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Montagsdemos: Völkische Friedensbewegung

Ein Frontmann der sogenannten Friedensbewegung ist Ken Jebsen. Der 48-Jährige arbeitete bis 2011 für den RBB. Er war dort wegen verschwörungstheoretischer Positionen und des Vorwurfs des Antisemitismus entlassen worden.

Ein Frontmann der sogenannten Friedensbewegung ist Ken Jebsen. Der 48-Jährige arbeitete bis 2011 für den RBB. Er war dort wegen verschwörungstheoretischer Positionen und des Vorwurfs des Antisemitismus entlassen worden.

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Imago/Christian Mang

Am Dienstag wurde die Facebook-Seite dieser Zeitung mit Hass-Einträgen überflutet. „Hört auf, uns eine Meinung einflößen zu wollen!“, war da etwa zu lesen. Als Partisanen der Medien-Mafia wurden Journalisten bezeichnet. Auch die Seiten anderer Tageszeitungen und vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien wurden mit Hass-Post überschwemmt.

Viele der Kommentare hatten einen identischen Wortlaut, wurden aber von unterschiedlichen Facebook-Mitgliedern gepostet – als ob jemand zuvor fertige Textbausteine ausgegeben hätte. Viele Texte endeten mit der Aufforderung: „Wacht auf und fangt an, für das deutsche Volk einzustehen und es vor Manipulation zu schützen!“ Allen Kommentaren gemein war die Kritik: „Warum berichtet ihr nicht über die Montagsdemonstrationen?“

Ja, warum eigentlich nicht? In Berlin gab es im vergangenen Jahr 4800 Demonstrationen. Über die meisten wurde nichts berichtet. Allein am Mittwoch waren es acht Kundgebungen. Mitglieder der Falun-Gong-Sekte protestierten an der chinesischen Botschaft, in der Dorotheenstraße in Mitte fand eine Kundgebung gegen die Tötung der Straßenhunde in Rumänien statt.

Gegen das Finanzkapital

Ein gewisser Lars Mährholz hatte Mitte März bei der Berliner Polizei diese Montagskundgebungen am Brandenburger Tor angemeldet. Deren Motto: „Für Frieden in Europa, auf der Welt, für eine ehrliche Presse und gegen die Politik der FED“, die Federal Reserve, die US-Notenbank. Das Zinssystem, die Krise in der Ukraine und die Berichterstattung in den Medien hätten ihn veranlasst, die Mahnwachen anzumelden, sagt Mährholz in einem Fernsehinterview, das auf seiner Webseite abrufbar ist. „Die Privatbank Federal Reserve ist das Krebsgeschwür des Planeten“, behauptet er.

Das sind Sätze, die bei vielen gut ankommen. Und weil denen auch die Forderung nach Frieden und Kampf „Wir hier unten gegen die da oben“ zusagt, fanden sich am 17. März knapp 100 Menschen ein, als Mährholz zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor aufrief. In den folgenden Wochen wuchs die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 1000 an.

Daran hatte auch Radiomoderator Ken Jebsen seinen Anteil, den der RBB Ende 2011 wegen Antisemitismusvorwürfen rauswarf. Seitdem macht Jebsen seine eigene Sendung im Internet. Bei den Montagsdemos redet er ohne Punkt und Komma gegen das Finanzkapital an, gegen die Propagandapresse und eine vermeintliche Hetzkampagne gegen die Russen. Eine immer kleinere Wirtschaftselite kontrolliere immer größere Teile des Globus, predigt er – und bekommt viel Applaus von den Umstehenden.

Inzwischen ist um Mährholz eine bundesweite Organisationsgruppe entstanden, die auch in anderen Städten wie Bonn, Bremen, Frankfurt, Köln oder Leipzig „Mahnwachen für den Frieden“ organisiert. Viele der Teilnehmer sind wohl Normalbürger und einfach nur unzufrieden mit der Politik. Aber sie befinden sich zum Teil in fragwürdiger Gesellschaft: Einige Redner, Teilnehmer und Mobilisierer lassen rechtslastige Tendenzen erkennen. Laut Mährholz ist die FED verantwortlich für die Kriege der letzten 100 Jahre. Der Zweite Weltkrieg wäre dann nach seiner Lesart nicht von Hitler sondern von den USA ausgegangen.

Bei Facebook gibt es eine Anonymous-Seite, auf der für die Demos mobilisiert wird und seit Dienstag eben auch zu einem „digitalen Guerillakrieg gegen deutsche Medien“ – um Medien mit Kommentaren zu überfluteten. Die Seite vermittelt den Anschein, als gehöre sie der Internet-Hackergruppe Anonymous. Das war sie früher auch. Doch vor einiger Zeit soll sie von einem ihrer Administratoren gekapert worden sein, der alle anderen Moderatoren aussperrte.

Chemikalien in Kondensstreifen

Von dieser Seite ist auch ein angebliches Anonymous-Video mit dem Titel „Nachricht an die deutsche Bevölkerung“ veröffentlicht worden. Es strotzt von Nationalismus, Volkstum, Freimaurer-Symbolik und Bilderberger-Verschwörungs-Rhetorik, wendet sich gegen Manipulation durch Medien und „Multi-Kulti-Wahnsinn“, gegen Chemtrails und die „CO2-Lüge“. Auch der alte Neonazi- und Reichsbürger-Mythos wird bedient, wonach die Bundesrepublik gar kein Staat sei sondern nur eine GmbH und das Deutsche Reich noch existiere. Dem Zuschauer wird suggeriert, dunkle Mächte und das Finanzkapital würden im Hintergrund die Fäden ziehen. Es wird nicht explizit gesagt, aber gemeint sind die Juden. Mittlerweile haben sich andere Anonymous-Kollektive von dem völkischen Video distanziert und einen Gegenfilm produziert.

Obwohl sich Organisator Mährholz nicht „in die rechte Ecke“ stellen lassen will, weil er – wie er sagt – einfach nur Frieden möchte, finden sich bei seinen Veranstaltungen Leute aus genau dieser Ecke ein: Bei der Demo in Magdeburg scharen sich Teilnehmer um ein Plakat mit der Aufschrift „Demokratie heißt Volkstod“. Genau diese Parole wird bei Neonazi-Demos gezeigt.

In Leipzig behauptet ein Redner, der Saatguthersteller Monsanto produziere unsere gesamten Lebensmittel und beherrsche die Welt. Bei den Demos in Berlin sind nicht nur „Reichsbürger“ sondern auch Anhänger von Verschwörungstheorien anzutreffen: die Truther-Szene etwa. Sie glauben, so wie Ken Jebsen, dass die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA durch die Regierung selbst verübt wurden.

Und auch Chemtrail-Gegner vertreiben dort ihre Flugblätter. Diese glauben an Verschwörungen des internationalen Finanzkapitals und der Industrie, um die Menschen zu manipulieren. Als Chemtrails bezeichnen sie die Kondensstreifen von Flugzeugen, denen heimlich – im Auftrag von Staaten und US-Konzernen – Chemikalien beigemischt sein sollen, wahlweise um das Wetter zu verändern oder um die Bevölkerung zu reduzieren. Wer zu den Friedensdemos geht, sollte wissen, in welche Gesellschaft er sich begibt.