25.01.2012

Kolumne: Pflege als Frauenfalle

Von Bascha Mika
Bascha Mika
Bascha Mika

Ja klar, jede Arbeit, die zwar wichtig und sozial nötig ist, aber weder Geld noch öffentliche Beachtung bringt, ist Frauenarbeit.

Es ist sein hundertster Geburtstag, als er beschließt abzuhauen. Er hat einfach keine Lust auf das übliche Kaffeetrinken mit den abgenudelten Glückwünschen. Also klettert er aus seinem Fenster im Erdgeschoss in das Stiefmütterchenbeet und macht sich auf den Weg. Er will mal wieder was erleben.

So schön kann Alter sein. Doch Allan Karlsson, der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, ist leider nur eine Romanfigur. Wahrscheinlich sind im richtigen Leben nicht viele seiner Altersgenossen derart abenteuerlustig. Da wollen die Beine, die nicht mehr so recht, oder die Knochen schmerzen, und auch der Kopf kann manchmal schon etwas verwirrt sein. Selbst bei wesentlich Jüngeren.

Hierzulande leben rund vier Millionen Über-Achtzigjährige. Mehr als zwei Millionen müssen gepflegt werden; bis zum Jahr 2050 wird sich ihre Zahl verdoppeln. Aber wer kümmert sich um unsere Alten? Wer wird es in Zukunft tun?

Familienministerin Kristina Schröder, die in der Regel durch politisch katastrophalen Unfug auffällt, hat ein Gesetz renoviert, das Menschen helfen soll, dieses Problem zu bewältigen. Es geht um die Familien-Pflegezeit. Seit Anfang 2012 können Beschäftigte ihre Arbeit zwei Jahre lang reduzieren, um nahe Angehörige zu betreuen. Damit das Gehalt dann trotzdem reicht, gibt es staatlich subventionierte Sonderregelungen.

Klingt doch nach einer guten Idee. Schließlich wollen pflegebedürftige Menschen nicht im Heim, sondern in ihren eigenen vier Wänden betreut werden, zumindest in einer häuslichen Umgebung. Vielen von ihnen wird dieser Wunsch auch erfüllt: Um zwei Drittel der Alten, die nicht mehr alleine zurechtkommen, kümmern sich die (Schwieger)-Töchter und -Söhne oder die Ehepartner. Wer sieht seine Lieben schon gern in den Händen von überlastetem Personal?

Das rechnet sich für die Gesellschaft. Häusliche Pflege ist einfach nicht so teuer. Obwohl nur ein Drittel der versorgungsbedürftigen Menschen in Heimen lebt, fallen dort zwei Drittel der Kosten an. Kein Wunder, dass die Familienministerin versucht, Beruf und Pflege besser unter einen Hut zu kriegen.

Doch ist sie nicht auch Frauenministerin? Man hört so etwas. Hätte sie dann nicht den tückischen Aspekt ihres Gesetzes im Blick haben und politisch gegensteuern müssen? Wer pflegt denn die Lieben und wird durch die neue Regelung noch stärker dazu gedrängt? Frauen, versteht sich.

Ja klar, jede Arbeit, die zwar wahnsinnig wichtig und sozial notwendig ist, aber weder Geld noch gesellschaftliche Teilhabe oder öffentliche Anerkennung bringt, ist Frauenarbeit. Sei es Haushalt, Kindererziehung oder eben die Versorgung von Angehörigen. Frauen leisten bereits jetzt zwei Drittel der unbezahlten, privaten Pflege – nicht nur für die eigenen Eltern, sondern auch für die ihres Mannes.

Warum soll also nicht eine Mutter, die wegen der Kinder jahrelang ihren Job reduziert hat, gleich weitermachen und sich um ältere Verwandte kümmern? Ihr Mann ist dazu selbstverständlich nicht bereit. Er hat ja nicht einmal wegen der Kleinen beruflich zurückgesteckt, warum sollte er es für seine Eltern tun? Auf ihn wartet nach all der Mühe dann auch nicht die Altersarmut. Und das Heim. Wo eben auch wesentlich mehr Frauen als Männer landen.

Bascha Mika ist Publizistin.

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