12.12.2011

Analyse: Wie Bescheidenheit die Eurokrise anheizt

Von Eva Roth

In Deutschland sind die Arbeitskosten viel langsamer gestiegen, als in anderen europäischen Ländern. Das spüren nicht nur die Arbeitnehmer, die Lohnzurückhaltung hat auch zur aktuellen Eurokrise beigetragen.

Die Arbeitskosten in Deutschland sind in den vergangenen Jahren viel langsamer gestiegen als in anderen europäischen Ländern. Leidtragende sind nicht nur Arbeitnehmer. Die Lohnzurückhaltung hat auch zur aktuellen Eurokrise beigetragen, urteilt das Konjunkturforschungsinstitut IMK der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer jetzt vorgelegten Analyse. Deshalb müssen die Einkommen in Deutschland stärker steigen, fordern die Forscher. Denn nur so könne man die europäische Währungsunion retten und gleichzeitig eine Transferunion vermeiden.

Im vorigen Jahr sind die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft gerade einmal um 0,6 Prozent gestiegen, so das IMK. Trotz des kräftigen Wachstums hat sich damit ein langjähriger Trend fortgesetzt. So wuchsen die deutschen Arbeitskosten seit 2000 durchschnittlich um 1,7 Prozent pro Jahr. Im gesamten Euroraum war der Anstieg mit 2,8 Prozent viel höher.

Wenn man herausfinden will, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft entwickelt hat, sollte man sich auch die Lohnstückkosten anschauen. Denn diese Größe berücksichtigt die Produktivität. Angenommen, die Belegschaft eines Unternehmens verdient heute pro Stunde drei Prozent mehr Geld als im Vorjahr. Gleichzeitig ist ihre Produktivität um drei Prozent gestiegen, weil sie dank besserer Arbeitsabläufe pro Stunde mehr Waren herstellt. Dann sind die Lohnstückkosten gleich geblieben. Denn die Beschäftigten verdienen nicht nur mehr, auch der Wert der produzierten Güter ist gestiegen.

Wenn in einem anderen Unternehmen die Einkommen dagegen um zehn Prozent steigen, die Produktivität aber nur um drei Prozent, dann steigen die Lohnstückkosten, dann ist dieses Unternehmen auch weniger wettbewerbsfähig.

Die tatsächlich Entwicklung im Euroraum sieht laut IMK so aus: In Deutschland waren die Lohnstückkosten Mitte 2011 um 6,8 Prozent höher als im Jahr 2000. Im gesamten Euroraum wuchsen die Lohnstückkosten dagegen dreimal so stark, nämlich um 21,3 Prozent. Die Folge: Deutsche Unternehmen steigerten ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Dieser Preisvorteil war gut für die hiesige Industrie und hat zu ihren Exporterfolgen beigetragen. Gleichzeitig schwächelte jedoch die Binnennachfrage, weil die Beschäftigten kaum Lohnzuwächse haben. Im Ergebnis erzielte Deutschland enorme Leistungsbilanzüberschüsse.

Diese Überschüsse waren nur möglich, weil anderer Länder Leistungsbilanzdefizite verbuchten. Andere Staaten haben sich also verschuldet, um ihre Importe – aus Deutschland und anderswo – finanzieren zu können.

Heute wissen wir, dass solche Ungleichgewichte auf Dauer nicht gut gehen: Wenn die Schuldner in Schwierigkeiten kommen, haben auch die Gläubiger ein Problem, betont IMK-Direktor Gustav Horn.

Um aus der Misere herauszukommen, muss Deutschland nicht weniger exportieren. Vielmehr geht es darum, die Binnennachfrage zu stärken – und damit auch den Import anzukurbeln. Für IMK-Chef Horn bedeutet dies: Die Löhne in Deutschland müssen stärker steigen als bisher, er plädiert für jährliche Zuwächse von drei bis 3,5 Prozent. Gleichzeitig sollten die Einkommen in Krisenstaaten wie Griechenland, Portugal, Irland und Spanien langsamer wachsen als früher. Genau das passiert in einigen Ländern bereits: In Griechenland sind die Arbeitskosten in jüngster Zeit um 3,7 Prozent gesunken.

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