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Meinung

Peer Steinbrück: Arme, arme Kanzler

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Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD.
Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD.
 Foto: dapd

Wer in Deutschland Kanzler ist, verdient nicht schlecht. Aber viel weniger als ein Wirtschaftsboss. SPD-Kandidat Steinbrück findet das ungerecht.

Im Kanzlerflugzeug ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls aus Sicht der Politiker. Denn der Kanzler (oder die Kanzlerin) haben ihren Platz ganz vorne im Flugzeug. Dort ist der private VIP-Bereich untergebracht. Schon der Name klingt lieblich, denn VIP steht auf Englisch für Sehr Wichtige Person.

Es folgt ein Besprechungsraum für mitfliegende Minister und wichtige Mitarbeiter sowie die Einrichtungen für abhörsichere Kommunikation. Erst dahinter, auf Sitzen der Business-Klasse, dürfen die Manager Platz nehmen, die der Kanzler auf die Reise mitzunehmen geruht. (Und noch weiter hinten, in der Holzklasse, die mitreisenden Journalisten.)

Wenn das Flugzeug in der Luft ist, spazieren Kanzler oder Kanzlerin einmal durch die Maschine, um alle zu begrüßen. Und wenn er/sie dann zwischen den Reihen der Geschäftsleute innehält, um mit diesem oder jenem ein freundliches Wort zu wechseln, dann ist klar: An Bord der "Konrad Adenauer" genießt die Politik den eindeutigen Vorrang vor wirtschaftlichen Belangen. Genauso, wie es in den Augen der Politiker immer sein sollte.

Die Last der Verantwortung

Umso ungerechter erscheinen die Unterschiede in der wirklichen Welt. Dort, muss sich der Kanzler, der eben noch huldvoll Hof gehalten hat, sich mit einem Gehalt von 17.000 Euro im Monat bescheiden. Der Deutsche-Bank-Chef dagegen, der sich gerade noch höflich vom Sitz erhoben hat, um den Regierungschef zu grüßen, bringt im Monat eine dreiviertel Million nach Hause. Selbst die Leiter großer Stadtwerke verdienen mehr als ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Ist das ungerecht? Natürlich ist es das. Bankvorstände, die so viel Unheil über das Land gebracht habe, sollten auf gar keinen Fall das 10-, 20- oder gar 50fache dessen verdienen, was ein Kanzler dafür erhält, die Wirtschaft wieder zu reparieren. Insoweit hat Peer Steinbrück also Recht. Und die Last der Verantwortung, die Kanzler trägt, wiegt tatsächlich um ein Vielfaches schwerer als die eines Sparkassendirektors.

Und trotzdem hat sich Steinbrück als blind und vernagelt erwiesen, zum wiederholten Mal. Denn außerhalb der kleinen Führungselite von Politik und Wirtschaft versteht niemand in Deutschland sein Argument. Es ist ein Irrsinn zu meinen, dass ein Kanzler unterbezahlt ist, der sein Amtsgehalt plus die halbe Abgeordnetendiät (er bleibt ja Mitglied des Bundestags) bekommt, also an die 250.000 Euro im Jahr. Und noch irrsinniger ist es, das auch noch laut zu sagen.

Ein Gehalt, von dem man leben kann

Das Problem ist nicht, dass das Kanzlergehalt zu niedrig ist, das Problem ist, dass die Gehälter in der Wirtschaft zu hoch sind. Altkanzler Gerhard Schröder hat selbstverständlich Recht, wenn er sagt, er habe immer von dem Gehalt leben können. "Und wem die Bezahlung als Politiker zu gering ist, der kann sich ja um einen anderen Beruf bemühen", fügte Schröder in der Bild am Sonntag noch hinzu.

Die ganze Wahrheit hat Schröder jedoch nicht gesagt. Denn auch für ihn ist das Gehalt immer mehr als nur ein Lebensunterhalt. Es spiegelt die Wertschätzung wieder, die dem Empfänger entgegengebracht wird. Und als Schröder noch Kanzler war und seine Runde durch das Regierungsflugzeug machte, da ärgerte er sich so manches Mal selbst darüber, wie viel mehr seine Gäste in der Business-Class verdienten. Nur war der Niedersachse nicht so dumm, sich darüber öffentlich zu beklagen.

Still und leise folgte Gerhard Schröder dem eigenen Ratschlag und heuerte gleich nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt bei Gazprom an; sein Gehalt dort dürfte deutlich über den Bezügen eines Bundeskanzlers liegen. Dass Schröder dafür in der Öffentlichkeit kritisiert wurde, braucht ihn nicht zu interessieren, er ist nicht mehr auf die Wähler angewiesen. Steinbrück, der den umgekehrten Weg ging und erst ordentlich Geld verdiente, bevor er sich fürs Kanzleramt bewarb, hat es da schwerer. Aber das hat er selbst offensichtlich noch nicht begriffen.

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Brigitte Fehrle ist Chefredakteurin der Berliner Zeitung.

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