Sonderthema: Michael Müller

Meinung

Auslese: Steinbrücks Welt

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Peer Steinbrück sammelt derzeit nicht gerade Pluspunkte bei den Wählern.
Peer Steinbrück sammelt derzeit nicht gerade Pluspunkte bei den Wählern.
Foto: dpa

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kritisiert, dass des Kanzler-Job in Deutschland zu schlecht bezahlt ist. Jetzt steht er als "Raffke" da. Kanzlerin Merkel hingegen pflegt akribisch ihr Image der bescheidenen Managerin, die sich nicht scheut, bei den Bayreuther Festspielen zweimal im gleichen Kleid aufzulaufen.

Die Kanzlerin ist schon seit Jahren die mächtigste Frau der Welt, wie das Forbes-Magazin gerade kürzlich wieder festgestellt hat, doch ihr Einkommen spiegelt das nicht wieder. Da hat Kanzlerkandidat Peer Steinbrück schon recht. Andere Regierungschefs kassieren weit höhere Gehälter, allen voran der Premierminister von Singapur Lee Hsien Loong. Er verdient umgerechnet 1,4 Millionen Euro. Australiens Regierungschefin Julia Gillard und die Schweizer Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf – beide regieren ja nicht gerade Weltmächte – bringen es immerhin auf umgerechnet etwa 400.000 Euro im Jahr, während sich Angela Merkel mit gut der Hälfte davon begnügen muss. Doch die Kanzlerin gibt sich bescheiden und sagt, sie sei zufrieden. Vielleicht, weil die Miete an Berlins Kupfergraben trotz hauptstädtischer Immobilienpreisblase immer noch bedeutend niedriger ist als in Singapur oder der Schweiz.

Merkel die Bescheidene

In jedem Fall steht sie gut da und Steinbrück als „Raffke“, wie die Stuttgarter Zeitung meint: „Denn Merkel pflegt akribisch ihr Image der bescheidenen Managerin, die sich nicht scheut, bei den Bayreuther Festspielen zweimal im gleichen Kleid aufzulaufen.“
Steinbrück hingegen, der Nebenverdienst-Millionär, schreibt die Süddeutsche Zeitung, „sollte tunlichst nicht darüber reden, dass der Job, den er anstrebt, zu schlecht bezahlt ist. Er sollte diese Form von pekuniärer Amtsphilosophie zum Beispiel Gerhard Schröder überlassen, der heute indirekt, sozusagen in Verrechnungsrubel, die Früchte seiner Politik genießt, und deswegen problemlos finden kann, dass er als Kanzler eigentlich genug verdient habe. Steinbrücks Wahrnehmung in Teilen der Öffentlichkeit wird immer noch mehr von seinem Kontostand als von seiner Politik geprägt.“ Und das dürfte wohl verhindern, dass er in die missliche Lage kommt, mit dem Gehalt eines Kanzlers auskommen zu müssen.

Keine kluge Aussage

Immerhin habe er die Wahrheit gesagt, findet die taz, oder zumindest das, was er dafür hielte: „Seine Aussage ist nicht sonderlich klug – Steinbrücks Wahlkampfstrategen haben keine leichten Tage. Und sie ist nicht sonderlich sensibel – vor allem jenen Wählern gegenüber, die nur knapp von dem leben können, was sie für ihre Arbeit bekommen. Aber sie ist ehrlich – und mutig. Die Frage, wie viel Politiker verdienen dürfen, ist in Deutschland teilweise tabuisiert und mit Ängsten besetzt. Jeder prominente Politiker, der mehr fordert, riskiert Schlagzeilen wie diese: ‚Mehr Knete für Merkel, Wulff & Co.‘“

Peer Steinbrück habe, beiläufig oder wissentlich, diese Gefahr ignoriert. Dass auf seine Forderung keine ernsthafte Debatte folgte, sondern eine Empörungsorgie, hält die taz nicht für seine Schuld, sondern für unsere: „die der Wähler, die der Medien. Die Wähler verachten in großen Teilen die Berufspolitik; ein Affekt, der an den Rändern der Gesellschaft sitzt und mittendrin. Und die Medien profitieren von dieser Empörung.“

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