08.02.2012

Virtopsie: Revolution im Seziersaal

Von Andreas Kopietz
        

Eine am Morgen erschossene Frau wird in das Röntgengerät geschoben. Die Toten werden noch im Leichensack untersucht, damit alle Spuren erhalten bleiben.
Eine am Morgen erschossene Frau wird in das Röntgengerät geschoben. Die Toten werden noch im Leichensack untersucht, damit alle Spuren erhalten bleiben.
Foto: Gerd Engelsmann
Berlin –  

Im Berliner Institut für Rechtsmedizin werden Leichen jetzt am Computer obduziert. Virtuelle Autopsie, kurz: „Virtopsie“ wird das Verfahren in Fachkreisen genannt. Dabei müssen Tote immer seltener aufgeschnitten werden. Deshalb schaffte sich die Charité im vergangenen Sommer für rund 250.000 Euro ein neues Gerät an.

Seit Lars Oesterhelweg die neue Maschine hat, muss er nicht mehr so oft enthaupten. Nicht wie damals, als ein junger Mann mit einem Baseballschläger getötet worden war. Danach musste der Mediziner dessen Kopf vom Rumpf trennen, das Gewebe entfernen und die Trümmer des Schädels wieder zusammensetzen, um so zu ermitteln, wie stark, wie oft, aus welcher Richtung und womit der Täter zugeschlagen hat.

Solche Untersuchungen gehören zum Handwerk eines Rechtsmediziners, der Todesursachen herausfinden und Hergänge von Verbrechen rekonstruieren muss. Dabei kann es aber auch zu Ungenauigkeiten kommen. „Und auch für die Angehörigen des Opfers ist das Wissen um solche Untersuchungen nicht angenehm“, sagt Oesterhelweg.

Der 39-jährige leitende Oberarzt ist stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité. Er und sein Chef Michael Tsokos (45) sind derzeit dabei, die Aufklärung von Todesfällen zu revolutionieren. Sie obduzieren jetzt Leichen am Computer. Virtuelle Autopsie, kurz: „Virtopsie“ wird das Verfahren in Fachkreisen genannt. Dabei müssen Tote immer seltener aufgeschnitten werden. Deshalb schaffte sich die Charité im vergangenen Sommer für rund 250.000 Euro ein neues Gerät an, das in der Branche „pmMSCT“ heißt. Das steht für postmortaler Mehrschichten-Computertomograph.

Starke Strahlung

Man kennt Computertomographen aus der Medizin für lebende Menschen, wenn ein Röntgenstrahl den Körper scheibchenweise durchleuchtet. Am Computer wird der Körper dann dreidimensional zusammengesetzt. Der pmMSCT funktioniert nach dem selben Prinzip. Allerdings ist seine Röntgenstrahlung so stark, dass sie Lebende umbringen würde. Weil sie aber Toten nicht schadet, kann man mit ihr viel feinere Auflösungen erzielen: 0,5 Millimeter Schichtdicke, ein Viertel überlappend. So geht kein Detail verloren. Radiologen, die lebende Patienten röntgen, haben nicht so viel Einblick wie Tsokos und Oesterhelweg.

Ein bis zwei Mal pro Tag nutzen die beiden Rechtsmediziner den pmMSCT. „Für alle tödlichen Verkehrsunfälle, alle Stürze aus großer Höhe, alle Schussverletzungen, alle kindlichen Todesfälle“, sagt Michael Tsokos. Der zerstückelte Tätowierer Raoul S., dessen Überreste im vergangenen Jahr aus der Spree geholt wurden, war einer der ersten Toten, die mit dem neuen Gerät untersucht worden sind. Staatsanwälte und Mordermittler der Polizei sind zufrieden mit den neuen Möglichkeiten. Häufig stehen die Ermittler direkt neben dem Monitor und müssen nicht mehr auf die Obduktionsergebnisse warten, um zu wissen, in welche Richtung sie suchen müssen.

Die Spurensicherung kann den Körper gezielter nach Spuren absuchen, und auch über die Tatwaffe gibt es meistens schneller Aufschluss. „Diese neue Methode ist für die Beweisführung in der Hauptverhandlung sehr hilfreich“, sagt Simone Herbeth von der Berliner Staatsanwaltschaft. „Sie hilft uns besonders bei Stich- und Schussverletzungen.“ Die ersten Tötungsdelikte, in denen der pmMSCT bei der Aufklärung half, sollen in den nächsten Wochen vor Gericht kommen.

Ötzi verblutete durch einen Pfeil

Die Israelis waren die ersten, die Tote im CT untersuchten. Vor allem orthodoxe Juden lehnen die Obduktion ab.

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