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Mollath-Prozess: „Dem schaut ja der Wahnsinn aus den Augen“

Gustl Mollath kann mit dem bisherigen Verlauf des Wiederaufnahmeverfahrens zufrieden sein. Es zeigt, mit welch merkwürdigen Methoden der erste Prozess gegen ihn geführt worden war.

Gustl Mollath kann mit dem bisherigen Verlauf des Wiederaufnahmeverfahrens zufrieden sein. Es zeigt, mit welch merkwürdigen Methoden der erste Prozess gegen ihn geführt worden war.

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dpa/David Ebener

Der Mann ist formal Angeklagter. Er versteht sich aber vor allem als Ankläger gegen Justiz und Psychiatrie und deren Versagen – vor allem in seinem eigenen Fall. Bis jetzt hat er sich eifrig Notizen gemacht und immer wieder seinen gelben Marker zur Hand genommen. Nun aber schüttelt er sichtbar unwillig den Kopf. Der Zeuge, Leiter der Forensik am Klinikum Erlangen, erklärt zum wiederholten Mal, das Angebot eines Deals zwischen ihm und Gustl Mollath habe es nicht gegeben. Kern der angeblichen Absprache: Als Gegenleistung für ein günstiges Gutachten „bleibt die Verbindung zu den Schwarzgeld-Verschiebungen unter uns“.

An diesem neunten Verhandlungstag im Wiederaufnahme-Verfahren kommt es im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Regensburg mit seinen wuchtigen Zinnen und Türmen zur direkten Konfrontation zwischen Mollath und dem Psychiater Michael Wörthmüller. In der Klinik am Europakanal hatte Mollath 2004 zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer geschlossenen Einrichtung gemacht, wenn auch zunächst nur für eine Woche. Obwohl Wörthmüller schließlich die Begutachtung Mollaths wegen Befangenheit ablehnte, gilt er offenbar auch in den Augen des Gerichts als eine der Schlüsselfiguren. Seine Vernehmung dauert mehr als zweieinhalb Stunden.

Das erste Zusammentreffen der beiden Männer fand einige Zeit vor Mollaths Einlieferung in die Klinik auf Wörthmüllers Grundstück statt. Eine bizarre Situation. Man habe sich gegenseitig nicht vorgestellt, „aber er wusste offenbar, wer ich bin“, sagt Wörthmüller. Als die Vorsitzende Richterin Elke Escher ihn nach Details der Begegnung fragt, erinnert sich Wörthmüller. Der Unbekannte habe einen Plastikbeutel mit Comicfigur um den Hals hängen gehabt. „Das fand ich bemerkenswert für einen erwachsenen Mann. Seine Interaktionen haben mich irritiert“, fügt er in Psychologen-Terminologie hinzu. Der Mann habe nicht gesagt, was er wolle. Dann habe er nach dem Nachbarn Bernd R. gefragt, einem ehemaligen Angestellten der Hypo-Vereinsbank.

Bei Mollaths Ankunft in der Klinik habe er sich natürlich sofort an die eigenartige Begegnung erinnert. Nein, aggressiv sei der Patient nicht gewesen, aber eigentümlich. Obwohl er ihm in Aussicht gestellt habe, kooperatives Verhalten werde sich positiv auswirken, habe Mollath jede Zusammenarbeit abgelehnt. Warum Mollath ihn denn als Gutachter abgelehnt habe, will einer der Richter wissen. „Er hielt mir vor, ich hätte selbst mit Schwarzgeld-Verschiebungen zu tun oder mit Personen, die involviert gewesen sind. Er hat mich mit dem ganzen Konglomerat in Verbindung gebracht.“

Bernd R. verwaltete eine Immobilie von Wörthmüller

Das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Zuschauerraum staunt nicht schlecht, als der Zeuge einräumen muss, dass ihn mit dem Finanzberater Bernd R. mehr verbindet als die bloße Nachbarschaft. „Herr R. ist Verwalter einer Immobilie von mir.“ Solche Eingeständnisse sind gut für Gustl Mollath. Er erscheint trotz der Hitze stets im korrekten dunklen Anzug, als müsse er anschließend zu einer Aufsichtsratssitzung der Bank. Ob Wörthmüller damals gewusst habe, dass Mollaths Frau an illegalen Finanztransaktionen beteiligt gewesen sein soll? Ja doch, „die inhaltliche Fixierunng auf das eine Thema“ sei ihm schon aufgefallen, antwortet er dem jetzigen Prozess-Gutachter Norbert Nedopil.

Dass ein Psychiater einen Kollegen im Zeugenstand vernimmt, kommt in deutschen Gerichtssälen auch nicht alle Tage vor. Er habe den ganzen Komplex Hypo-Vereinsbank hintangestellt, beschreibt Wörthmüller seine Versuche, sich dem Patienten M. anzunähern. „Damit haben Sie eine wesentliche Motivation meines Mandanten ausgeblendet“, rüffelt ihn später Mollaths Verteidiger Gerhard Strate. Gespräche mit Mollath habe es aber sehr wohl gegeben, berichtet Wörthmüller. Zum Beispiel habe er sich mit dem Oldtimer-Enthusiasten Mollath, der eine Weile sein Geld mit dem Restaurieren alter Karossen verdiente, über Autos gesprochen. „Er schlug mir vor, meinen Wagen gegen einen günstigen Ferrari einzutauschen.“

Jetzt ist einer von Mollaths Augenblicken. Sie genießt er jedes Mal sichtlich, weil er diesen von ihm herbeigesehnten Prozess als Kampf gegen erlittenes Unrecht versteht. Immer, wenn Zeugen da sind, übernimmt Mollath für ein paar Minuten die Rolle des Vernehmers. Die Vorsitzende lässt ihn in der Regel gewähren. Nur ein Mal geht sie am folgenden Tag charmant-resolut dazwischen: „Das ist hier keine Diskussionsrunde, Herr Mollath.“

„Grüß Gott, Herr Dr. Wörthmüller, oder sind Sie jetzt auch noch Professor?“, hebt er zum sichtlichen Vergnügen seiner Unterstützer im Saal an. Mollath richtet sich auf und arbeitet einen vorbereiteten Fragenkatalog ab: „Ist es richtig, dass ich einen langen dunklen Gang auf der Station F 1 entlangging und dass mich dort ein dunkelhäutiger Mann mit Kittel zum Eingangsbad empfing? Wurde Ihnen mitgeteilt, dass ich das Eingangsbad abgelehnt und lieber geduscht habe? Ist es richtig, dass ich 23 Stunden in meiner Zelle war und nur eine Stunde Hofgang mit Handschellen hatte?

„Ich habe angeordnet, dass man Ihnen die Handschellen beim Hofgang abnimmt“, entgegnet der Zeuge. Bei vielen Fragen beschränkt sich der Psychiater, sichtlich verstört durch das ungewohnte Verhör-Szenario, auf Nicken oder Kopfschütteln. Zum Beispiel als Mollath ihn mit der Frage konfrontiert, ob er ihm gesagt habe, dass er durch seine diversen Aktionen seine Frau vor möglichen hohen Haftstrafen habe schützen wollen.

Gustl Mollath, der "Weltverbesserer"

Wer ist dieser Gustl Ferdinand Mollath, der seine Frau durch Schläge, Tritte und Bisse bis zur Bewusstlosigkeit misshandelt haben soll? Der eher mäßig aufregend klingende Tagesordnungspunkt „Urkundenverlesung“ entpuppt sich als eine Art Psychogramm des Angeklagten aus eigener Sicht. Seitenlang hat Mollath unter dem Titel „Was mich prägt“ eine Globalbetrachtung politischer Ereignisse seit den späten 60er-Jahren tagebuchartig festgehalten. Den Schah-Besuch in Berlin zum Beispiel, das Massaker von My Lai, auch dass Marlon Brando seinen Oscar „wegen der Diskriminierung der Indianer“ ablehnte.

Er liest „Nach uns die Zukunft“ von Pestalozzi und „Ein Planet wird geplündert“ von Gruhl, wird Amnesty-Mitglied und übernimmt mit seiner Frau Patenschaften für die Dritte Welt. Bei der Bombardierung des Iraks durch die Amerikaner stellt er seine aufbewahrte Kommunionkerze in der Nürnberger Sebalduskirche auf. Ein Gutmensch tritt da in Erscheinung, ein Gerechtigkeits-Fanatiker. Seiner Frau, die ihn als „Weltverbesserer“ tituliert, schreibt er per Fax zurück: „Ich bin nicht normal. Ich gehöre nicht zur Mehrheit.“

Einmal notiert er: „Die Geldgeilheit ist auf dem Höhepunkt. Nur Renditen, koste es, was es wolle.“ Über seine Frau hält er fest, sie sei auf ihn losgegangen mit Tritten und Schlägen. „Leider wehre ich mich.“ Und später: „Petra wird immer merkwürdiger. Sie wollte, dass wir gemeinsam den Mond anbeten. Ich war der Seelenonkel, der selbst nicht mehr konnte.“

Die Einschätzung, dass der Mann psychisch krank sei, geht auf die Beurteilung einer Ärztin am Erlanger Klinikum zurück, die niemals mit ihm gesprochen, geschweige ihn persönlich gesehen hat. Das ist eine der vielen Merkwürdigkeiten dieses Falls. Gabriele K. stützte vielmehr ihre „schlüssige Anamnese“ nur auf Schilderungen von Mollaths Frau. Das musste sie jetzt im Regenburger Gerichtssaal zugeben. Man kannte sich, weil Mollaths Frau ganz zufällig Gabriele K.s Kundenberaterin bei der Bank war. Irgendwann hatte sie bemerkt, dass Petra Mollath dünnhäutiger war und immer eine Sonnenbrille trug.

Nach nur vier Verhandlungsstunden in die Psychiatrie

Der am Nachmittag geladene Zeuge hatte die Kammer schon zuvor vorsorglich wissen lassen, dass er nicht viel zur Klärung der anstehenden Fragen beitragen könne. Es zeigt sich, dass Richter im Zeugenstand die gleichen Verhaltensweisen an den Tag legen wie viele ganz normale Zeugen. Sie berufen sich gern auf ihre Gedächtnislücken. Kann es sein, dass Otto Helmut Brixner, wie er behauptet, keinerlei konkrete Erinnerungen mehr an jenen Augusttag 2006 hat?

Da hatte er als Vorsitzender Richter nach nur vier Stunden Verhandlung Mollath in die Psychiatrie geschickt. „Vielleicht bin ich ihn laut angegangen, aber ich rede sowieso laut“, fällt ihm schließlich ein. Man habe ihn deswegen in Nürnberg Freisler genannt, nach dem gefürchteten Nazi-Richter. Das Schwarzgeld habe, als er im Wortsinn kurzen Prozess mit Mollath machte, „keine Rolle gespielt“.

Dann geht es plötzlich um ein Detail, um eine dieser seltsamen Verquickungen, die so typisch sind für das Schicksal Mollaths. Scheinbar beiläufig fragt die Vorsitzende Richterin den Kollegen a. D., ob er denn den Herrn Maske kenne, den heutigen Ehemann von Mollaths Ex-Frau. „Natürlich kenne ich den“, sprudelt es aus Brixner heraus. Schließlich habe er seinerzeit die Handball-Mannschaft des 1. FC Nürnberg trainiert, in der Martin Maske mitgespielt hat. „Aber großartige persönliche Kontakte gab’s nicht.“ Immerhin weiß er noch, dass Maske Linkshänder war.

Die Kammer interessiert sich mehr dafür, ob er vor dem damaligen Prozess mit dem Mann gesprochen habe. Keine Erinnerung, tut mir leid. Unmut macht sich unter den Zuhörern breit, als Brixner bestreitet, über „seinen“ damaligen Angeklagten Mollath geäußert zu haben, „dem schaut ja der Wahnsinn aus den Augen“. Konfrontiert mit der entsprechenden Aussage eines damaligen Schöffen ruft der genervte 71-Jährige mit hochrotem Kopf aus, darin sehe er einen „Verstoß gegen das Beratungsgeheimnis“. Er verteidigt sein Schnell-Verfahren mit dem Hinweis, dem Bundesgerichtshof habe das Urteil „gereicht“.

Gustl Mollath fällt es in diesem Moment schwer, an sich zu halten. Er weiß, sein Auftritt kommt später. „Ich habe kläglich versucht, meine Haut zu retten, und Sie haben mich in der Zwangsjacke vorführen lassen“, sagt er zu dem pensionierten Richter.