Meinung

Gastbeitrag: Der ägyptische Traum

Von 
Waleed Rasched ist Mitbegründer der Bewegung 6. April.
Waleed Rasched ist Mitbegründer der Bewegung 6. April.

Sich Großes zum Ziel setzen und dann an die Arbeit – so gelingen Revolutionen. Ein Nobelpreis bedeutet viel, aber der schönste Lohn wird die Demokratie sein.

An Euch alle in der ganzen Welt, die Ihr die Freiheit liebt. An Euch, die Ihr von einem besseren Leben träumt. An Euch, die Ihr versucht eure Fessel abzustreifen und über die Grenzen hinauszuwachsen, welche von Tyrannen aufgestellt wurden: Die Zeit ist gekommen, in der Träume in Erfüllung gehen.

Der Traum unserer Bewegung 6. April lässt sich leicht zusammenfassen. Wir waren einfach müde, und Stillhalten war keine Option mehr. Seit dem Tag im Jahr 2008, der unserer Bewegung den Namen gab, bis zum 25. Januar 2011 haben wir ununterbrochen gearbeitet. Das Schwierigste daran war, die Angst aus unseren Herzen zu verbannen doch wir waren fest davon überzeugt: Ägypten hat Besseres verdient. Manchmal trafen sich unsere Blicke – meine und die meiner Mitstreiter – und schweigend tauschten wir unsere Sorgen aus: Werden wir es schaffen? Eines Tages? Wir schauten uns Beispiele an von Ländern, die sich selbst befreit hatten und bewunderten sie als Vorbild. Wir fragten uns, ob wir wohl auch eines Tages in diese Rolle schlüpfen würden, dass die Welt uns bewundert?

Die Reise war dramatisch. Das ist der Stoff für Filme. Wir lachten und weinten. Wir wurden verhaftet und entkamen. Man jagte uns, doch wir liefen davon in den Gassen von Kairo. Das ist ein Drama, das noch ein Regisseur verfilmt und kein Autor zu einem Roman verarbeitet hat.

Geduld ist eine schwere Tugend, doch wir übten uns darin. Und ja, wir träumen immer noch von einem freien Land, wo ungerechte Tyrannen keinen Platz haben. Wir träumen von einem Land, in dem keiner auf Bildung und ärztliche Versorgung verzichten muss. Wir träumen von einem Land, in dem nicht 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt. Wir träumen von einem Land, in dem soziale Gerechtigkeit in der Verfassung garantiert wird und für alle auch eingelöst wird.

An alle, die sich für ihr Land eine bessere Zukunft wünschen: Träumt von etwas Großem, und dann macht Euch an die Arbeit. Es braucht harte Arbeit und zwar viel, und spart keinesfalls an Blut und Schweiß. Hier eine kurze Liste der Träumer, die mich inspiriert haben: Martin Luther King, Rosa Parks, Nelson Mandela. Sie haben auch jahrelang geträumt und ihr Leben lang gekämpft. Die Ägypter, das wage ich zu sagen, sind Helden, welche jahrelang geträumt und unablässig gearbeitet haben; sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Untergrund. Jetzt ist ihr Traum dabei, in Erfüllung zu gehen.

An das großartige Volk der Ägypter: Euer Sieg über die Diktatur und die Ungerechtigkeit ist ehrlich verdient. Also freut Euch und seid stolz, denn ihr werdet noch Euren Kindern und Kindeskindern erzählen, was wir gemeinsam als Nation erreicht haben. Macht Euch an die Arbeit und baut das Land auf, so wie wir es uns erträumen. Ägypten braucht Dich. Wirst du für das Land da sein?

Ihr seid es, ihr großartigen Ägypter, die für den Nobelpreis nominiert seid. Ihr, und nicht die Bewegung 6. April oder andere. Ihr seid es, ihr alleine seid nominiert. Es ist den Märtyrern gewidmet. Den heldenhaften, opferbereiten Märtyrern, welche gegeben haben, was Worte nicht beschreiben können und das auch mit den begehrtesten Auszeichnungen dieser Welt nicht aufgewogen werden kann. Ihre verehrten Seelen werden immer unter uns sein und uns daran erinnern, dass wir eine Würde haben. Dass diese Würde einen Preis hat und dass sie es ist, die ein Land lebenswert macht. Wir werden so wie unsere Kinder nach uns, eure heldenhafte Geschichte immer wieder erzählen. Voller Stolz!

Zum Schluss noch an meine Mitstreiter in der Bewegung 6. April, die meinen Traum geteilt haben: Ich bin stolz, zu Euch zu gehören. Ich bin stolz auf jeden Moment, den wir zusammen verbracht haben. Ich habe von Euch gelernt und lerne immer noch dazu. Ich habe gelernt, dass die Liebe zu einem Land und die Arbeit dafür seine eigene Genugtuung bringt und dass keine Art der Belohnung dies je aufwiegen kann. Ich weiß, dass wir am Anfang sind, erst wenige Schritte zurückgelegt haben. Wir werden weitermachen. Wir können nicht anhalten. Nationen werden nicht durch Auszeichnungen errichtet. Sie werden von denen geschaffen, die arbeiten und träumen.

Denkt daran: Die wirkliche Belohnung kommt, wenn unsere Revolution abgeschlossen ist und die Nation den Sieg davonträgt, wenn unsere Träume in Erfüllung gehen und unsere Forderungen eingelöst sind. Wenn die Militärregierung die Macht übergibt und Ägypten von einer zivilen, vom Volk gewählten Regierung geführt wird – gleich, welcher politischen Richtung sie angehört. Wir werden, das ist klar, gewinnen. Wir werden eine neue Verfassung haben, die unser Land widerspiegelt – sein Volk, seine Identität, seine Rechte und Pflichten, seine Freiheit. Die Zukunft wird Gegenwart. Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit werden nach Ägypten zurückkehren.

Waleed Rasched ist Mitbegründer der Bewegung 6. April, die für den am Freitag zu vergebenden Friedensnobelpreis nominiert ist.

Übersetzt von Julia Gerlach.

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