Meinung

Namensstreit am Jüdischen Museum: Mendelssohn und der grüne deutsche Spießer

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Eine Büste Moses Mendelssohns im Jüdischen Museum.
Eine Büste Moses Mendelssohns im Jüdischen Museum.
Foto: Berliner Zeitung

Weil die Grünen antiurban und geistig eingleisig denken, soll der Platz vor dem Jüdischen Museum nicht nach Moses Mendelssohn benannt werden dürfen. So wie die CSU ihre Herdprämie durchsetzt, pauken die Grünen ihre Frauennamen durch. Die SPD schlägt jetzt einen putzigen Kompromiss vor.

In den vergangenen 200 Jahren wurde dem Berliner Aufklärer Moses Mendelssohn (1729–1786) keine Straße zuteil, weil er Jude war. Derzeit scheitert die Benennung eines neu geschaffenen Platzes nach ihm in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, weil der zu Ehrende gegen die Frauenquote verstößt. So wechseln die Gründe – das Ergebnis bleibt gleich.

Die kleingeistige Posse spielt vor der Tür des weltweit bekannten Jüdischen Museums. Die Hauptakteure hocken in der mit Abstand stärksten Fraktion des Bezirks: Es sind die Grünen. Sie schämen sich nicht, „das leider falsche Geschlecht“ Mendelssohns in einem Satz mit dem „Projekt Unisextoiletten“ abzuhandeln. Sie schämen sich nicht, den Direktor des Jüdischen Museums, Michael Blumenthal, der 1939 aus Berlin vertrieben wurde und dem die Stadt den grandiosen Erfolg des Museums verdankt, mit ideologischer Prinzipienreiterei zu traktieren.

Agitator ja, Philosoph nein

Die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg erweisen sich als antiurban und geistig eingleisig; im Zweifelsfall agieren sie halbstalinistisch. So wie die CSU ihre Herdprämie durchsetzt, pauken sie ihre Frauennamen durch. Argumente zählen für sie nicht, Rücksichten auf andere gelten ihnen als Schwäche. Die Grünen berufen sich auf ihren Beschluss, demgemäß so lange nur Frauennamen für Straßen vergeben werden sollen, bis ebenso viele Straßen nach Frauen wie nach Männern benannt sind. Basta!? Aber nein, die Partei durchbricht ihre Prinzipien dann, wenn linksradikale Männer wie Rudi Dutschke oder Silvio Mayer auf den Straßenschildern des Bezirks verewigt werden. Ein markiger Agitator bedeutet ihnen viel, ein geistesstarker jüdischer Philosoph nichts.

Morgen wird die Bezirksverordnetenversammlung abermals über das Problem debattieren. Der einzige Anlieger des künftigen Platzes, das Jüdische Museum Berlin, will den Ort nach Moses Mendelssohn benennen. Das unterstrich der Stiftungsrat des Museums dieser Tage einmütig. Bürgerwille? Die Grünen pfeifen darauf, wenn er ihnen nicht passt. Engagierte Berliner haben eine Online-Petition mit dem Ziel gestartet, den Platz nach Moses Mendelssohn zu benennen. Geben Sie, liebe Leserinnen und Leser, im Internet die Begriffe „Petition“ und „Mendelssohn“ ein, dann landen Sie auf der fraglichen Seite und können, falls Sie das richtig finden, elektronisch unterschreiben.

Keine Mutter der jüdisch-deutschen Aufklärung

Nebenbei wird noch ein putziger Kompromiss diskutiert, nämlich die Namensungetüme Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz und Eheleute-Mendelssohn-Platz. Dafür erwärmen sich auch einige SPDler. Sollte unser neuer Flughafen je eröffnen, werden sie den vorgesehenen Namen wahrscheinlich so erweitern: Ruth-und-Brigitte-Seebacher-und Willy-Brandt-Flughafen-Berlin-Brandenburg.

Fromet war die gebildete, hochrespektable Tochter der Hamburger Kaufmannsfamilie Gugenheim. Sie heiratete Moses 1762 und gebar zehn Kinder. Aber sie war nicht die Mutter der jüdisch-deutschen Aufklärung. Dafür steht Moses Mendelssohn. 1933 scheiterte sein Versuch, weltlicher Vernunft eine Gasse zu bahnen, auf tragische Weise. Morgen – 80 Jahre später – folgt womöglich die Farce, und der Versuch, Moses Mendelssohn an einem ihm würdigen Ort zu ehren, scheitert an den mittlerweile grünen, aber ewigen deutschen Spießern und Spießerinnen.

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