23.01.2012

Konzertkritik: Ina Müller redet so gern übers Bumsen

Von Maurice Summen
Die deutsche Kabarettistin und Sängerin Ina Müller.
Die deutsche Kabarettistin und Sängerin Ina Müller.
Foto: dpa
Berlin –  

Das norddeutsche Moderatorinnenwunder mit dem burschikosen Sauf- und Reibeisentimbre gab ein ausgelassenes Konzert mit zotigen Ansagen zur Gefühlslage der Nation.

Sagt der Mann zur Frau: Soll’n wir heute Abend mal wieder Sex haben? Sagt die Frau: Geht nicht – hab’ meine Tage! Erwidert der Mann: Na, wie wäre es denn mal wieder so richtig schön von hinten? Nee, geht nicht, hab Hämorrhoiden, antwortet die Frau. Sagt der Mann: Na, jetzt sag’ nicht, dass du auch noch Zahnschmerzen hast ...

Willkommen bei Ina Müller und Band in der Fips-Asmussen-Gedenk-Arena am Ostbahnhof. Das norddeutsche Moderatorinnenwunder mit dem burschikosen Sauf- und Reibeisentimbre gab ein ausgelassenes Konzert mit zotigen Ansagen zur Gefühlslage der Nation. Die zwei Grundfragen des Abends waren: 1. Wie viel Sex kann man als Frau im Alter von irgendwas mit vierzig noch haben und 2. Ab wann gehört man eigentlich zum alten Eisen?! Zu beiden Fragen hat Frau Müller sich so einige platte oder auch plattdeutsche Gedanken gemacht, die sie in ihrem Radiorockpopsound irgendwo zwischen Santana und BAP verwurstet.

In der ausverkauften Missionarsstellungshalle ließ sie das erregte Publikum vor allem in den Moderationsteilen an ihren Schenkelklopfer-Erlebnisberichten teilhaben. So erfuhren wir etwa, dass Ina Müller in Köhlen im Landkreis Cuxhafen geboren wurde, dass sie dort eine sehr unbeschwerte Kindheit mit vielen Geschwistern hatte und meist draußen spielte. Frau Müller bumst sehr gerne, und deshalb redet und singt sie sehr gerne über das Bumsen. Und wenn sie nicht über das Bumsen witzelt, oder gerade einen Song darüber singt, dass man doch einfach mal wieder bumsen sollte, dann weiß Ina Müller auch, warum man in ihrem Alter kaum noch Lust auf Geschlechtsverkehr mit gleichaltrigen Männern hat: Diese Männer haben nämlich Bomben-Bäuche, also einen fetten Wanst an dem noch ein Penis dran hängt, der wie eine kleine Lunte ausschaut, um in der Geschlechterkriegsmethaphorik zu bleiben. Ausgerechnet diese in die Jahre gekommenen Fettwänste stellen ihre Badeurlaubsfotos auf ihr Facebook-Profil und stupsen einen dort an, sich diese abturnenden Bilder anzuschauen.

Und dann wäre da auch noch die von Männern ausgedachte Weight-Watchers-Werbung im Fernsehen, wo einem schlanke Frauen zeigen, wie man noch schlanker wird, ja, und da kriegt man als Frau um die vierzig natürlich Depressionen

Gassi würde sie gerne mal gehen, mit einem eigenen Hund, denn sie weiß, dass es zwischen Hunden und Männern eine große Gemeinsamkeit gibt: Beide fühlen sich am wohlsten in ihrem Schoß! Ja, der eigene Schoß. Ina Müller schafft es sogar aus einer Geschichte über Pin-Codes von Kreditkarten eine „echte Nummer“ zu machen. Dass sich das englische Wort „Code“ anhört wie Kot, ließe sich ja noch verzeihen, aber dass „Pin“ im Plattdeutschen natürlich Penis bedeutet, das ist schon wieder die Hölle, Hölle, Hölle!

Teilweise muss man sich fragen, ob die Moderationstexte von einem abgehalfterten Büttenredner geschrieben wurden, aber egal: Die Gags kommen spitze an. Und wenn der punkrockige Roadie, aus dessen Mund auch der schmutzige Eingangswitz stammt, zum zweiten Mal Frau Müller auf den Attrappenflügel schiebt, weil die singende Pilstulpe es ungelenk nicht mehr ohne Hilfe hinauf schafft und sie quasi die Ulknudel-Variante von Michelle Pfeiffer in „Die fabelhaften Baker Boys gibt, dann bleibt kein Auge trocken, und die Körper sind geöffnet für den nächsten Lohnsteuerjahresausgleichspop-Song.

Den Höhepunkt des Abends bietet ein Lied über eine Pilotin mit Vornamen Nicole. Hier stellt der Star des Abends fest, dass man als Frau ja auch für die Gleichberechtigung ist – logisch! –, aber dass man bei bestimmten Berufen eben doch seine Probleme mit der Vorstellung von Frauen anstelle von Männern hat. Allein wegen bestimmter Frauenkrankheiten, die Frauen nicht selten unberechenbar und aggressiv machen, seien sie zum Beispiel als Pilotinnen gänzlich ungeeignet. Man müsse nur mal daran denken, wie schlecht man als Frau Auto fährt, nur weil man gerade mal schlechte Laune hat. Im Refrain des Songs resümiert sie schließlich „Eine Frau kann alles machen, aber bitte nicht mit mir!“ Dass an der Arenawand im Refrain ständig das Wort „Gleichberechtigung“ aufflackert, kann an diesem Abend nur als bigotter Wunsch gelesen werden.

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