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Momente zwischen Traum und Tag

Sie wandern, gehen mit offenen Augen durch Städte. Die Japanerin Akiko Sato und die Kölnerin Mireille Schellhorn fotografieren draußen. Tags und nachts.In Hokkaido und Hanau - eine halbe Welt lag dazwischen - wuchsen sie auf. Als sich beide im Jahr 2001 am Rhein in Köln zum ersten mal begegneten, hatten sie schon gute, hinreichend persönliche, jedenfalls profunde Erfahrungen bei künstlerischer Arbeit mit der Kamera gesammelt. Kurz danach wurde Frau Sato Meisterschülerin bei Rosemarie Trockel. Und Mireille Schellhorn verdiente sich die ersten Meriten beim Musikjournal Spex. Trotzdem stellten beide irgendwann fest - und waren selbst darüber am meisten überrascht - dass sich ihre fotografische Arbeitsweise zwar irgendwie unterscheidet, sich aber ihre visuelle Sensibilität ganz offenbar ähnelt. Ihre erste gemeinsame Ausstellung jetzt im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin ist dafür der allerbeste Beweis.Bei ihren Fotowanderungen wird mit langsamen, bewussten Seitenblicken erspürt, was wir beim urbanen Leben im Alltag, beim Hetzen auf der Überholspur, beim Lebenstakt, wo man kaum schläft, zu oft übersehen. Die Schönheit von Blüten, Blumen, Bäumen oder auch einfach bloß von Gras, das als heiterer Beweis natürlichen Anflugs jener grau-uniformen Ästhetik der endlosen Betonmeere trotzt.In den Foto-Serien beider Frauen steckt die Poesie urbaner Muster- und Schattenspiele am Tag. Genauso wie die Dramatik reflektierender Lichteffekte bei Nacht. Doch während jene Serie von Sato zum Beispiel authentische Liniatur einfacher Telefondrähte auffängt, und sie wie rätselhafte Notenschrift auf einen dunstigen Wolkenvorhang schreibt, wird dagegen in Schellhorns nächtlichen Fassadenbildern kunstvoll verdunkelt, glänzend collagiert oder beim Stillleben vom Teich direkt auf den Fotogrund appliziert, mit grünem Glitter!Etwas mag seltsam erscheinen. Doch scheint noch mehr als sie sich beide durch ihre östliche und westliche Herkunft unterscheiden, jene interessante Differenz im Ausdruck den zwei verschiedenen Zeitfenstern für höchste persönliche Wachzeit zu entstammen. Die Japanerin ist ein bekennender Morgentyp, die deutsche Fotografin doch eher ein Nachtmensch. So geschehen jene hellsichtigen Momente für ein zielgenaues Shooting bei der einen mehr am Morgen oder hellen Tag, bei der Anderen eher zur Dämmerung oder ganz in der Nacht.Bewusst aber nutzen beide den Kontrast zwischen Natur-Stimmung und Stadt-Bildern. Darüber hinaus schätzen sie die klärende Kraft von Reduktion und Ausschnitt, von Abstraktionen. Sie "verallgemeinern" damit ihre konkreten Motive. Ob die Aufnahmen aus Osaka oder Tokio stammen? Ob jene Zweige oder Seerosenblätter in einem Moment irgendwo zwischen Träumen und Wachsein im japanischen Frühling oder im deutschen Rheinland blühten? Es genau zu wissen, würde nichts ändern. Am Schluss sind solche Fotografien wie Dichtung oder Musik. Es zählt der Zauber. Doch nach wie vielen Schritten oder an welcher Kreuzung des Weges sich der Rhythmus, der Klang, das Licht dafür gefunden hat, ist am Ende völlig egal.Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin, Saargemünder Straße 2, bis 4. April, Mo-Do 10-16.30, Fr 10-15.30 Uhr.------------------------------Foto: Aus Akiko Satos Serie "Connection I", 2006, pigmentierter Ink Jet.