04.02.2012

Gastbeitrag zum Thema Alleinerziehende Eltern: Mit allen Sinnen für die Kinder

Von Anne Schäfer-Junker

Mütter – und verstärkt auch Väter – sind kreativ und verantwortungsbewusst. Doch die Gesellschaft würdigt diese Anstrengung nichtausreichend. Ein Verlust.

Alleinerziehend zu sein, gehört in Deutschland zum Alltag. Allein in Hamburg leben rund 50.000 alleinerziehende Mütter und Väter. Zu ihnen gehören mehr als 70.000 Kinder. Jedes vierte Hamburger Kind wächst in einer Einelternfamilie auf. Diese Statistik zeigt beispielhaft, mit welchen Problemen Familien konfrontiert sein können.

Die zivilisatorisch hoch entwickelte Gesellschaft steht unter dem Druck, wachsen und ihre ökonomischen Ansprüche fundieren zu müssen. Die ethische und zukunftssichernde Gestaltung ihrer kulturellen Strukturen, wie Familie, Schule und psychische gesunde Entwicklung der Kinder als Voraussetzung des Lebens, überlässt sie dem ökonomischen Machtspiel. Vor allem die Erkenntnis, dass Mutterschaft ein kreativer Prozess ist, wird in Deutschland zu wenig beachtet. Das hat zur Folge, dass die Orientierung an ethischen Werten abhandenkommt und eine Sozialisierung mit zukunftsbejahenden Lebensauffassungen für die nächsten Generationen oft nicht erfahrbar bzw. erlebbar wird.

Dass Kindererziehung kulturelle und hochkreative Lebensprozesse beinhaltet und den Eltern Kraft und Opfer abverlangt, wird vergessen. Sind Mütter und Väter a priori, also von Natur aus, kreativ, um diesem Anspruch zu genügen? Ich meine: Ja. Diese Tatsache muss endlich in unsere Betrachtungsweisen von Mutterschaft und Familiengestaltung einbezogen werden. Soziologen und Psychologen sprechen ständig von Förderung der Kreativität in Lehre und Beruf. Dass aber die Mütter schon mit Beginn der Schwangerschaft alle ihre Sinne, Mut und ständige Kraftanstrengungen einbringen, wird vergessen.

„Ambivalenz der Mutterschaft“

Jüngst veröffentlichte die Zeitschrift Konsens des Deutschen Akademikerinnenbundes unter dem Titel „Ambivalenz der Mutterschaft“ einen Beitrag von Prof. Dr. Elisabeth de Stolo. Sie beschreibt unter soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Aspekten die Ambivalenz der Rolle der Frau als Mutter – zwischen eigenem Anspruch, vielschichtigen Abhängigkeiten und wirtschaftlichen Zwängen. Erwerbsbiografien von Frauen weisen oft große Lücken wegen der Kindererziehungszeiten und erschwerter Möglichkeiten auf, danach in den Beruf zurückzukehren. Oft widmen sich Frauen der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger und die ohnehin im Durchschnitt geringere Vergütung von Frauen führt zu niedrigeren Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Spätere Vorsorgelücken sind besonders für Frauen eklatant.

Gegenwärtig wird hart diskutiert über die Frauen-Quote in Unternehmensleitungen und auf Führungsetagen. Dabei werden die Voraussetzungen unterschätzt, die Frauen für eine Familienplanung und die Erziehung ihrer Kinder brauchen: Grundsicherheit der Lebensverhältnisse und moderne Betreuungsmöglichkeiten. Die individuellen Motivationen von Müttern und Vätern zur Familiengründung, die besonders in der persönlichen Leistung zur Familiengestaltung liegen, werden in solchen Debatten gar nicht erst benannt. Das führt zu verkrampften Diskussionen, oft über die Medien ausgetragen. Dort wird der Kampf um die Frauenquote nicht selten inkonsequent verhandelt oder lächerlich gemacht. Gelegentlich finden sich Frauenthemen in entwürdigender Darstellung auf einer Titelseite oder zynische Texte dazu in Zeitgeschehens-Rubriken.

Deshalb müssen Frauen vor allem solidarischer miteinander umgehen, kommunikativer und wirtschaftlich aktiver werden und Gestaltungsspielräume nutzen. Gesellschaftliche Förderung der Erziehungszeiten und verlässliche (Ganztags-) Betreuung gelingen nur, wenn staatliche Zuwendungen für Mutter- und Vaterschaft von der Gesellschaft nicht als Almosen wahrgenommen werden. Nicht das Subventionieren von Solarstrom oder überdimensionale Ausgaben für die Entwicklungshilfe sollten Vorrang haben, sondern die Lebenssicherung und Unterstützung der kreativen Mütter und Väter zur Familiengestaltung als ethische Wertschöpfung.

Die Problematik muss ernsthaft angegangen werden

Nicht nur die demografischen Trends zwingen unsere Gesellschaft, diese Problematik ernsthafter anzugehen. Immer mehr Männer bekennen sich zu ihrer Rolle als Väter und zeigen dies auch. Die Politik der vormaligen Familienministerin Ursula von der Leyen stärkte die Familien durch die Anerkennung von Erziehungszeiten. Ihre Nachfolgerin Kristina Schröder und deutsche Wirtschaftsverbände unterzeichneten 2011 die „Charta für familienbewusste Arbeitszeiten: Zeit für Verantwortung“. Dies muss durch Wirtschaft und Politik mit Leben erfüllt werden müssen.

Eine Gleichstellung von Männern und Frauen setzt sich vor allem in vielen Familien-Unternehmen und in öffentlichen Verwaltungen durch. Die Debatten sind im Hinblick auf Voraussetzungen zur familienfreundlicheren Lebensgestaltung vielfältiger geworden – auch ein Erfolg der Gender-Politik der 90er-Jahre.

Anne Schäfer-Junker ist Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Akademikerinnenbundes.

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