehbuch schrieb, ist ein Spezialist in der Kunst, einen Krimi ganz ohne genretypische Effekte zu inszenieren. Hier fallen keine Schüsse, quietschen keine Reifen, fließt kein Blut. Vor zwei Jahren hatte er mit dem Krimi „Hitchcock und Frau Wernicke“ bereits einmal einen RBB-„Tatort“ zum originellen Kammerspiel gemacht. Auch Edgar Selge hat Krämer bereits in einem Psychodrama geführt – da spielte Selge noch den „Polizeiruf“-Kommissar Tauber.

Machtlos sind hier alle

Dank Krämers konzentrierter Inszenierung behält auch dieser Krimi ohne jede äußere Handlung seine Spannung. Die genauen Zeitangaben zu Beginn, die ansonsten gern eine pseudo-dokumentarische Widerspiegelung andeuten sollen, zeigen hier vor allem, wie sehr sich die Zeit dehnt – ohne dass die Ermittler vorankommen. Die Geschichte vollzieht sich allein in den Gesichtern der Darsteller: Neben Selge, Raacke und Aljinovic haben auch Lena Stolze als Mutter, Ulrich Voß als Anwalt und Jakob Walser als Sohn des Entführers starke Auftritte – Walser ist Selges Sohn. „Machtlos“ sind hier alle , jeder auf seine Weise.

Zwar wirkt die politische Botschaft des Entführers, der ein „Zeichen setzen“ will, etwas aufgesetzt. Aber es ist erstaunlich, wie gerade die nüchtern-asketische Form immer wieder zu trockener Komik führt – und das bei diesem Thema.
Tatort: Machtlos, So., 20.15 Uhr, ARD

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