Erst 20.15 Uhr zeigten ARD und ZDF parallel das 21 Minuten lange Interview mit Christian Wulff. Bis dahin war es sehr aufregend. Das komplette Interview und Abschriften kursierten längst im Netz.
Barbara Hahlweg war begeistert. "Kein Journalist war heute so nah dran am Bundespräsidenten wie Sie!" rief die "heute"-Moderatorin der zugeschalteten Bettina Schausten zu. Nun ja, Ulrich Deppendorf vielleicht noch. Nur den beiden Hauptstadtstudio-Chefs von ARD und ZDF war gestern die Ehre eines exklusiven Interviews mit Bundespräsident Wulff zu teil geworden. Zur besten Sendezeit, um 20.15, Uhr zeigten beide Sender parallel das 21 Minuten lange Interview (ARD-Mediathek) mit Wulff. Bis dahin war es sehr aufregend.
Aufgezeichnet wurde das Gespräch nämlich schon drei Stunden früher. Während im Internet längst komplette Audio-Mitschnitte und Mitschriften (Netzpolitik.org) des Gesprächs kursierten, vertrieben sich das Erste und das Zweite Deutsche Fernsehen die Zeit bis zur Ausstrahlung mit Wulff-Appetithäppchen. Etwa mit einer Sonderausgabe der "Tagesschau" um 18.23 Uhr, für die eigens die Biathlon-Übertragung unterbrochen wurde. Einziges Thema: das Wulff-Interview. Erste Ausschnitte und dazu eine Experten-Einschätzung vom ARD-Fragesteller Deppendorf höchstpersönlich. Gleiches Spiel in der regulären "Tagesschau"-Ausgabe um 20 Uhr, gleiches Spiel in der "heute"-Sendung um 19 Uhr (Expertin war hier natürlich die ZDF-Frau Schausten).
Bundespräsident Christian Wulff (2.v.l.) verlässt am Mittwoch (04.01.12) seinen Amtssitz im Schloss Bellevue, um zur Aufzeichnung eines Interviews in ein Fernsehstudio zu fahren. Das Gespräch wird am Mittwochabend (20:15 Uhr) zeitgleich von ARD und ZDF ausgestrahlt.
Und dann ist es endlich so weit: "Bundespräsident Wulff stellt sich", so der Name der ARD-Variante (das ZDF begnügt sich mit einem nüchternen "Das Interview mit Bundespräsident Christian Wulff"). "ARD und ZDF haben ihr Programm geändert", begrüßt Deppendorf die verdutzten Zuschauer, die mit Veronica Ferres beziehungsweise Jörg Pilawa gerechnet hatten (klingt nach Klischee-Witz, ist aber die echte Programmplanung von gestern). Stattdessen sitzt der Problem-Bundespräsident vor Schausten und Deppendorf, hinter den Dreien leuchten Berlins Wahrzeichen in bedrohlichem Rot, nur das Schloss Bellevue ist noch teilweise zartgelb. Noch!
Wulff lässt sich also 23 Fragen zu Privatkrediten, Urlaubsdomizilen, Anrufbeantwortern, Amtsverständnis, Glaubwürdigkeit und Krisenmanagement stellen. Er erklärt, entschuldigt, verteidigt. Viel Gegenwehr bekommt er nicht, Schausten und Deppendorf haben aber auch ein straffes Programm und wenig Zeit.
Wer die Hitze nicht aushalten kann, sollte nicht Koch werden, zitiert der Bundespräsident am Ende sehr frei Harry S. Truman. Vielleicht eine etwas unglückliche Referenz? Schließlich machte genau jener US-Präsident zum Ende seiner Amtszeit mit einem eigenwilligen Verständnis von Pressefreiheit von sich reden. Truman verfasste damals, Anfang der 1950er, einen wutentbrannten Brief an einen Redakteur der "Washington Post", weil der sich erdreistet hatte, einen Verriss über Trumans Tochter Margaret, eine Sängerin, zu schreiben. Sollte er ihm je persönlich begegnen, drohte Truman dem Journalisten, werde er ihm das Gesicht verunstalten.
Das Aufeinandertreffen zwischen Politik und Medien endete gestern deutlich friedlicher.
Johannes Rau (1999-2004), langjähriger NRW -Regierungschef (SPD), galt als versöhnender Charakter. Er machte deutlich, dass er nicht nur Präsident aller Deutschen, sondern auch Ansprechpartner für alle Bürger ausländischer Herkunft in Deutschland sein wolle. Eindringlich warb er für Toleranz und die Integration von Minderheiten. Schon 2003 kündigte er an, sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen zu wollen - ob aus gesundheitlichen Gründen oder weil Rot-Grün keine Mehrheit in der Bundesversammlung hatte, ist unklar.
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Roman Herzog (1994-1999), früherer Präsident des Bundesverfassungsgerichts, trat überraschend als Unionskandidat an - verzichtete aber schon vrab auf eine zweite Amtszeit. Er warb bald nach seiner Amtsübernahme für Berlin als Regierungssitz. Seine Bürgernähe brachten dem Christdemokraten Anerkennung. Innenpolitisch bedeutsam war seine Berliner Rede im April 1997, in der er Stillstand in Politik und Gesellschaft anprangerte. Herzog mahnte damals: "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen."
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Richard von Weizsäcker (1984-1994), erwarb sich den Ruf als Gewissen der Nation. Unvergessen bleibt seine Rede zum 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, in der er sich bedingungslos zur historischen Schuld der Deutschen bekannte. Der Christdemokrat (hier mit dem damaligen KPdSU-Chef Michail Gorbatschow) engagierte sich für die Aussöhnung mit dem Osten. Später mahnte er zur Behutsamkeit beim Zusammenwachsen von DDR und Bundesrepublik. Eine dritte Amtszeit des beliebten Staatsoberhauptes ließ das Grundgesetz nicht zu.
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Karl Carstens (1979-84), war ein Verfechter konservativer Werte wie Fleiß und Pflichtbewusstsein, Familie und Nationalstolz. Ungeachtet seines spröden hanseatischen Naturells bemühte sich der CDU-Politiker um engen Kontakt zur Bevölkerung. Während seiner Amtszeit legte er über 1500 Kilometer in Wanderschuhen zurück - weshalb er auch "Spaziergänger der Nation" und "Wanderpräsident" genannt wurde. Wie andere vor ihm verzichtete er aus Altersgründen auf eine zweite Amtszeit.
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Walter Scheel (1974-79), kam als zweiter Liberaler an die Spitze des Staates. Das volkstümliche Staatsoberhaupt scheute sich nicht, "Hoch auf dem gelben Wagen" zu sitzen und zu singen. Als Präsident setzte er sich wie zuvor als Außenminister für die Ostpolitik ein. Deutschland werde die Fehler und Verbrechen der Vergangenheit nie wiederholen, versicherte er stets. 1974 hatte Scheel sich noch gegen den CDU-Kandidaten Richard von Weizsäcker durchsetzen können. Fünf Jahre später sprachen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag eindeutig für die CDU - Scheel verzichtete auf eine Wiederwahl.
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Gustav Heinemann (1969-74), war ein eher wortkarger Bundespräsident. Der Sozialdemokrat wurde mit den Stimmen der damals oppositionellen FDP in das höchste Staatsamt gewählt, ein Vorzeichen für die später gebildete Regierungskoalition von SPD und FDP. Heinemann wirkte streng, doch er galt als Vorbild für moralische Integrität. Nach einer Amtsperiode verzichtete er aus Gesundheits- und Altersgründen darauf, sich zur Wiederwahl zu stellen.
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Heinrich Lübke (1959-69), legte einen Schwerpunkt auf die Entwicklungshilfe. Der Sohn eines Schuhmachers besuchte 35 Staaten. Für das höchste Amt hatte sich der CDU-Politiker widerstrebend zur Verfügung gestellt, denn er hielt sich für wenig geeignet. 1966 wurden erstmals Vorwürfe gegen Lübke laut, er habe in der NS-Zeit als oberster Bauleiter an einem mit Zwangsarbeitern betriebenen Raketenwaffen-Programm mitgewirkt. Lübke erklärte im Oktober 1968 vorzeitig seinen Rücktritt - und ist damit neben Horst Köhler erst der zweite Präsident, der vorzeitig aus dem Amt schied -, damit die Wahl seines Nachfolgers noch vor dem Start des Bundestagswahlkampfs erfolgen konnte. Offiziell erfolgte seine Demission allerdings erst zum Ende der zweiten Amtsperiode am 30. Juni 1969.
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Theodor Heuss war von 1949 bis 1959 erster Präsident der BRD. Er galt als Glücksfall für die junge Republik. Ihm ist zu verdanken, dass das Bundespräsidenten-Amt zu hohem Ansehen gelangte. Der Liberale schaffte es, in der Welt Vorurteile gegenüber den Deutschen abzubauen. 1959 wurde sogar erwogen, ihm durch eine Grundgesetzänderung eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Heuss lehnte ab, um keinen Präzedenzfall zu schaffen.
Horst Köhler (2004-2010) kam vom Chefsessel des IWF ins Amt des Staatsoberhaupts. Obwohl er sich häufig zu aktuellen politischen Fragen äußerte und dabei auch im eigenen konservativen Lager aneckte, setzte er sich 2009 bei der Wiederwahl erneut gegen Gesine Schwan durch. Köhler fiel besonders mit seinem Afrika-Engagement auf. 2010 ging er auf Distanz zur schwarz-gelben Regierung und erklärte am 31. Mai 2010 überraschend seinen Rücktritt - das hatte vor ihm erst ein Bundespräsident getan. Auslöser war die heftige Kritik an Köhlers Äußerungen zu den Bundeswehr-Einsätzen in Afghanistan.
Auch der Name Petra Roth fällt in den Verhandlungen über die Nachfolge von Christian Wulff. Die CDU-Politikerin gibt ihr Amt als Frankfurter Oberbürgermeisterin in Kürze ab.
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Der frühere Bischof Wolfgang Huber ist ebenfalls im Gespräch als Wulff-Nachfolger. Der einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zählt zu den intellektuellen Vordenkern und bekanntesten Wortführern des deutschen Protestantismus.
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Klaus Töpfer von der CDU war 2010 von Rot-Grün gefragt worden, ob er als Bundespräsident kandidieren wolle - er winkte ab, aus Rücksicht auf seine Partei. Er würde als Staatsoberhaupt weit ins Unions- und Grünen-Lager ausstrahlen.
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) war vor eineinhalb Jahren schon einmal als mögliche Bundespräsidentin im Gespräch. Wegen früherer Netzsperren machte sich „Zensursula“ aber bei Teilen der FDP unbeliebt und verstörte mit ihrer modernen Familienpolitik die Konservativen in der Union.
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Joachim Gauck verlor bei der vergangenen Bundespräsidenten-Wahl im dritten Wahlgang gegen Christian Wulff. Merkel schätzt den Bürgerrechtler nach eigenen Angaben "persönlich sehr". Im Falle seiner Kandidatur würden SPD und Linke wahrscheinlich keinen Gegenkandidaten aufstellen.
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Verteidigungsminister Thomas de Maizière wird als denkbarer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt. Allerdings kann die CDU kaum auf ihn als Kanzler-Reserve verzichten.
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gilt in der FDP wegen seines hinhaltenden Widerstands gegen Steuersenkungen als kaum vermittelbar und hat sich überdies mit der öffentlichen Bloßstellung seines Ex-Sprechers menschlich angreifbar gemacht.
Für das höchste Amt geeignet wäre sicher Bundestagspräsident Norbert Lammert, der an seinen Ambitionen in der Vergangenheit wenig Zweifel ließ. Doch hat der querköpfige Politiker mit seiner Kritik an Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, den Zweifeln an der rechtlichen Grundlage des Atomausstiegs und dem Protest gegen die Missachtung des Parlaments bei der Euro-Rettung möglicherweise zu viele Unionisten gegen sich aufgebracht. Angeblich hat Lammert bereits abgesagt.