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Nach Hause: Die Charité gibt geraubte Köpfe an Namibia zurück

Nach Hause: Die Charité gibt geraubte Köpfe an Namibia zurück

Nach Hause: Die Charité gibt geraubte Köpfe an Namibia zurück

Es ist nicht viel, das man heute weiß über den Mann: 30 bis 40 Jahre alt war er zum Zeitpunkt seines Todes, die Schneidezähne waren angeschliffen - ein Hinweis darauf, dass er zum Stamm der Herero gehörte, einem afrikanischen Hirtenvolk aus dem heutigen Namibia. Der unbekannte Tote, dessen Identität ebenso unklar ist wie die Todesursache, lebte vor mehr als 100 Jahren in seiner afrikanischen Heimat, 8.000 Kilometer von Deutschland entfernt. Dennoch ist er untrennbar mit Berlin verbunden: Seit 1905 lagert sein Schädel an der Charité. Jetzt wird der Totenkopf in seine Heimat Namibia zurückgebracht - und mit ihm 19 weitere Schädel.

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts

Die Rückgabe der Totenschädel berührt ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte - den Völkermord an den Herero, die auf dem Gebiet der deutschen Kolonie Südwestafrika lebten. Das Gebiet, das von 1884 bis 1915 zum Deutschen Reich gehörte, war Heimat mehrerer Volksstämme, darunter der Herero und Nama, die von den Deutschen abfällig als "Hottentotten" bezeichnet wurden.

Als sich die Herero mit einem Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren zur Wehr setzten, reagierten die deutschen Streitkräfte umbarmherzig: Bis 1908 fielen ihnen etwa 85.000 Herero und damit 80 Prozent des gesamten Volkes zum Opfer; Historiker sprechen vom ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Doch damit nicht genug: Um zu untersuchen, wie sich die Volksstämme von den Deutschen unterschieden, wurden zwischen 1904 und 1908 die Schädel Verstorbener oder Getöteter an deutsche Universitäten oder Museen gebracht. Dort lagern sie bis heute, Schätzungen zufolge sind es bis zu 3.000. 20 von ihnen werden am Freitag offiziell einer namibischen Delegation übergeben. "Die Forschung hat Schuld auf sich genommen", sagt Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums der Charité. Die Charité wolle deshalb um Entschuldigung bitten beim Volk von Namibia. Die Schädel seien in einem "hochfraglichen ethisch-moralischen Kontext" nach Berlin gelangt.

Feierliche Übergabe am kommenden Freitag

Wissenschaftler der Charité haben die 20 Schädel in den vergangenen Wochen untersucht und sichergestellt, dass es sich bei ihnen tatsächlich um Herero- und Nama-Schädel handelt. "Alle stammen aus dem damaligen Südwestafrika", sagt Andreas Winkelmann, Lehrkoordinator für Anatomie an der Charité. Es handele sich sowohl um Männer als auch um Frauen, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt, sowie einen etwa dreijährigen Jungen.

Neun seien Angehörige der Herero gewesen, elf Nama. Zwei Doktoranden hätten die Schädel Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht, im Mittelpunkt hätten die mimische Muskulatur und so genannte Rassenunterschiede gestanden. Nach Abschluss der Forschungen lagerten die Schädel in Vitrinen im Flur der Anatomie der Charité. Inzwischen wurden sie umgebettet.

Am Freitag werden die Totenköpfe in einer feierlichen Zeremonie an die namibische Delegation übergeben, zuvor findet am Donnerstag in der St. Matthäuskirche am Kulturforum von 12 bis 14 Uhr ein Gottesdienst statt. In Namibia sollen die Schädel in einem Museum ausgestellt werden.



Berliner Zeitung, 29.09.2011