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Meinung

Kolumne von Mely Kiyak: Liebes "Früher"!

Früher war die Welt noch schwarz-weiß und es gab kein Facebook.
Früher war die Welt noch schwarz-weiß und es gab kein Facebook.
 Foto: imago

Wieder ist ein Jahr vorüber. 2012 gehört bald der Geschichte, dem "Früher" an. Früher gab es kein Party, Party, Party! Früher war mehr Pep, Potzblitz, Remmidemmi, Hottentotten und Rambazamba.

Früher war eine Frau noch eine Frau und eine Portion Pommes frites hatte weniger Fett. Früher gab es kein Manufactum. Früher war die Käserinde nicht mit Beta-Carotin gefärbt. Früher lebte Siegfried Unseld noch und echte Schriftsteller vögelten nach den Lesungen evangelische Buchhändlerinnen, statt sich in Elternzeit mit Krippeneingewöhnung zu befassen.

Früher hießen Autos Ascona, Capri, Fiesta, Scirocco, Passat, Granada, Ibiza – Orte der Sehnsucht. Früher lebte Wolfgang Joop nicht schwul. Früher gab es keine EU, weshalb der Krümmungsgrad einer Gurke unwichtig war, und wenn das Kondom nicht exakt 16 Zentimeter lang maß und 5 Liter Flüssigkeit fassen konnte, ging die Welt davon nicht unter. Apropos: Früher ging die Welt noch unter.

Früher merkte man, wenn man ein Land verließ und ein anderes betrat. Früher war Bonn wichtig. Früher konnten österreichische Obdachlose in Deutschland Reichskanzler werden. Richtig früher war Sex mit Tieren sowieso erlaubt. Man war froh, wenn man überhaupt etwas hatte. Früher gab es beim Metzger eine Scheibe Mortadella. Früher gab es im WDR keinen Vorkoster. Früher durfte man „Neger“ sagen. Früher musste eine Frau um Erlaubnis bitten, wenn sie sich scheiden lassen wollte, heute schreibt sie eine SMS.

Früher war kein Facebook, man verkaufte sein Klavier am schwarzen Brett von Edeka. Früher klingelte der Postbote, und wenn man im Morgenmantel öffnete, verstand er es sofort. Früher zahlte die Krankenkasse die ganze Brille. Früher gab es Nylonstrümpfe, mit denen man liegen gebliebene Autos abschleppen konnte. Früher herrschten Ehefrauen von mächtigen Männern einfach mit: Sissi, Elena Ceausescu, Eva Perón, Margot Honecker, Hillary Clinton, Claudia Effenberg, Daisy Duck. Früher brauchten Inhaftierte keine Anwälte. Überhaupt Anwälte. Früher haute man sich eine rein und ging anschließend einen trinken.

Früher war weniger Nostalgie. Weniger Smoothie, Sushi und Feinstaub. Früher war an der Haustür ganz schön was los: Staubsaugervertreter, Zeugen Jehovas und Ex-Sträflinge, die „Auf einen Blick“ und den Stern verkauften. Früher gab es kein Mammografie-Screening, man war den Liebhabern ewig dankbar für ihre sensible Feinmotorik. Früher wurden Schuhe und Bärte noch gewichst und Böden gebohnert. Früher war mehr Krieg, dafür gibt es heute mehr Ein-Euro-Jobber. Früher freute sich ein Fischkopp, wenn er Besuch aus München bekam, heute gibt es Länderfinanzausgleich. Früher hatte man schnelle Pferde und scharfe Waffen, heute hat man Überhangmandate. Früher liefen Dinosaurier über die Straße. Früher durfte man Rassen nicht mischen.

Heute werden genetische Außenseiter wie der Russkiy Toy stolz um die Alster Gassi geführt. Früher hatten die Zeitungen noch Kreuzworträtsel und kein Sudoku. Früher gab es definitiv keine atmungsaktiven, schwarzen Slipeinlagen ohne Wäscheschutzfolie aus zertifizierter Bio-Baumwolle, Frischeduft und Aloe Vera mit Stringtangafalz für Hipsterslips bei dm. Früher gab es weniger Ausrufezeichen und mehr Apostrophe. Früher gab es kein Party, Party, Party! Früher war mehr Pep, Potzblitz, Remmidemmi, Hottentotten und Rambazamba. Früher war Früher. Es wünscht Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr, rutsch guet übere, schana tova, mutlu yillar, Cung-Chuc Tan-Xuan,
Ihre Mely Kiyak

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Brigitte Fehrle ist Chefredakteurin der Berliner Zeitung.

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