21.02.2012

Auslese: Ein Jahr Guttenberg-Affäre: Gefährliche Wertekollision

Von Harry Nutt
Vor einem Jahr begann sei n Abstieg: Karl-Theodor zu Guttenberg.
Vor einem Jahr begann sei n Abstieg: Karl-Theodor zu Guttenberg.
Foto: dapd

Vor einem Jahr begann die Guttenberg-Affäre. Der Rücktritt Guttenbergs wurde als ein Sieg der Zivilgesellschaft über politische Beharrungskräfte gewertet. Aber war es auch ein Sieg der Wissenschaft?

Es ist etwa ein Jahr her, dass der Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano mit einer Rezension der Doktorarbeit des damaligen Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg jene Plagiatsaffäre auslöste, die über Wochen die bundesrepublikanische Politik erschütterte. Beeinträchtigt wurde nicht zuletzt das Verhältnis von Politik und Wissenschaft, am stärksten zugespitzt in der schnoddrigen Bemerkung von Kanzlerin Angela Merkel, sie habe einen Verteidigungsminister eingestellt und keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Der Rücktritt Guttenbergs wurde als ein Sieg der Zivilgesellschaft über politische Beharrungskräfte gewertet. Aber war es auch ein Sieg der Wissenschaft? So fragt Andreas Fischer-Lescano in der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik und richtet dabei den Blick auf die Rechtswissenschaften. Das Versagen des Wissenschaftssystems bleibt, findet Fischer-Lescano, auch wenn in der Rechtswissenschaft eine Selbstvergewisserung über das Grundverständnis der Profession angestoßen worden sei. „Diese Reflexion bezieht sich derzeit in erster Linie darauf zu fragen, wie die Doktorandenausbildung so reformiert werden kann, dass es unwahrscheinlicher wird, eine allzu fehlerhafte Doktorarbeit mit summa cum laude zu bewerten, und dass es wahrscheinlicher wird, Plagiate aufzudecken.“
Für Fischer-Lescano ist der Fall Guttenberg kein Einzelfall. Vielmehr lassen sich an ihm strukturelle Defizite studieren, die nicht nur in den universitären Abläufen begründet liegen. Es herrsche bundesweit in der Rechtswissenschaft Wirtschafts- und Regierungsnähe, ist die nüchterne Erkenntnis von Fischer-Lescano. „Die Rechtswissenschaft muss die Grundlagen von Nähe und Distanz zu Politik und Wirtschaft neu bedenken. Wissenschaftliche Praxis ist mehr als das korrekte Setzen von Fußnoten.“ Fischer-Lescano setzt sich mit den Kooperationsformen auseinander, die inzwischen zum universitären Alltag gehören und die fragwürdige Grenzübertritte geradezu herausfordern. Ferner werde die Rechtswissenschaft vielfach als Elitenwissenschaft wahrgenommen.
Die Guttenberg-Affäre ist Ausdruck einer gefährlichen Wertekollision. „Postdemokratische Politik, die in raffinierter Form zuletzt gar versucht, noch den Umgang mit ihrer Unglaubwürdigkeit zu einem Glaubwürdigkeitsattribut umzudeuten, verletzt nicht einfach die Regeln des politischen Anstands, sondern greift respektlos in andere gesellschaftliche Wert- und Autonomiesphären über. Dabei auftretende Rechtsbrüche werden als Stilfragen und Kavaliersdelikte bagatellisiert.“ Die Plagiatsaffäre, so Fischer-Lescano, sei so ein Baustein postdemokratischer Desillusionierung, in der Politik nur noch der äußeren Form nach demokratisch betrieben werde.Die Netzwerke aus Politik und Wirtschaft haben den Respekt vor gesellschaftlichen Werten verloren.

Guttenbergs Aufstieg und Fall

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