20.02.2012

Anwerbeabkommen: Vorurteilsfrei einheimisch

Von Anetta Kahane

Durch die Zwickauer Terrorzelle ist die gesamte Sicherheitspolitik des Landes ins Wanken geraten. Bei ihrer Rede für die Terroropfer am 23. Februar muss die Kanzlerin klären, was Teil der deutschen Identität ist - und was nicht.

Als am 2. November des vergangenen Jahres im Auswärtigen Amt der Festakt anlässlich des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens mit der Türkei stattfand, fühlte sich alles noch normal an. Bundeskanzlerin Angela Merkel saß aufgeräumt neben dem türkischen Premierminister Recep Erdogan, und man plauderte kontrovers, aber freundlich über die heutige Integration der damaligen Gastarbeiter. Es war alles in allem ein launiges Gespräch.

In der Erinnerung von deutscher Seite an die Zeit, als die ersten, dringend benötigten Arbeitskräfte aus der Türkei noch mit Blumen begrüßt wurden, schwang etwas Gönnerhaftes mit. Der Dank an jene Pioniere ähnelte dem an die Trümmerfrauen nach dem erfolgreich geleisteten Wiederaufbau: Ach ja, wenn wir sie nicht gehabt hätten damals in der Not, wären wir nicht, wo wie sind. Heute aber ist die Not vorbei – also zurück an den Herd. Doch die Türken gingen nicht zurück an den heimatlichen Herd, sondern begannen in Deutschland zu leben. Mit all dem aufregenden Drum und Dran, das nach Jahrzehnten währender Sprachlosigkeit irgendwann „Integration“ genannt wurde.

Nur zwei Tage nach diesem Festakt explodierte im Sächsischen Zwickau ein Haus. Drei Rechtsextremisten waren aufgeflogen, nachdem sie sich über viele Jahre in Ruhe als Serienmörder und Bankräuber durch das Land bewegen konnten. Dadurch war die gesamte Sicherheitsarchitektur der Bundesrepublik ins Wanken geraten; Polizei und Verfassungsschutz hatten so dramatisch versagt, dass nur mit Mühe der Eindruck entkräftet werden kann, es würde sich um vorsätzliches Wegschauen handeln. Doch das Schlimmste ist: die Opfer der Nazis und die Hinterbliebenen sahen sich jahrelang vorurteilsvollen Verdächtigungen ausgesetzt, weil vorurteilsvoll ermittelt und berichtet worden war. Die Tatsache, dass nichts, gar nichts – nicht einmal ein deutscher Pass – sie aus dem Status der Fremden erlösen konnte, hat sich an diesem Fall besonders schmerzlich gezeigt.

Am 23. Februar bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer wird nun statt des zurückgetretenen Bundespräsidenten die Kanzlerin sprechen. Das ist gut, unvergleichlich viel besser als einst Helmut Kohls Abwesenheit bei der Trauerfeier nach dem fremdenfeindlichen Brandanschlag von Solingen 1993.

Die Kanzlerin muss in ihrer Rede dem Anlass menschlich wie politisch gerecht werden. Dass sie sich eindeutig gegen Rechtsextremismus bekennt, ist gewiss zu erwarten. Doch richtungweisend wird die Rede nur, wenn sie auch eine Wende im Selbstverständnis darüber einfordert, was deutsche Identität ist. Niemand, der hier zu Hause ist, darf wegen seiner äußeren Merkmale, seines Namens oder seiner Religion auf ewig davon ausgeschlossen bleiben!

Dieses Mal reicht der mütterliche Habitus nicht, den die Kanzlerin bei der Feier für das Anwerbeabkommen zeigte. Auf die Frage, wie sie eigentlich zu den anderen, nicht aus der Türkei stammenden Gastarbeitern stünde, sagte sie doch tatsächlich, dass ihr eigentlich alle gleich lieb wären. Solange sie sich nur vernünftig benehmen würden.

Dieses Mal allerdings muss sie sich vor den Opfern der Neonazis mehr anstrengen, damit sie wieder ernst genommen werden können. Und zwar von uns allen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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