Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Mit dem ungewöhnlichen Forscher und Archäologiekritiker Rudolf Gantenbrink sprach Christa Schaffmann: "Ich halte alle Theorien über den Pyramidenbau für falsch"
12. November 1994
http://www.berliner-zeitung.de/17097178
©

Mit dem ungewöhnlichen Forscher und Archäologiekritiker Rudolf Gantenbrink sprach Christa Schaffmann: "Ich halte alle Theorien über den Pyramidenbau für falsch"

Eingehüllt in Marlboro-Dunst. hockt Rudolf Gantenbrink auf der Kante des weißen Ledersofas In seiner Münchner Wohnung. Er wirkt wie Sunny aus der Tv-Serie "Miami Vice, aber er ist ein Techniker. Eine Mischung aus Tatmensch und Denkmaschine.Berliner Zeitung: Sie haben einmal gesagt, ,Gantenbrink hat sich in die Geschichte der Pyramiden geschrieben. Das kann niemand ändern, heute nicht und nicht in 300 Jahren. Was gibt ihnen als Nicht-Archäologe das Recht dazu?Rudolf Gantenbnnk: Durch meine Arbeit Ist vor zwei Jahren eine wichtige Entdeckung gemacht worden. Sie betrifft die bis dahin unerforschten Schächte, die von der Königinnenkammer der Cheops-Pyramide ausgehen. Wir wissen heute, daß sie nicht -- wie vorher von den Archäologen angenommen nach wenigen Metern enden. Um das herauszufinden, hatte Ich einen Roboter entwikkelt, der zum erstenmal in diese nur 20 Zentlmeter breiten und ebenso hohen Schächte vordrang und dem es gelungen ist, in einem Fall bis ans Ende vorzustoßen.Ausgerüstet mit einer Videokamera hat er uns äußerst interessantes Bildmaterial geliefert, das International auf erhebliches Interesse gestoßen ist. Wir können an dem Material erkennen, daß sich am Ende des Ganges eine nur lose eingesetzte Steinplatte befindet. Bis heute läßt sich nur mutmaßen, was und ob überhaupt etwas dahinter liegt. Der Einsatz der kleinen, aber hochkomplizierten Maschine Ist ein neuer Schritt bei der Erforschung der Pyramiden. War im Zeitalter der Roboter vorher noch niemand auf diese Idee gekommen?Man hatte sich auf eine Theorie geeinigt, wonach diese Schächte nun einmal nur angedeutet seien. Damit erübrigten sich weitere Nachforschung.Wieso stellten Sie die Theorie in Frage?Ich bin Techniker. Ich gehe den Dingen gern auf den Grund. Ich bevorzuge es zu wissen, statt zu mutmaßen. Diese vielen Fragezeichen in all en Publikationen über die Pyramiden haben mich gestört, ja genervt. Wir fliegen zum Mond, erforschen das Weltall, aber wir können uns in einigen Fragen bis heute nicht verbindlich über unsere eigene Geschichte äußern.Ich habe deshalb den Kontakt zu Wissenschaftlern gesucht. Mein Ansprechpartner war Professor Stadelmann vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo. Erstes erfreuliches Resultat unserer Zusammenarbeit war die Erforschung zweier anderer Schächte der Pyramide, die von der Königskammer abgehen und einen Ausgang besitzen. Wir haben diese Schächte untersucht, gereinigt, und ich habe mit Hilfe der deutschen Industrie dort eine Beluftungsanlage eingebaut.Es ist die erste Anlage überhaupt, die elfl K~SnJgsgrab wirkungsvoll vor den Au~wlrkungerx des Tourismus schütt, Wir kbn~r~,4amlt pro Stunde .. linieter Luft austausc haben die Luftfeuchtlgkeft " lichen 95 Prozent auf 52 ?roz~t seflkezi können. Das entspricht tet Außenh4tfeuchte.Ist diese Technik übertragbar? Absolut. lcÄ habe ein Dossier zur Rettung des Grabes Sethos, 1. Im Tal der Könige ausgearbeitet. Das Ist eines der größten und schönsten Gräber, bis heute leider nur sehr mangelhaft dokumentiert und dem Verfall preis. gegeben, wenn nicht bald etwas geschieht.In der Geschichte hat es immer wieder Hobbyarchäologen gegeben. Schlieniann war so einer, auch den amerikanischen Dokumentarfilmer Nicholas Ciapp, der vor wenigen Jahren 12 Meter unter dem Wüstensand des Sultanats Oman die sagenhafte Stadt Übar entdeckte, würde ich dazu zählen. Sehen Sie sich selbst auch als Hobbyarchäologen?Das Wort trifft nicht meine Arbeit. Seit Ich mich den Pyramiden zugewandt habe, tue ich es wissenschaftlich. Ich bin eher der Prototyp eines neuen, meines Erachtens dringend benötigten Berufsbildes -- des Archäotechnikers. Das ist ein Mensch, der sich mit technischen Zusammenhängen bei archäologischen Fragestellungen beschäftigt. Nicht mit Archäologie im engeren Sinne. Er nimmt den Archäologen damit nichts weg, er ersetzt nicht etwa die Archäologen der Vergangenheit, er hilft ihnen nur, die heute vorhandenen Erkenntnisse und Mittel zu nutzen.Für bestimmte Dinge braucht man Fachleute. Viele Archäologen meinen heute noch, bereits durch ihr Studium auch Astronom, Techniker und Geologe zu sein. Erstens gibt es soviele Goethes nicht unter uns, und außerdem gäbe es heute auch Goethe nicht mehr, weil die Wissenschaft sich verändert hat.Ich meine, es geht nicht an, daß alle gängigen Theorien über d~n Bau der Pyramiden von Altphilologen stammen. Oder finden Sie es richtig, wenn ein Sprachwissenschaftler das Szenario einer Großbaustelle, vergleichbar dem Assuan-Staudamm, nachzuvollziehen versucht?Ich halte alle bisherigen Theorien zum Thema Pyramidenban für falsch. Sie sind alle praktisch undurchführbar. Das betrifft den Transport der Baumaterialien, die Werkzeuge, die Bauweise und andere Fragen. Denken Sie bloß an die Theorie von der Rampe, die zum Bau der Pyramiden gebaut wurde. Es ist völlig unlogisch, eine Rampe, die Im Prinzip zwei Tetraedern entspricht, also eine komplizierte Konstruktion, zu bauen, um damit elne Pyramide zu errichten. Dazu müßte man Winkelberechnungen können, Sinai und Kosinus beherrschen. Auch be" der Entschitisselung der Konstruktion stößt man auf konstruktlve Zwänge.Es wird klar, was die Ägypter damais konnten, was nicht, daß sie nicht auf Gehrung schneiden karinten, also den Pythagoras nicht beherrschten usw. usw. Ich sage Ihnen, es gibt einfachere Antworten, wenn man sich den Dingen mit technischem Sachverstand nähert.Sie befinden skh im Clinch mit den Arch~ologen. Dem Roboter mit dem Schönen Namen Upuaut -- Öffner der Wege-waren seit März 1993 alle Wege durch die Pyramiden verschlossen. Warum?Das hat viele Gründe. Meine Arbeitsergebnisse wurden von einigen Archäologen verfälscht. Es wurden neue Theorien formuliert, durch die die Fortsetzung der Forschungen überflüssig erscheint. Natürlich sind auch F.itelkeiten im Spiel. Da kommt so ein Unwissenschaftler und löst ein Problem, dem man selbst jahrelang hilflos gegenüberstand. Das will man klein halten, am liebsten totschweigen.Die Archäologen arbeiten zum Teil der Unwissenschaft in die Tasche. Ein Erich Daniken kann sich deswegen mit Recht über die Theorien lustig machen, weil er an elnigen Stdlen ganz offensichtliche Fehler nachweisen kann. Ich behaupte, die Existenz von Tabuzonen ist es, die obskuren Theorien immer neue Nahrung gibt. Wir müssen uns darüber nicht wundern. Wenn jetzt behauptet wird, hinter der von mir entdeckten Steinpiatte befinde sich nichts (ohne das geprüft zu haben), weil der Gang eben nur den Weg des Pharao ins Jenseits andeutet und eine Steinpiatte für seinen Geist selbstverständlich kein Hindernis bedeutet, dann ist das schon wieder so eine mystische Erklärung, die Spekulationen Tür und Tor öffnet.Wenn ich Ihren Ausführungen folge, befindet sich die Archäologie in einer furchtbaren Krise. Da werden Erkenntnisse verschwiegen, Forschungen verhindert, Ergebnisse gefälscht. Steht es wirklich so arg?"Die Archäolo~e" ~bt es in den Sinne nicht. Ich arbeite gerade an einem Vortrag, den ich in der kommenden Woche in Paris auf Einladung des französischen Forschungsministers vor Archäologen halten werde. Ich bin in engem Kontakt mit dem Britischen Museum, dem ich auch den Roboter Upuaut geschenkt habe. Ich habe unter den deutschen Archäologen gute Mitstreiter und einen Freund, der einen enormen Input bei meinen Arbeiten an der Pyramide gegeben hat.Viele, die heute als Archäologen arbeiten oder dieses Fach studieren, besitzen einen starken Forschergeist. Nur leider stoßen sie allzuoft an Dogmen im eigenen Bereich, werden Gefangene in einem Eifenbeinturm. Stoßen sie nKht ~or aMem an finanzielle Grenzen, denn Erforschung und Erhaltung der Schätze der Vergangenhelt sind in der Regel teuer.Ich leugne finanzielle Probleme nicht. Allerdings habe ich für meine Arbeiten in Kairo eine Reihe Sponsoren interessieren können und hatte auch bereits 18 Sponsoren gefunden, die bereit waren, In eine Stiftung zu investieren, die sich vorrangig mit der Dokumentation der Altertümer In Ägypten befassen sollte. Sie kamen aus dem Hard- und Software Bereich und hätten uns sehr helfen können.Wir müssen doch realistisch sein und nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Zuerst müssen wir dokumentieren, mit den modernen Mitteln, die wir heute haben. Danach wird manches sich erhalten und gegebenenfalls nach Verfall auch wiederherstellen lassen. Nicht alies werden wir bewahren können. Meine Erfahrung ist nur: Sponsoren in diesem Bereich werden allzuoft betrogen. Jeder Geldgeber erwartet eine Gegenleistung und will nicht bloß Mäzen sein, der zahlt und nicht viel fragt. in Frankreich und Amerika zum Belsp*e" tux*UQniert das sehr gut. Man ~? Wefll~er Berührungsängste. Kutist kann davon enorm profitieren. Tm Fall der Pyramlden ist die Stiftung wegen der Verzögerung der Arbeiten schließlich nicht zustande gekemnien.Heißt das, wir werden Sie demnächst als Astronauten erleben, auf einem wieder völlig anderen Arbeitsgebiet?Nein, ich bin entschlossen, im Bereich der Archäologie und der Archäotechnik zu bleiben. Ich habe ein Verfahren entwickelt, mit dem man weiter ermitteln könnte, was sich hinter der geheimnisvollen Tür befindet, ohne irgend etwas zu zerstören. Wenn Sie mir heute sagen, es geht los, wissen wir in drei Wochen mehr. Haben wir nicht die verdammte Pflicht, unser Wissen einzusetzen? Stellen Sie sich vor, in der Pharmazie würde man so arbeiten wie im Fall der Cheops-Pyramide? Einfach aufhören nach einem Mittel gegen Aids zu suchen, obwohl man die Möglichkeit dazu hätte. Undenkbar~Sie haben einmal erzählt, Sie wären durch ein Buchgeschenk a~f die Problematik der vielen ungelösten Fragen um die Pyramiden aufmerksam geworden. Wünschten Sie heute nach all dem Arger, Sie hätten dieses Buch nie bekommen.Nein, auf keinen Fall. Die Arbeit an diesem Projekt hat mich verändert. Ich habe gelernt, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis viele dieser Schätze nicht mehr existieren werden. Das gilt ja nicht nur für Ägypteil, sondern auch für Venedig und andere Stätten.Unsere Generation hat zum erstenmal nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Verpflichtung späteren Generationen gegenüber, diese Dinge zu dokumentieren. Es ist für mich ein Geschenk Gottes, eine riesige Chance, dafür etwas tun zu können.Sie werden sehen, in Zukunft wird die Archäologie neue Wege beschreiten. Sie und ich werden das noch erleben. Und noch viel rascher wird es mit den Forschungsarbeiten an der Cheops-Pyramide weitergehen.RUDOLF GANTENBRINK ist Jahrgang 1950. Er hat in Berlin an der Hochschule jür Bildende Künste (HBK) und später in Hannover Grafik und Design studiert. Als Ingenieur und Pyramidenforscher ist er Autodidakt. Er lebt in München. Foto: SchaffmannUpuauts TürDie geheimnisvolle Steinpiatte am Ende eines 60 Meter langen, bis dahin unbekannten, nur 20 Zentimeter breiten Schachtes, entdeckte der Miniroboter "Upuaut 1993 in der Cheops-Pyramide und fotografierte sie mit einer Videokamera. Mit einem speziellen Verfahren wollen Techniker jetzt erkunden, ob es hinter der TOr Hohirlume gibt und welche Ausmaße sie haben. Die Steinpiatte wird dabei nicht zerstört werden. Der Roboter wird, inzwischen weiterentwickelt erneut eingesetzt, um einen weiteren, bisher nur teilweise erforschten Gang zu befahren. Findet er eine zweite steinerne Platte?Goethe gäb s heute nicht mehr, weil die Wissenschaft sich verändert hat. Ich halte alle bisherigen Theorien zum Pyramidenbau für falsch. Sponsoren werden allzuoft betrogen. Es läßt sich nur mutmaßen, was hinter der Steinplatte liegt.