05.11.2011

ZDF: Volle Kraft voraus!

Von Peer Schader
        

Wenn die „MS Deutschland“ fürs Fernsehen in See sticht, werden alle Tiefgründigkeiten großzügig umfahren.
Wenn die „MS Deutschland“ fürs Fernsehen in See sticht, werden alle Tiefgründigkeiten großzügig umfahren.
Foto: dpa

Am Sonntag läuft im ZDF die 65. „Traumschiff“-Folge: eine Erfolgsanalyse zum 30. Geburtstag.

Seit 30 Jahren schippert im ZDF das „Traumschiff“ über die Ozeane, ein Metall gewordenes Sehnsuchtsklischee, das nicht nur die entlegensten Häfen der Welt ansteuert, sondern dabei auch zielgerichtet das Plausibilitäts- und Schmerzzentrum seiner Zuschauer blockiert. Anlässlich des Jubiläums wartet der Sender ausnahmsweise mal nicht bis Weihnachten, um eine neue Episode zu zeigen, sondern nimmt die 65. Folge bereits an diesem Sonntag ins Programm. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut lobt die Reihe für ihre „edle Art des Eskapismus und für den Quotenerfolg schlechthin“. Stimmt ja auch: Bis zu zehn Millionen sehen zu, wenn Kapitän Paulsen, Chefstewardess Beatrice und der erst vor kurzem an Bord gegangene Schiffsarzt Dr. Sander mit Starbesetzung auf große Reise gehen. Aber wie funktioniert das mit dem „edlen Eskapismus“? Ach, eigentlich ganz einfach.

Liebesgeschichte, Minidrama und Komödie

Die Geschichten: Immer auf Sicht navigieren! Vorhersehbarkeit gehört zu den wichtigsten Grundvoraussetzungen der „Traumschiff“-Logik. Jede Folge setzt sich zusammen aus einer Liebesgeschichte, einem Minidrama und einer komödiantischen Nummer, die abwechselnd erzählt werden. Pünktlich zum wunderbekerzten Kapitänsdinner haben sich alle zerstrittenen Freundinnen darauf geeinigt, wer von beiden den schmucken Junggesellen vom Oberdeck behalten darf. Sämtliche verloren geglaubten Jugendlieben sind nach einem schicksalhaften Wiedersehen an Bord in Heiratsanträgen kulminiert. Adoptivkinder durften ihre leiblichen Mütter in die Arme schließen, die sie zufällig beim Landgang getroffen haben. Und alle Nonnen, die ein dunkles Geheimnis hüten, haben ihre Mitreisenden auf den rechten Weg zurückgeführt. Aktionsreichere Handlungsstränge sind Gift für die Quote: Als Wayne Carpendale in der Panama-Folge aus dem vergangenen Dezember als Schiffsoffizier in ein Mordkomplott verstrickt wurde und sich Kapitän Paulsen am Ende ein kleines Wettrennen mit den korrupten Behörden lieferte, sank die Zuschauerzahl zur Strafe erstmals seit zwei Jahren unter acht Millionen. Das wird dem ZDF eine Lehre sein.

Titelmelodie als Einschlafhilfe

Die Musik: Kurs halten! James Last höchstpersönlich hat die Titelmusik komponiert, die bereits seit Anfang der 90er-Jahre verwendet und in der Medizin inzwischen bei Patienten mit akuter Schlafstörung eingesetzt wird.

Das Bordpersonal: Bloß keine Leichtmatrosen! Ein Kapitän, eine Chefstewardess, ein Arzt – fertig ist die „Traumschiff“-Crew. Wer interessiert sich schon für die Typen, die im Maschinenraum dafür sorgen, dass der Kahn von der Stelle kommt? Damit die Stammbesatzung sich mit dem Aufsagen der im Drehbuch notierten Neckereien aber nicht überanstrengt, fahren seit einigen Jahren Harald Schmidt als Unterhaltungsdirektor und Inka Bause als singende Fitnesstrainerin mit. Ihr gemeinsamer Auftritt als „Blues Brothers“ ist von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medieninhalte vermutlich nur ganz knapp als nicht entwicklungsbeeinträchtigend eingestuft worden und darf auch künftig ohne Altersbeschränkung wiederholt werden.

Die Gaststars: Volle Kraft voraus! 537 Schauspieler hat das „Traumschiff“ in 65 Folgen verschlissen, nur 0,05 Prozent davon haben hinterher ein fieses Buch über alkoholisierte Darsteller und die Langeweile an Bord geschrieben anstatt dankbar dafür zu sein, vom ZDF den Jahresurlaub bezahlt zu bekommen. In der Sonntagsfolge ist unter anderem Hape Kerkeling als Schildkrötenforscher dabei, außerdem gibt es Kurzauftritte von Otto Waalkes, Til Schweiger, Gaby Dohm, Hannelore Elsner und Ingolf Lück. Die Bundeskanzlerin hat ihre Rolle als verschollen geglaubte Zwillingsschwester von Chefstewardess Beatrice aus Zeitgründen absagen müssen.

Folkloristisch nachkoloriertes Urlaubsparadies

Die Kulissen: Schön auf Grund laufen! Mit der Erfindung der Bewegtbildpostkarte wird „Traumschiff“-Produzent Wolfgang Rademann in die Geschichte eingehen. Um das Fernweh seines Publikums zu bedienen, reicht es ihm nicht, einfach nur die schönsten Fleckchen Erde zu filmen, die der ZDF-Tanker ansteuert. Erst durch eine folkloristische Nachkoloration wird ein schönes Land auch „Traumschiff“-tauglich. In der Südsee vollführen Feuerkeulen schwingende Baströckchen- träger uralte Eingeborenentänze, bevor sie die Schiffsgäste in selbstgeflochtenen Kanus davonrudern; in Peru musiziert im Hintergrund die wahrscheinlich aus einer deutschen Fußgängerzone entwendete Panflötengruppe mit Volltracht und angeleinten Zwerglamas; nur der Scheich, der in sich der Emirate-Folge in Schiffshostess Beatrice verliebt und sie in sein Wüstenzelt einlädt, spricht verdächtig akzentfrei Deutsch.

Die Moral: Tiefgründigkeiten großzügig umfahren! Tabuthemen sind auf dem „Traumschiff“ – tabu. Mit der gesellschaftlichen Realität sollen sich bitteschön andere herumplagen. Ausländer gibt’s zwar zuhauf, aber halt nur im Ausland. Die gleichgeschlechtliche Liebe ist noch nicht erfunden worden. Und Krankheit ist ein ganz schwieriges Thema. Gut möglich, dass mal einem ein bisschen übel wird. Aber Gäste, die davon überzeugt sind, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hat und die deshalb noch einmal die Welt umsegeln wollen, erfahren an Bord, dass sich ihr Hausarzt geirrt hat und sie doch nicht sterben müssen. Prima Sache. Da kann ja gleich fürs nächste Jahr gebucht werden.

Happy Birthday Traumschiff, Sonnabend, 13.55 Uhr im ZDF. Das Traumschiff, Sonntag, 20.15 Uhr.

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