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Nach den Übergriffen in Köln: Hämischer Blick auf die deutsche Willkommenskultur

Karneval-Dekoration am Kölner Hauptbahnhof (12.01.2016)

Karneval-Dekoration am Kölner Hauptbahnhof (12.01.2016)

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Getty Images

Aus der Türkei:

In den türkischen Medien haben die Kölner Ereignisse starken Widerhall gefunden. Die Zeitungen druckten ausführliche Agenturberichte über den Stand der Ermittlungen und die Debatten in Deutschland. Mit Kommentaren halten sich die sonst so meinungsstarken Kolumnisten jedoch zurück. Nur der Leitartikler der regierungsnahen Zeitung Sabah ließ der Wut auf die Täter freien Lauf: „Leider sind diese Verbrecher zu asozial, um die von ihnen verursachte Unruhe überhaupt wahrzunehmen.“ Auch in den sozialen Medien wird das Thema diskutiert. „Man sollte die Täter mit dem ersten Flugzeug in ihre Heimat zurückschicken“, schreibt ein Nutzer auf Facebook. Im Übrigen ist Gewalt gegen Frauen ein Thema, das die türkische Öffentlichkeit immer wieder beschäftigt. Als 2015 eine Studentin in Adana von einem Kleinbusfahrer vergewaltigt und umgebracht wurde, fanden in vielen Städten des Landes Demonstrationen statt. Ausführlich und mit besorgtem Tenor berichteten die türkischen Medien zuletzt über die Übergriffe von Hooligans auf Migranten in Köln und den rassistischen Pegida-Slogan „Rapefugees not welcome“. Viele Zeitungen zitierten den Zentralrat der Muslime in Deutschland, der vor Fremdenhass und Angriffen auf Migranten warnte. (Frank Nordhausen)

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Aus China:

Am Donnerstag vergangener Woche hat Nordkorea eine Atombombe gezündet – die Berichte über die politischen Folgen der Ereignisse in Köln haben an diesem Tag aber mehr Sendeminuten in den Nachrichten des chinesischen Staatssenders erhalten als das aggressive Verhalten des unmittelbaren Nachbarn. Mit einer Bewertung halten sich die Journalisten indes zurück – es ist in China heikel, die Regierungschefin eines befreundeten Landes zu kritisieren. Chinesische Studentinnen, die in Köln leben, berichten unterdessen davon, dass sie sich dort nachts am Bahnhof schon immer unsicher gefühlt haben. Es sei viel gefährlicher als in Peking. In den dunkleren Ecken des chinesischen Internets verbreitet sich derweil Spott über die deutsche Flüchtlingspolitik. Das Thema ist allerdings auf dem Mikroblog Weibo ein absoluter Außenseiter mit nur fünf Themensträngen und weniger als 2 000 Beiträgen. Ein Nutzer mit dem Namen „DasIstGarNichtLustig“ wirft Merkel vor, Europa zu ruinieren. Die deutsche Regierungschefin trägt in diesem Forum den Spitznamen Sheng-Mu-Biao („heilige Hure“), was heißen soll, dass ihre Willkommensbotschaft an die Flüchtlinge nur ein politischer Schachzug war. Eine Karikatur zeigt, wie Merkel vor einem dunkelhäutigen Mann davonläuft. (Finn Mayer-Kuckuk)

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Aus Italien:

Angriffe auf Frauen wie in der Silvesternacht in Köln sind aus keiner italienischen Stadt bekannt. Doch das Thema wird breit und teils sehr polemisch und lautstark diskutiert. Der deutschen Polizei wird Versagen attestiert. Italiens Polizeichef Alessandro Pansa erklärte, ihm bereiteten die Kölner Vorfälle höchstens wegen möglicher Nachahmer Sorgen. Da sich in Italien aber keine so extreme Fremdenfeindlichkeit entwickele wie in anderen europäischen Ländern, gebe es auch weniger Spannungen. In den Fernseh-Talkshows sind jedoch Vertreter ausländerfeindlicher und rechtspopulistischer Parteien seit Tagen omnipräsent. Sie behaupten, auch in Italien würden Frauen durch Flüchtlinge belästigt, und hetzen gegen den Islam und fremde Kulturen. In der Berichterstattung überwiegt inzwischen die Darstellung, die sexuellen Aggressionen von Köln seien organisiert gewesen. Eine Rassismus-Debatte wie in Deutschland wird kaum geführt. Selbst die linksliberale Tageszeitung La Repubblica erschien mit der Schlagzeile: „Geplanter Angriff: Belästigt die weiße Frau“. Die römische Zeitung Messaggero rief unter dem Hashtag #tutteacolonia (alle nach Köln) Frauen dazu auf, sich mit den Opfern zu solidarisieren. (Regina Kerner)

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Aus Spanien:

Als die Nachrichten über die Silvesternacht in Köln publik wurden, erinnerte ich mich an meine beiden Besuche in der Stadt“, schreibt der Kolumnist der Regionalzeitung El Periódico de Extremadura, José Manuel Martín Herrero. „Und ein Teil von mir – als Reisender und vor allem als Bürger Europas – fühlte sich ebenfalls erniedrigt.“ Spanien schaut auf die Ereignisse von Köln mit Sympathie für die Opfer und mit Sorge um das Zusammenleben in Deutschland. Niemand versucht aus den Angriffen politisch Kapital zu schlagen. Spanien ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt: mit der komplizierten Regierungsbildung nach den Wahlen am 20. Dezember, mit der separatistischen Herausforderung in Katalonien, mit dem Korruptionsprozess gegen die Königsschwester Cristina. Was in Deutschland geschieht, wird mit Bedacht analysiert, ohne in der täglichen Berichterstattung allzu großen Raum einzunehmen. In einer Kolumne für El País schrieb der Autor Julio Llamazares: „Im Laufe des Tages bestätigen die Nachrichten, die aus Deutschland kommen, dass unter den Sexualaggressoren in der Silvesternacht in Köln tatsächlich gerade im Land angekommene Flüchtlinge sind, und die Enttäuschung überkommt mich wie viele andere, nehme ich an.“ (Martin Dahms)

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Aus Pakistan:

Die englischsprachige Zeitung The News International veröffentlichte auf der Titelseite eine einspaltige Nachricht über die Attacken auf mehrere Pakistaner am Wochenende in Köln. Das in Karachi erscheinende Blatt würdigte den Überfall damit stärker als die Zeitungen in der Landessprache Urdu oder im Fernsehen. Am Dienstagmorgen wussten viele Pakistaner nicht einmal, dass es zuvor sexuelle Übergriffe in der Kölner Altstadt gegeben hatte. Von Aufregung oder Empörung fehlte jedenfalls jede Spur. „Wir Pakistaner leben in einem gefährlichen Land und sind gewohnt, dass uns niemand traut oder wir angepöbelt werden“, erklärte Chefredakteur Kamal Siddiqui vom Express Tribune, warum er die Attacken rechtsgerichteter Täter nur unter ferner liefen veröffentlichte. Aber wenigstens erreichte Köln mit diesem Ereignis einen höheren Grad an Aufmerksamkeit, als durch die Vorfälle in der Silvesternacht. Die Sex-Attacken, Überfälle und Pöbeleien gegenüber Frauen wurden in Pakistan so gut wie gar nicht wahrgenommen. „Wir haben sehr viel häufiger sehr viel schlimmere Probleme“, sagt Siddiqui. „Vergewaltigungen durch Banden und aggressives Verhalten gegenüber Frauen kommen hier so oft vor, dass dergleichen aus dem Ausland kaum wahrgenommen wird.“ (Willi Germund)

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie in den USA und Russland die Meinungen über die deutsche Willkommenskultur sind.

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Aus den USA:

Viele Konservative in den USA sehen sich nach den Ereignissen von Köln in ihren Ängsten bestätigt. Von Donald Trump, dem polternden Möchtegern-Präsidenten, bis hin zu feingeistigeren Kolumnisten warnen sie mit drastischen Worten vor muslimischer Einwanderung in die USA, damit sich Verhältnisse wie in Deutschland nicht auch zwischen New York und Los Angeles einstellen. „Unvorstellbares“ geschehe in Deutschland, erklärte Trump in seiner typischen Mischung aus Fakten und Fantasie. „Verbrechen, Vergewaltigungen und das ganze Blutbad“, sagt er. Der evangelikale Prediger Franklin Graham sprach von einem „Albtraum“. Das komme davon, wenn man Einwanderer nicht genügend überprüfe, bevor man sie ins Land lasse. Der konservative Kolumnist Ross Douthat forderte in einem Beitrag für die New York Times gar den Rücktritt Angela Merkels. „Deutschland auf der Kippe“ lautete die Überschrift des Textes. Die Reaktionen auf die Ereignisse von Köln könnten zumindest bei einem Teil der Öffentlichkeit in den USA auf Zustimmung stoßen. So bemerkte Peggy Noonan, Kolumnistin des konservativen Wall Street Journal, Trumps Forderung nach einem Einreisestopp für Muslime in die USA höre sich inzwischen „verdächtig nach gesundem Menschenverstand“ an. (Damir Fras)

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Aus Russland:

In Russland sind die Kölner Ereignisse aufmerksam, aber ohne Verwunderung aufgenommen worden. Sie passen ins Stereotyp von einem Europa, das zu viel Toleranz gegenüber Schwulen und Migranten zeige. Gerade erst hat Vize-Premier Dmitri Rogosin in Belgrad seine Gastgeber vor der Integration in die EU gewarnt, weil den Serben sonst „ein Köln Nummer Zwei“ drohe. Offenbar weckt Köln auch in Russland eigene Ängste. Das Land hat zwar keine Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, dafür gibt es dank der Visafreiheit im GUS-Raum viele Arbeitsmigranten aus Zentralasien. Der Tonfall der Kommentare ist schrill, politische Korrektheit unbekannt. Im liberalen Radiosender Echo Moskaus nannte die Kolumnistin Julia Latynina die Übergriffe einen „massenhaften nicht-tödlichen Terror-Anschlag, organisiert mit demselben Ziel, das alle Terror-Anschläge verfolgen: Erschrecken und Unterwerfen“. Falls Deutsche darunter seien, solle man ihnen einfach die Staatsbürgerschaft entziehen. Am schrillsten aber schreibt der Schriftsteller Eduard Limonow. „Bereitet Euch auf Pogrome vor, dumme Deutsche!“, ruft er im Blog Swobodnaja Pressa. Er bläst zum blutigen Endkampf gegen die „jungen, starken, unternehmungslustigen, aggressiven Deserteure“, die sich wie Wölfe auf deutsche Fräulein stürzten. (Christian Esch)

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Aus Polen:

Die nationalkonservative Regierung versucht die Ereignisse in Köln politisch zu nutzen. Die Regierungspartei PiS sieht in den Vorfällen eine Bestätigung ihrer häufig vorgetragenen Vorbehalte. „Diese Attacken von Arabern auf Frauen in Deutschland, das ist unzulässig, das wird in Polen nicht passieren“, sagte Innenminister Mariusz Blaszczak. In einem Brief an den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte sein polnischer Kollege Witold Waszczykowski Aufklärung darüber, ob auch Polinnen unter den Opfern von Köln sind. Auch die Rolle der deutschen Medien kritisieren die Nationalkonservativen in Warschau – nicht ohne Hinweis auf die Vorgänge in Polen, wo die Regierung wegen eines umstrittenen Mediengesetzes am Pranger steht. Die öffentlichen-rechtlichen Medien, schreibt Justizminister Zbigniew Ziobro an die EU-Kommission, würden in Polen künftig demokratischer sein als die deutschen, denn diese unterlägen offenbar einer Zensur. Auch polnische Medien beschäftigen sich intensiv mit dem Thema. Von Reisewarnungen oder einem speziellen Köln-Bezug kann nicht die Rede sein. Doch auch liberale Blätter und TV-Sender sprechen von einem „möglichen Wendepunkt“ in der deutschen Asylpolitik oder gar von einer „wankenden Kanzlerin“. (Jan Opielka)

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Aus Frankreich:

Die kürzeste Reaktion in Frankreich lautete „Überrascht????“. Drei Fragezeichen weniger braucht ein anderer Franzose: „Was glaubte denn die deutsche Kanzlerin? Dass diese Männer mit Blumensträußen ankämen und die deutschen ’Fräuleins’ auf ihren Knien bitten würden, sie zu heiraten?“ Auch in anderen Leserreaktionen fällt zuerst der Sarkasmus auf. Die deutsche Regierung und allen voran Angela Merkel seien naiv gewesen, lautet eine vielfach geäußerte Einschätzung. Deutschland habe aus demografischen Gründen sicher zu Recht beschlossen, die Immigration anzukurbeln, räumen viele Franzosen ein. Die Folgen seien aber zu wenig bedacht worden. Pariser Stimmen wundern sich auch über das „ohrenbetäubende Schweigen“ der deutschen Medien nach der Kölner Silvesternacht: Das sei „noch verstörender“ als die Aggressionen selbst, meinte der Geschichtsprofessor Guylaine Chevrier. Frankreich sei ein Schritt weiter, habe es doch die Illusionen über die Integration schon bei den schweren Vorstadtkrawallen von 2005 verloren, meint Chevrier. Die politischen Parteien fallen aber ihrerseits durch ihr Schweigen zu den Vorfällen von Köln auf. Präsident François Hollande und seine Minister hüten sich genauso wie die Vertreter der konservativen Opposition, sich dazu zu äußern. (Stefan Brändle)

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Aus Israel:

Die oft zitierte deutsche „Willkommenskultur“ war nicht wenigen Israelis von Beginn an suspekt. Blauäugig sei das, die Flüchtlinge mit offenen Armen und Teddybären zu empfangen. Weil die Deutschen sich mit den fremden Kulturen Probleme ins Haus holten, die nicht mal beim Namen genannt werden dürften. In solche Ansichten einiger israelischer Kommentatoren fügen sich die Ereignisse von Köln nun wie ein Puzzlestück ein. Jetzt müsse Europa endlich „den Schleier der politischen Korrektheit ablegen“, schrieb Ben-Dror Yemini. Die gebe in „ihrer extremen Form den größten Förderer der Rechtsradikalen ab“. Bei aller moralischen Bewunderung für Angela Merkel, nun begegne Deutschland dem wahren Nahen Osten, befand ebenso die Jerusalem Post – nicht ohne Häme. Diesem Nahen Osten, dessen Despoten sich Millionen einverleibten und die Europäer mit ihrem Öl und der „Hirnwäsche, dass an der Misere in der Region die Juden schuld“ seien, in die Irre führten. Die Debatte um nichtjüdische Flüchtlinge wurde in Israel schon immer ideologisch aufgeladen geführt. Der Mainstream hält es mit der Regierung Netanjahu, die auf Abschreckung setzt, nicht auf Integration. Sie versucht, mit Internierungslagern und Ausreiseanreizen die rund 50.000 afrikanischen Flüchtlinge im Lande loszuwerden. (Inge Günther)

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