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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Mona Hatoums Werk spiegelt die Schrecken von Krieg und Exil. In Berlin wird die palästinensische Künstlerin mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt: Die ganze Welt ein fremdes Land

BERLIN. Gerade packt Mona Hatoum, wieder einmal. Sie fliegt nach Beirut, für drei Wochen, dann nach Kairo. Sie mag das Dasein "in Residenz", was bedeutet, mit jeweils einem Stipendium vier Wochen hier, drei Monate oder ein halbes Jahr dort zu arbeiten - in Mexiko-City, Caracas, Ramallah. "Ich gehe dorthin, um Kunst zu machen, die sich auf den Ort bezieht", sagt Mona Hatoum. Dieses Wechselhafte, Unstete, an Orten, wo nichts perfekt, sondern eher primitiv und daher mühsam ist, das sei ihr, meint die palästinensische Künstlerin mit britischem Pass, "Inspiration und Antrieb". Fast immer schleppt sie in riesigen Stofftaschen - die sind so schön leicht - alles mit, was sie für ihre Arbeit braucht und die Galerien in ihren Gast-Städten nicht haben."Es ist anstrengend und abenteuerlich", sagt sie. "Ich arbeite dort für meine Skulpturen oft mit Handwerkern und mit Frauen, die wunderbare Handarbeiten machen. Sie sind sehr arm, doch große Meister ihres Fach. Das gibt mir neue Einblicke. Da wiederholt sich nichts, mir fällt immer wieder Neues ein." Mona Hatoum ist begeistert von diesem rastlosen Leben. Einerseits.Dann aber kommt dieser Satz - mit leiser Trauer in der Stimme: Die ganze Welt sei ein fremdes Land. Ein seltsamer Satz, der nachklingt. Die 58-Jährige sitzt inmitten von Skizzen und Dokumentationen in ihrem Berliner Atelier, es liegt in einer Seitenstraße in Wedding. Hier funktioniert der Alltag unspektakulär mit Miniladen, Fahrschule, Café und einer Backsteinkirche, in der armenische Migranten sich zum Gottesdienst treffen.Mona Hatoums helle Wohnung hat Fenster zum Hof mitseinen hohen alten Bäumen, die das Sommerlicht fein gefiltert durch die vorhanglosen Scheiben auf den Arbeitstisch fallen lassen. Wenn ein unstetes Exilleben so strandet, dann ist das womöglich ein Zipfel Arkadien.Oder ist es endlich auch ein wenig Heimat? Mona Hatoum fährt sich mit der linken Hand verlegen durchs schwarzlockige Haar, zupft an ihrem schwarzen T-Shirt, schaut milde mit ihren schwarzen Augen auf die Fragestellerin und sagt unverblümt: "Ich habe keine romantische Sehnsucht nach einer bestimmten Heimat. Keine Erinnerungen an einen bestimmten Ort, zu dem es mich zieht oder den ich mir woanders nacherschaffen müsste. Wo ich arbeite, da ist zu Hause. Mal London, mal Berlin."Heimat, was ist das? Beirut hätte es sein können. Mona Hatoum ist die Tochter eines aus Haifa in den Libanon ausgewanderten palästinensischen Christenpaares. Ihre Stimme wird ganz leise, wenn sie erzählt, wie sie Beirut Mitte der siebziger Jahre verließ - als tue es immer noch weh. Die Eltern blieben zurück, sie aber ging, enttäuscht von dem Land, in dem sie und ihre Familie immer die Fremden geblieben waren. Sie wollte in den Westen und wählte London als Zuflucht, dort studierte sie Kunst. "Als ich nach Beirut zurückkehren wollte, eskalierte der Bürgerkrieg. Die Exilfalle schnappte abermals zu. Der Heimweg war versperrt."Der dunkle Ton aus ihrer Stimme verschwindet nicht, als sie weiterredet. Die Eltern starben, die Schwester ging in die Vereinigten Staaten ins Exil. Hatoum blieb in London und heiratete einen Musiker. Sie hatte bald schon Erfolg mit ihrer Kunst, gerade in der westlichen Welt. Zur Ruhe kommt sie trotzdem bis heute nicht. Mona Hatoum und ihr Mann haben keine Kinder, deretwegen sie fest an einem Ort leben müssten. So folgt er ihr, wann immer es geht, nach seinen Konzerten, besuchsweise überallhin auf der Welt.Berlin wird da nur ein Katzensprung sein. Hier bekommt sie am 30. Juli in der Akademie der Künste den Käthe-Kollwitz-Preis verliehen. Die Ehrung, erklärt sie, sei für sie "sehr beziehungsreich, denn die Kollwitz war eine rückhaltlos mutige Frau, die sich in ihrer Zeit mit ihrer Kunst politisch und sozial ein- und damit ausgesetzt hat. Die Nazis haben ihre Anti-Kriegskunst verboten. Aber sie hat immer weiter gezeichnet." Mona Hatoum erinnert sich besonders an ein Blatt, auf dem eine alte Frau Kinder mit ihrem Körper schützt und unter dem steht: "Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden!", damit habe die Kollwitz sich eingemischt.Genauso wünscht sich Mona Hatoum, dass ihre Arbeiten nicht nur intellektuell wirken, sondern auch Emotionen wecken. Sie sollen sich einmischen. Nicht verbissen, nicht aggressiv, sondern in einer Mischung aus Humor und Ernst, aus Drastik und Poesie. Sie will die Gleichgültigen aufstören: "Ich möchte nicht aufzeigen, was schon passiert ist, sondern das, was möglich wäre, was passieren könnte."So hat sie beispielsweise Schaukeln aus Glas gebaut. Sie nennt sie schlicht "A Couple of Swings" - ein Paar Schaukeln. Das Hin-und Herschwingen ist schön, ja beglückend anzusehen. "Und doch", sagt die Künstlerin, "könnten beide auch jeden Moment zusammenstoßen". Ihre Kunst will nicht harmonisieren. Es müsse da immer eine Ambivalenz zu sehen und zu spüren sein, findet sie: "Von mir aus ein leichtes Unbehagen, eine latente Bedrohung. Für mich ist das die Wahrheit über das Leben und den Zustand unserer Welt."Mona Hatoum kam 2003 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Daad) nach Berlin; da war ihr Name schon bekannt, denn sie hatte seit den Achtziger- jahren in London für Aufregung gesorgt: Mit einer Plakataktion beispielsweise, die sie "Über meine Leiche" nannte und für die sie sich einen Spielzeugsoldaten auf die Nase geklebt hatte. "Auslöser war das Massaker an über tausend palästinensischen Flüchtlingen in den Camps von Sabra und Schatila", erzählt sie. Es herrschte Bürgerkrieg im Libanon, Christen gegen Moslems. Machtlos musste sie, die Christin, erleben, wie diese Grausamkeit niemanden in England interessierte. Ein anderes Mal steckte sie sich selbst in einen Leichensack, bedeckt mit Blut und Gedärmen und spielte Radioberichte über den Krieg zwischen Israel und Libanon ab. Er raubte ihr den Schlaf: "Ich hatte Angst um meine Eltern, die sich dort nicht mehr aus dem Haus wagten."Paradiese und Höllen"Damals war meine Kunst noch zugespitzt autobiografisch, alles, was ich tat, klebte am Schicksal meiner Familie", sagt Mona Hatoum. "Aber ich wollte über diese Perspektive hinaus." Heute ist ihre Kunst universal. Sie zeigt die Welt als Patchwork von Paradiesen und Höllen; ihr eigenes Schicksal ist nur ein Teilchen im großen Puzzle von Fortschritt und Rückschnitt, von Frieden und Krieg, Hass und Liebe, Verständnis und Gleichgültigkeit in der Welt. Heute reagiert sie auch um einiges gelassener. "Ich fliege über Amman, fahre dann mit dem Auto weiter, wenn ich nach Ramallah oder Jerusalem will." Damit sich nie die Szene wiederholt, in der sie auf dem Flughafen von Tel Aviv von der Polizei wegen ihrer palästinensischen Herkunft wie eine Staatsfeindin behandelt wurde, obwohl sie doch vom Israel-Museum eingeladen war.Sie erzählt davon ohne Bitterkeit. Sie würde auch wieder einer Einladung nach Israel folgen. Die Kunst, gerade auch die verstörende, ist für Mona Hatoum eine Friedensbrücke. Das hat auch ihr Berliner Galerist Max Hetzler früh erkannt. In seinen Ausstellungshallen der Weddinger Osramhöfe konnte sie zuerst jene farbigen Kristallglasgebilde zeigen, die als Handgranaten auf einem Krankenhausservierwagen aus Stahl und Gummi lagen. Bei Hetzler stellte sie auch eine Unbehagen auslösende, schwarze Skulptur mit den scharfen Gratlöchern und Schneiden einer Küchenreibe, groß wie ein Bett, in die Galerie. Die scharfkantigen Löcher und Schlitze von "Greater Divide", einem Gemüsehobels in der Größe eines Paravents, reduzieren jeden Betrachter auf die Dimensionen von Gurke und Karotte. Man darf sich vorstellen, dass man da durchgehobelt wird. So lapidar spricht Hatoum die Folter an."Ich weiß, es ist erschreckend, wenn ich Dinge und Muster aus dem ganz banalen Alltag, etwa aus der Küche, zu solchen Monstern mache", sagt sie und lacht. Natürlich schockiert es das Publikum, wenn sie in einer Ausstellung ein Kinderbett aufstellt und elektrisch aufgeladene Drähte davorspannt. Wie einen Viehzaun. Aber die rabiate Ästhetik hat eine politische Botschaft. "Ich frage danach, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern - ihrer Zukunft - umgeht", sagt Mona Hatoum.Einen Orientteppich auf dem Galerieboden nennt sie "Afghan". Zu sehen ist eine Landkarte im Zustand des Verfalls: Große Teile des Gewebes sind wie von Motten zerfressen oder ausgerissen. In der Aufsicht ergeben willkürlich zerstörte Flächen die Ansicht ausgelöschter Territorien: Afghanistan, Irak, Palästinensergebiet - Leidensorte auf dem Weltteppich.Ihre Arbeit auf der Documenta XI in Kassel ging in Bildern um die Welt: eine Installation namens "Heimatverbunden" aus Möbeln und Küchengeräten hinter einem elektrischen, laut summenden Drahtzaun. Alle Gegenstände - Tisch, Stühle, Obstpresse, Teekessel, Vogelkäfig - waren per Kabel verbunden und unter Strom gesetzt, die Türklinken durch Messer ersetzt. Das Alltägliche als Gefahr für Leib und Leben, wenn man in einem Land lebt, in dem die Gewalt herrscht? Oder drückte sich darin die Sehnsucht nach der Küche der Eltern, nach häuslicher Geborgenheit aus? "Es ist wohl beides", erwidert Mona Hatoum.Sehnsucht und SarkasmusUnd es sei schön, fügt sie hinzu, wenn ein Kunstwerk auch Sehnsucht und Ästhetik ausdrücke, selbst wenn das bei ihr meistens sarkastisch oder mit grimmigem Humor passiert. So hat sie vor einiger Zeit 770 Jutesäcke, prall gefüllt mit Samen, in die Berliner Daad-Galerie gestellt. Ein Bollwerk aus Natur. Jeden Morgen wurde gegossen, und geschwind keimte es grün aus dem Gewebe heraus. Bohnenkraut schoss in die Höhe und hing bald, wie die Künstlerin es wollte, als "Hängender Garten" im Schauraum. Das war selbstverständlich eine Anspielung, witzig, poetisch, melancholisch, so wie immer in Hatoums Kunst: Es ging um die Hängenden Gärten der Semiramis, Gattin des Nebukadnezar II. Sie hatte Heimweh nach Persien, Babylon war ihr Exil. "Die gestapelten Sandsäcke", sagt Mona Hatoum, "erinnern aber auch an die Berliner Mauer 1961 bis 1989."Natur, Stadt, Land, Heimat und Fremde - für sie sind es fragile, auch schmerzliche Formen ohne Grenzen. Es ist die Erfahrung, das Gefühl, "nur auf Reisen wirklich zu Hause zu sein". Und das viele Grün auf den mit Samen gefüllten Jutesäcken schien irgendwie sagen zu wollen, dass Hass und Angst schwinden, wo Leben wächst.Womöglich gab diese Arbeit den letzten Anstoß für den Berliner Kollwitz-Preis. Was nun ist für sie Erfolg? Darauf antwortet die scheue Mona Hatoum überraschend freimütig. "Er ist wichtig für mich, um gut weiter arbeiten zu können, nicht etwa, um mir selber zu beweisen, wie toll ich bin." Ihr graust bei der Erinnerung an den Rummel 1995, als man sie in London für den Turner-Preis nominierte. "Auf einmal war ich eine öffentliche Person. Mein Londoner Atelier war öffentlicher Raum, die Yellow Press rückte mir auf den Leib." Den Stress wollte sie nie wieder haben. Also hat sie daraus gelernt, sich zu entziehen. Heute heißt Erfolg für sie: "Ich werde eingeladen, ich komme herum. Wenn ich dann irgendwo in der Welt meine Arbeit mache, bin ich froh, denn ich bin dann in der Fremde ganz für mich allein."------------------------------MONA HATOUMGeboren 1952 als Tochter palästinensischer Christen im Libanon. Sie studierte Kunst in London, wo sie bis heute lebt, wenn sie nicht auf Reisen ist. Krieg und Krisengebiete, Exil und Heimatlosigkeit sind die Themen, die ihr Werk prägen.Der Käthe-Kollwitz-Preis wird ihr am 30. Juli von der Akademie der Künste überreicht. Eine Schau am Pariser Platz 4 zeigt etwa einen riesigen bronzenen Rosenkranz und eine bedrohlich vergrößerte Küchenreibe.------------------------------Foto: Mona Hatoum vor ihrer Skulptur "Greater Divide". Der riesige Gemüsehobel mit scharfen Gratlöchern und Schneiden vermittelt ein überwältigendes Gefühl der Bedrohung - als traumatisches Bild für die Folter.