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Misshandlung von Flüchtlingen: Opfer auf See

Ende Januar erreichten die Überlebenden des Flüchtlingsdramas vor der griechischen Insel Farmakonisi das Festland.

Ende Januar erreichten die Überlebenden des Flüchtlingsdramas vor der griechischen Insel Farmakonisi das Festland.

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imago

Beim letzten Mal war es am schlimmsten. Der Strand der griechischen Insel Samos war in Sichtweite, der Motor stotterte, da raste ein Schnellboot heran, um das Flüchtlingsschiff zu stoppen. „Men in black“, nennt Amir die Angreifer, weil sie ganz in Schwarz gekleidet waren und Gesichtsmasken trugen. Sie rammten die Jolle, kamen an Bord und fingen sofort an, auf alle 28 syrischen Flüchtlinge einzuprügeln. „Sie waren rücksichtslos und brutal“, berichtet Amir. Von ihm ließen die Maskierten nur ab, weil eine Frau sie anflehte: „Lasst ihn, bitte hört auf, er ist krank, er hat Krebs!“

Amir sagt, wieder habe er Todesangst verspürt beim Anblick der schwer bewaffneten Männer. Wie bei all seinen früheren Versuchen, nach Griechenland zu gelangen – und weiter nach Europa, wo er sich die Rettung seines Lebens verspricht. Seit zehn Monaten weiß er von seiner Krankheit, eine Niere wurde ihm noch in Syrien entfernt, aber die Metastasen sind zurück. Er sagt, er werde kämpfen bis zuletzt. In Syrien gibt es keine Hilfe mehr, die Ärzte in der Türkei kann er nicht bezahlen, aber von seinem Bruder in der Schweiz weiß er, dass man ihn dort behandeln würde.

Die schwarzen Männer

Diesmal seien die schwarzen Männer noch brutaler vorgegangen als sonst, sagt Amir. „Sie riefen ,Geld, Geld, gebt uns euer Geld!' Mir haben sie 4 000 Euro abgenommen.“ Seine Mutter trug ihr Erspartes, 10 000 Euro, im Büstenhalter. „Einer dieser Typen machte Anstalten, ihr an die Brust zu greifen. Meine Mutter weinte und rief, lass, ich gebe alles her.“ Insgesamt hätten die Griechen den Flüchtlingen an jenem Morgen mehrere Zehntausend Euro und ein Dutzend Smartphones geraubt. Amir laufen Tränen über die Wangen, als er von den Ereignissen erzählt. Seine Mutter Fatma, die neben ihm in dem karg eingerichteten Zimmer in Istanbul auf einer Matratze sitzt, nimmt die Hand ihres 39-jährigen Sohnes. Sein Bruder Arwan, 26, spricht für ihn weiter. „Zwei unserer Männer, die sie für die Schleuser hielten, zwangen sie, auf ihr Schiff zu kommen und sich mit dem Gesicht zum Boden zu legen. Einer der beiden hatte seinen türkischen Ausweis dabei. Sofort umringten ihn fünf Maskierte und prügelten mit Tauen auf ihn ein, bis er blutete. Er schrie vor Schmerzen. Wir dachten, sie töten ihn.“ Die Vermummten sammelten von jedem Einzelnen Wertsachen, Ausweise, Geld und Handys ein. „Dann nahmen sie unser Boot ins Schlepptau, fuhren hinaus, zerstörten unseren Motor und verschwanden“, sagt Anwar. „Zum Glück kam irgendwann die türkische Küstenwache.“

Die Brüder glauben, dass die „Men in black“ weder zum griechischen Militär noch zur Polizei gehören. „Das sind Spezialkräfte, um Flüchtlinge in Todesangst zu versetzen und zurückzuschicken“, sagt Amir. Das Erlebnis auf Samos war nicht seine erste Begegnung mit der Truppe. Amir hat fünfmal probiert, Europa von der Türkei aus zu erreichen, Anwar sechsmal. „Jedes Mal, wenn wir Griechenland erreichten, bekamen wir es mit den Maskierten zu tun.“

An diesem Abend sitzen sie in der Wohnung eines Cousins am westlichen Stadtrand Istanbuls und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie sind Kurden aus der umkämpften Viermillionenstadt Aleppo in Nordsyrien. Vor dem Krieg ging es ihnen vergleichsweise gut, Amir hatte als Kaufmann, Anwar als Fotograf gearbeitet.

Als die Rebellen im Frühjahr 2013 in ihr Viertel Sheikh Maksoud eindrangen und Kampfjets des Regimes Bomben abwarfen, verkauften sie den Schmuck der Frauen und flohen erst in den Libanon, dann in die Türkei. Amirs Frau Narin und ihre beiden kleinen Söhne sollen eine Zukunft ohne Krieg haben, und für ihn ist Europa ohnehin die letzte Hoffnung.

Deshalb hat Amir alles auf den Seeweg gesetzt, seit die Landgrenze im Westen der Türkei durch Zäune und einen Wassergraben versperrt ist. Dutzende griechische Inseln sind der türkischen Küste vorgelagert, die Distanz ist gering. Aber ungefährlich ist die Überfahrt nicht. Im vergangenen Jahr starben in der Ägäis mehr als 130 Menschen.

Internationales Aufsehen erregten die Ägäis-Toten aber erst, als am 20. Januar drei Frauen und neun Kinder aus einem Flüchtlingsboot starben, das nahe Farmakonisi sank – unter den Augen griechischer Polizisten, die es ins Schlepptau genommen hatten. Die griechische Hafenbehörde erklärte, man habe die Menschen wegen eines Sturms retten und auf die Insel bringen wollen, doch sei das Boot gekentert, weil sich zu viele Insassen auf einer Seite drängten.

Als aber Mitarbeiter des UN-Flüchtlingswerks UNHCR die Überlebenden befragten, schilderten diese den Hergang völlig anders. Sie sagten, die Küstenwache habe ihr Boot gestoppt, ans Seil genommen und sei dann mit hoher Geschwindigkeit in Richtung türkische Küste gerast. Bevor sie kenterten, hätten sie in Panik um Hilfe geschrien. Karl Kopp von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl in Frankfurt am Main glaubt, dass dies ein typischer Fall einer illegalen Zurückweisung war.

Erst im November hatte Pro Asyl in einem detaillierten Bericht Zeugenaussagen von 91 Flüchtlingen vorgelegt, die in der Ägäis Opfer griechischer Zurückschiebungs-Operationen wurden, obwohl sie als Syrer und Afghanen Schutzbedürftige im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention sind. An den griechischen Grenzen zur Türkei würden Flüchtlinge ohne Prüfung eines Asylantrages „systematisch völkerrechtswidrig“ zurückgewiesen, sagt Kopp, obwohl seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom Februar 2012 feststeht, dass diese Praxis illegal ist.

Der Menschenrechtler weiß auch, wer sich hinter den schwarzen Masken verbirgt: die griechische Küstenwache. Was Amir und Anwar schilderten, decke sich mit den Erkenntnissen von Pro Asyl. „Obwohl die Menschen schon europäischen Boden erreicht haben, werden sie von diesen Sonderkommandos auf brutale Art zurückgeschafft und ihr Tod zumindest als Möglichkeit in Kauf genommen.“ Das griechische Vorgehen sei umso empörender, weil praktisch alle Syrer, die es nach Deutschland schaffen, dort Asyl erhielten. „Aber die Griechen prügeln sie raus. Was auch damit zu tun hat, dass die Europäer ihnen immer wieder sagen: Macht eure Grenzen weiter dicht.“

Zwar hat der griechische Minister für Öffentliche Ordnung und Bürgerschutz, Nikos Dendias, die Vorwürfe über systematische Push-Back-Aktionen in einem Brief an den Europäischen Rat strikt zurückgewiesen. Doch in der Ägäis läuft seit Jahren die gemeinsame Grenzsicherungsoperation „Poseidon Sea“ der europäischen Grenzschutzagentur Frontex und der griechischen Küstenwache. Hauptziel ist es, die Einreise sogenannter „irregulärer Migranten“ zu verhindern. Hat die griechische Regierung bislang versucht, Berichte von Menschenrechtsorganisationen auszusitzen, so wird nach der Katastrophe vom Januar immerhin offen darüber diskutiert. „Aber an der Praxis der Push-Backs hat sich unseres Wissens bisher nichts geändert“, sagt Karl Kopp.

Respekt für die Türken

Über die Türken sprechen Anwar und Amir mit großem Respekt. „Sie haben uns mehrmals gerettet. Sie haben uns immer absolut korrekt behandelt“, berichtet Amir. Die türkische Küstenwache stellte ihnen Schlafgelegenheiten zur Verfügung, lud sie sogar in Restaurants ein. Und nun? „Nun stehen wir wieder am Punkt Null.“ An diesem Tag scheint die Mauer um Europa so hoch und so unüberwindbar, dass der Todkranke nahe daran ist zu verzweifeln. „Vielleicht sterbe ich hier, bevor ich nach Europa komme“, sagt Amir.

Inzwischen, einige Wochen nach dem Treffen in Istanbul, kam die erlösende Nachricht. Amir, seine Frau Narin und die Kinder konnten mit einem humanitären Spezialvisum in die Schweiz reisen. Sein Bruder hat die Behörden überzeugt. Amirs Krebs werde nun behandelt, sagt ein Cousin aus Istanbul. Jetzt wollen sie versuchen, auch für Anwar und die Mutter Visa zu besorgen.