06.02.2012

Gastbeitrag: Die Leere nach Keynes

Von Franz Walter
 Franz Walter
Franz Walter

Die konkurrierenden Großentwürfe der Wirtschaftspolitik sind am Ende. Es kommt nun auf das an, was dazwischen liegen geblieben ist.

Das große wirtschaftspolitische Narrativ nach dem Debakel der weltwirtschaftlichen Depression in den späten 20er, frühen 30er Jahren war der Keynesianismus. Im Zukunftsversprechen dieser ökonomischen Lehre hatten Krisen keinen Platz. Wie einst die berüchtigten Volkskrankheiten durch die moderne Medizin, sollten sie systematisch aus der Welt geschafft werden. Und die moderne Medikation war eben die prophylaktische Konjunkturpolitik. Das Jahr 1973 markierte dabei den Einschnitt. Die Erdölpreise stiegen rasant und die Produktions- und Wirtschaftsraten sanken. In den modernen Gesellschaften des Westens überschnitten sich plötzlich wirtschaftliche und soziale Probleme, die nach der keynesianisch-sozialdemokratischen Überzeugung gar nicht zur gleichen Zeit hätten auftreten dürfen: Rezession und Inflation. Darauf verflüchtigte sich die Magie der keynesianischen Verheißung.

Es folgte ein interessengeleiteter Kampf der Ideen. Und diesen Kampf verlor die keynesianische Philosophie zwischen 1973 bis 1975 und den frühen 90er Jahren. Als Gewinner aus der Rivalität wirtschaftspolitischer Weltanschauungen gingen die sogenannten Monetaristen hervor, darunter die Angebotstheoretiker der Neoklassik als Elitetruppe der ideologischen Attacke.

Der Monetarismus war als akademische Schule längst präsent, hatte aber insbesondere während der 50er Jahre eher ein Nischendasein geführt. Im universitären Bereich verbuchten die Anhänger von Friedrich Hayek im Jahrzehnt darauf Terraingewinne. In England und den USA gingen seither gut organisierte Think-Tanks zielstrebig vor, um die Deutungswelt der Wirtschaftspolitik neu zu kartografieren. So drang die monetaristische Theorie mittels plastischer Losungen hinein in Parteien, Expertenkommissionen, Regierungsadministrationen und Wirtschaftsredaktionen.

Ungeschick wird man den seinerzeit noch neuliberalen Gegnern des Keynesianismus bei der Verbreitung ihres Gegen-Narrativs kaum vorwerfen können. Sie verzichteten bewusst auf sonst üblichen sperrigen akademischen Jargon. Die Anti-Keyenesianer statteten ihre Lehrmeinung stets mit den Accessoires von Freiheit, Subjektivität, Privatheit und Unabhängigkeit aus. Dem keynesianischen Kontrahenten übertrugen sie in ihrer Erzählung die Rolle des Mephistos der Funktionärsdespotie. Die Akteure des Marktes dagegen durften im monetaristischen Narrativ den Part der individuellen Heldengestalt einnehmen, die aus eigener Kraft dem Licht der Freiheit entgegenschritt. Und hatten die Tüchtigen auf diese Weise erst mal freie Bahn, dann musste die Wirtschaftsdynamik zwangsläufig wieder Schwung entfalten, der in den Zeiten der staatsbürokratischen Gängelung erlahmt war.

Die fortwährenden Spitzen gegen die Staatsfixierung linker Politik forcierte überdies die Distanz jüngerer, akademischer und eher postmaterieller Bürger gegenüber autoritären Staatslösungen. Der Marktnarrativ hier, eine Art Ökolibertät dort – das wurden die bevorzugten Einstellungen in den leitkulturell fungierenden avancierten Mittelschichten.

Wirtschaftspolitische Großentwürfe am Wende

Seit den 70er Jahren bis in das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhundert hatten die Protagonisten dieser Richtung die Ausdeutung von Fortschritt und Reformen stringent verfolgt – und ihre anfänglichen Gegner aus der Sozialdemokratie sind ihnen fortlaufend bei zunehmend schwindender Resistenz gefolgt. Schließlich war dieser Gegner ideell enteignet. Am Ende verstand er es nicht einmal, dessen Schwäche seit 2008 gezielt zu nutzen. Es existierten so gut wie keine Ansätze eines alternativen Narrativs zur im Grunde kompromittierten Ideologie des bürgerlichen Lagers. Größer konnten die Differenzen zu den frühen 30er und 70er Jahren nicht sein. In beiden Konstellationen diskreditierte sich eine der beiden Basiserzählungen des Wirtschaftens; aber die andere stand jeweils frisch und attraktiv aufbereitet bereit.

Das ist gegenwärtig anders. Im Grunde scheinen nun die beiden Großentwürfe für die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der letzten Jahrzehnte gleichermaßen an ihr Ende gekommen zu sein, die marktzentrierte Angebotspolitik wie der versorgungsetatistische Keynesianismus. In dem Maße, wie die Finanzkrisen an Tempo und Tiefe zunehmen, in dem Maße multiplizieren sich die materiellen Defizite des Staates. So ist nicht auszuschließen, dass gleich beide Basissysteme der letzten Jahrhunderte als Folge davon implodieren: die Märkte und der Staat. Für den Raum dazwischen sind genossenschaftlichen Überlegungen und auf Selbsthilfe basierenden Konzeptionen des Wirtschaftens während der letzten Jahrzehnte rigide verdrängt worden, da alle Heilserwartungen allein auf Staat oder Märkte gerichtet waren. Wenn diese Fixierung aber getrogen hat, dann wird man stärker auf Beispiele der Wirtschafts- und Gesellschaftsreform schauen müssen, die quer zum Etatismus hier und den privaten Wettbewerbsregimen dort liegen.

Franz Walter ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.

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