22.02.2012

Auslese: Europäische Beziehungen in Zeiten der Krise

Von Harry Nutt
Die Europäer sind sich ähnlicher als man denkt.
Die Europäer sind sich ähnlicher als man denkt.
Foto: dpa

Wie steht es um die Beziehungen der EU-Länder untereinander? In Zeiten der Krise könnte man meinen sehr schlecht, doch die Europäer sind sich ähnlicher, als man denkt.

Die Dauerkrise des Euro und das wie in einer Endlosschleife zirkulierende Stück Griechenland-Rettung haben zuletzt auch den Blick für die Unterschiede europäischer Mentalitäten geschärft. Kulturell spiele sich zwischen Deutschland und Frankreich nicht mehr viel ab, befand unlängst der französische Historiker Pierre Nora, und die Publizistin Cora Stephan sekundiert in der Welt: „Was die Deutschen betrifft, so hat die sentimentale Vorliebe für französische Chansons, Sartre und Beauvoir, Baguette und Fromage und Vin Rouge schon lange ausgedient. Ebenso die Legende, dass auch in tiefster Provinz große französische Küche serviert wird und französischer Wein dem deutschen stets vorzuziehen wäre. “ Also Desillusionierung ausgerechnet jetzt, fragt Cora Stephan, wo sich Deutschland und Frankreich als tragende Pfeiler Europas bewähren sollen?“

Antworten auf ihre Fragen versucht Nikolas Busse zu geben, der sich in der FAZ ebenfalls für das Zusammentreffen von Krise und europäischen Stereotypen interessiert und dabei Entwarnung gibt. „Das Euro-Debakel zeigt nun, dass sie das Bewusstsein der Völker nicht wirklich erfasst, sondern bestenfalls gestreift hat. Natürlich gibt es in Europa gewaltige Unterschiede in den Mentalitäten zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West. Und natürlich ist der griechische Staat ein erschreckender Sanierungsfall, dem nur noch harte Reformen helfen, nicht Schuldzuweisungen an den größten Geber. Aber ist es wirklich schon Ausweis süßen Nichtstuns, wenn die Griechen im Schnitt vier Jahre weniger arbeiten als die Deutschen? Wie fleißig sind dann eigentlich die Deutschen, da die Schweden noch mal drei Jahre länger arbeiten? In Wirklichkeit ähneln sich die europäischen Völker mehr als ihnen bewusst ist. Von Amerika aus gesehen hängen sie alle dem gleichen (teuren) Sozialstaat an, das dynamische China hält jeden Europäer für bequem und unflexibel.“

Und so kommt es doch nicht so sehr auf nationale Gewohnheiten an, sondern auf das, was das politische Personal daraus macht. Busse jedenfalls gibt sich zuversichtlich. „Die gute Nachricht ist, dass die Politik mit diesen Meinungsströmungen im Großen und Ganzen vernünftig umgeht. Vor allem die Bundeskanzlerin trifft immer wieder den richtigen Ton. Die Krise hat ihr (unerbeten) die Führung Europas in die Hände gelegt, was eine Verantwortung bedeutet, die weit über Deutschland hinausgeht. Kein Kanzler vor ihr hat so etwas je erlebt. Frau Merkels bestimmtes, aber ruhiges und sachliches Auftreten in Brüssel hat ohne Zweifel einiges dazu beigetragen, die EU in ihrer bisher schwersten Stunde zusammenzuhalten. Wie viel eine Vormacht sich verbauen kann, wenn sie rüde und herrisch agiert, haben zuletzt die Vereinigten Staaten erfahren müssen.“ Am Ende gewinnen nicht immer die Deutschen, aber so wie es derzeit aussieht, immer öfter Angela Merkel.

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