20.01.2012

Kommentar: Guttenberg in Lauerstellung

Von Stephan Hebel
Karl-Theodor zu Guttenberg sitzt hinter CSU-Chef Horst Seehofer - noch.
Karl-Theodor zu Guttenberg sitzt hinter CSU-Chef Horst Seehofer - noch.
Foto: dpa

Der Freiherr hat andere Pläne: Karl-Theodor zu Guttenberg, Deutschlands berühmtester Plagiator, kommt nicht in den Bundestag zurück, vorerst. Er kann warten.

Ach, er ist doch ein wahrhaft Edler. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, das ließ er jetzt den CSU-Chef Horst Seehofer verkünden, will noch ein bisschen aus seinen Fehlern lernen, und das braucht natürlich Zeit. Vielleicht schreibt er ja, still und heimlich und auf nur einem einzigen Datenträger, eine Doktorarbeit?

Nichts gegen tätige Reue. Aber ganz nebenbei dürfte Guttenberg sich die Lage der Bundespolitik und speziell seiner Partei, der CSU, ein bisschen genauer angesehen haben. Und was er da sah, war noch nicht reif für das Comeback.

Erstens: Es ist in der Tat etwas wenig Zeit vergangen, um nach dem Trubel um die Doktorarbeit einfach so an die alten Erfolge anzuknüpfen. Guttenberg als Politiker lebte - das machte ihn ja so gefährlich - von der Lüge, er sei ganz anders als "die Politik" und "die Politiker". Seine radikal personalisierte Ego-Show ließ viele Leute glauben, da könne einer - weitgehend an demokratischen Aushandlungsprozessen vorbei und vor allem mit Unterstützung bestimmter Massenmedien - endlich mal etwas Gutes bewirken. Oder wenigstens so aussehen, als täte er das. Ein Charismatiker des Populismus, ein Mann mit Berlusconi-Potenzial.

Da passte es nicht ins Bild, würde der Edle aus Franken die Zeit der Sühne ungebührlich verkürzen. Sein Stil funktioniert nur, wenn er ungetrübte Verehrung auf seine spiegelglatte Oberfläche ziehen kann.

Guttenbergs Aufstieg und Fall

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Es kommt hinzu: Jeder frühzeitige Schritt zurück in die Politik hätte Guttenberg bei seinen allzu zahlreichen Verehrern zum Kandidaten für alles und jedes gemacht. Schwarz-Gelb platzt? Guttenberg for Kanzler! Seehofer wackelt? Guttenberg for CSU-Chef! Wulff geht? Guttenberg for... Nein, Präsident kommt vielleicht später, für unsere Genies ist Bellevue mehr so ein Altersruhesitz.

Der Freiherr weiß: Schon eine Ankündigung, 2013 wieder für den Bundestag zu kandidieren, hätte ihn die Hoheit über sein Handeln kosten können. Zu instabil ist die Lage in Bayern wie im Bund, zu groß die Gefahr unliebsamer Überraschungen, als dass sich auf diesem Fundament eine neue Karriere planen ließe. Komfortabler für einen Mann von Guttenbergs Alter ist es, so lange zuzuschauen, bis die Zahl der Claqueure sich ausreichend gesteigert hat, weil es keine Alternative mehr gibt. Was, wenn Merkel die nächste Bundestagswahl erst mal verloren hätte? Was, wenn die CSU ihren Abwärtstrend fortsetzt? Dann erst werden die Rufe nach einem Retter so laut sein, dass Guttenbergs Rückkehr-Risiko sinkt.

Die deutsche Politik hat also ein wenig Zeit gewonnen. Zeit, ihr Handeln überzeugender und transparenter zu machen. Zeit, die demokratischen Prozesse zu stärken, etwa durch frühzeitige und wirksame Mitbestimmung der Bürger. Zeit also, zu zeigen, dass es bessere Mittel gegen Politikverdrossenheit gibt als die Kapitulation vor skrupellosen Populisten.

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