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Naher Osten: Warum Katar im Gaza-Streifen Milliarden investiert

Hamad-City und seine Geldgeber: Die größte Baustelle Gazas ist mit Postern der Herrscherdynastie al-Thani geschmückt.

Hamad-City und seine Geldgeber: Die größte Baustelle Gazas ist mit Postern der Herrscherdynastie al-Thani geschmückt.

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REUTERS/Ibraheem Abu Mustafa

Auf die langsamen Eselskarren muss man immer noch höllisch aufpassen. Ansonsten ähnelt die Salah-ed-Din-Straße, die auf 45 Kilometern der Länge nach durch den Gazastreifen verläuft, mehr und mehr einer schicken Piste. Der Golfstaat Katar hat die löchrige Strecke auf einigen Abschnitten mehrspurig ausgebaut. Die Palästinenser lieben es, über den glatten Asphalt zu rauschen, ohne die Stoßdämpfer ihrer Autos zu ruinieren. „Eine Wohltat, dem Emir sei Dank“, sagt der Taxifahrer Munir und drückt aufs Gas.

Zehn Minuten später ist die Straße holprig, wie gehabt. Gaza, das ist noch immer vor allem ein Mangelzustand: Stromausfälle und ungenießbares Trinkwasser gehören zum Alltag. Das Abtragen von einer Million Tonnen Kriegsschutt, organisiert vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), kommt nur mühsam voran, weil es an Gerätschaften fehlt. Man muss die Ecken, an denen Neues entsteht, suchen. Aber es gibt sie und es werden mehr.

Erstmals seit dem Krieg vom Sommer 2014 scheint es tatsächlich voranzugehen. Wie das funktioniert, macht das Emirat vom Persischen Golf vor. Andere ziehen nach: Denn wer investiert, macht sich einen Namen. Nach dem Katar-Modell ist beispielsweise auch die Telekommunikationsgesellschaft Paltel auf die werbeträchtige Idee gekommen, in gemeinnützige Vorzeigeprojekte zu investieren. Als die Palästinenserorganisation Hamas, der eigentliche Machthaber in Gaza, von der Firma eine Millionensumme an Steuernachzahlung verlangte, erklärten die Paltel-Manager, wenn überhaupt, gäben sie das Geld in den Straßenbau; die Hamas jedenfalls bekomme es nicht in die Hände. Jetzt führt ein Straßenstück samt Bürgersteig und Zebrastreifen wie aus dem Bilderbuch an den Strandhotels vorbei.

Goldgerahmte Herrscherfotos

Aber das ist nichts gegen das Engagement Katars. Das Emirat hat an einer der feinsten Adressen in Gaza eine Niederlassung aufgeschlagen: Im Hotel Meschtal, der einzigen Fünf-Sterne-Herberge an dem palästinensischen Küstenstreifen, nimmt sein Komitee für Wiederaufbau einen ganzen Hoteltrakt in Beschlag. Dort werden die Großprojekte koordiniert, die unter der bordeaux-weißen Flagge der Katarer derzeit in Gaza entstehen oder geplant sind. Eine Milliarde US-Dollar hatte der Golfstaat bei der Kairoer Geberkonferenz nach dem Fünfzig-Tage-Krieg im Sommer 2014 für Wiederaufbau zugesagt – eine Rekordsumme, für deren effiziente Verteilung er selber sorgt.

Woher das Geld kommt, kann man im technischen Büro, das Katar im Meschtal-Hotel unterhält, nicht übersehen: Schon an der Wand hinter dem Empfangstisch blicken der alte Emir, Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani, und sein regierender Sohn, Tamim Bin Hamad al-Thani, aus goldgerahmten Fotos dem Besucher entgegen. Die Ingenieure, die hier arbeiten, sind allerdings palästinensisch. Der Botschafter aus Katar und sein Team fliegen alle paar Monate für eine Woche zur Kontrolle ein. Probleme klären sie im direkten Kontakt mit den Israelis, der Hamas, der Palästinenser-Führung in Ramallah und UN-Stellen in Gaza. „Wir pflegen gute Beziehungen mit allen“, sagt Chefingenieur Ahmed Abu Rass, der damit ganz auf der politischen Linie von Doha liegt. Delegiert wird nichts. „Unsere Vorhaben managen wir allein.“

Hilfsarbeiter für 15 Euro am Tag

Der Golfstaat ist ein Weltmeister in Sachen Diplomatie: Der Emir kommt mit Ägyptern und Amerikanern, Islamisten und Israelis aus. Auf diesem Weg lassen sich jedenfalls die Hürden, die bislang einem Wiederaufbau im Wege standen, erfolgreich passieren. Das Katar-Büro garantiert, dass die von ihm bestellten Baumaterialien ausschließlich in seine Projekte gelangen. Und Israel spielt schon aus Interesse am guten Kontakt zu Doha meistens mit. „Der Anfang war schwierig“, erzählt Chefingenieur Abu Rass, „aber inzwischen gibt es ein gewisses Vertrauensverhältnis.“

Abu Rass zeigt einen Hochglanzprospekt, der die Fortschritte seines Wiederaufbaukomitees illustriert. Das teilzerstörte Fußballstadion von Gaza-Stadt ist weitgehend instand gesetzt. Ein neues Behandlungszentrum samt Reha, spezialisiert für Kriegsverletzte mit Gliederamputationen, ist fertig; es wurde gerade von Katars Botschafter eingeweiht. Auch die erste Phase eines ambitionierten Wohnprojekts steht vor dem Abschluss.

Also auf nach Hamad-City – zur größten Baustelle, die es jemals im Gazastreifen gab. Das Projekt befindet sich südlich der Stadt Chan Junis, und es ist wie fast alle Katar-Projekte nach der Emir-Dynastie benannt. Ein ganz neuer Stadtbezirk mit 2500 Sozialwohnungen samt Schulen und Krankenhaus wird hier aus dem Sand gestampft. Fast tausend Bauarbeiter gießen Beton aus, ziehen Eisenstreben hoch, laden Schubkarren auf. Solche Geschäftigkeit hat man in Gaza lange nicht mehr erlebt. Die meisten Arbeiter verdienen wenig: Für Hilfsdienste gibt es etwa 15 Euro pro Tag, für Facharbeit das Doppelte. Aber jeder Job ist in Gaza mit seiner musiven Arbeitslosenquote von über 40 Prozent willkommen.

Begehrt sind auch die für Großfamilien entworfenen Apartments, die zwischen 30.000 und 40.000 Dollar kosten und über eine Monatsmiete abgestottert werden sollen. Wer einziehen darf, entscheidet das palästinensische Wohnungsbauministerium, wegen des enormen Andrangs zum Teil per Lotterie: 70.000 Menschen stellten einen Antrag. Die ersten fünfzig Wohnblocks, deren Bau bereits 2012 begonnen wurde, stehen inzwischen. Die Schlüsselübergabe könnte Ende Februar erfolgen, berichtet der Bauleiter, Abed Rabbo Salim; Voraussetzung sei, dass er Türen auftreiben könne. Woher er die beziehen soll, weiß er nicht; man wird wieder einmal improvisieren müssen. Denn seit kurzem hat Israel auch Holz auf die Rote Liste gesetzt: Diese sogenannte „Dual Use“-Liste führt Baumaterialien auf, die von der Hamas für kriegerische Zwecke wie unterirdische Angriffsschächte und Bunker beiseitegeschafft werden könnten.

„Wir wissen, dass die Hamas Holzplanken für ihre Tunnel braucht“, sagt Hadas Horn. Sie ist Sprecherin von Cogat, der Abteilung für zivile Angelegenheiten in der israelischen Armee. Israel sei für den Wiederaufbau in Gaza bereit, gewisse Risiken in Kauf zu nehmen: „Aber keiner kann erwarten, dass wir der Hamas auch noch bei ihrem Tunnelbau helfen“, sagt sie.

Betroffen sind viele Materialien, von Asphalt bis Zement. Israel ist der alleinige Lieferant, seit Ägypten nach dem Militärputsch gegen den Muslimbruder Mohammed Mursi 2012 den Übergang vom Sinai in den Gazastreifen dichtgemacht hat. Damit ja kein Sack Zement Militanten in die Hände fällt, liegt die Kontrolle bei der UN. Aber das Verfahren ist nur bedingt praxistauglich. Weil Israel darauf besteht, jede noch so kleinste Menge bis zum Endverbrauch zu verfolgen, bleibt vieles, was dringend gebraucht wird, im Lager liegen. „Die Baustoffe sind da und zugleich nicht da“, klagt Nahed Assuna, einer der Architekten von Hamad-City.

Die wahren Freunde

Wer in Gaza etwas bewirken will, kommt an Israel nicht vorbei. Das hat auch die palästinenserfreundliche Türkei gemerkt, die sich in Gaza vor allem im Gesundheitswesen engagiert. Inzwischen versucht die Türkei, das Konzept Katars zu kopieren. Ankara und Jerusalem sind dabei, ein sechs Jahre währendes Zerwürfnis zu beenden, das auf einen blutigen Zusammenstoß auf hoher See zurückgeht: Im Mai 2010 waren acht Türken und ein türkischstämmiger US-Bürger getötet worden, als eine Eliteeinheit der israelischen Marine das Flaggschiff der „Free-Gaza-Flotille“ enterte. Die „Mavi Marmara“ war damals auf Kurs, um die Blockade vor der Gaza-Küste zu durchbrechen. Demnächst will die Türkei ganz offiziell Schiffsfrachten mit Baustoffen für Gaza im israelischen Hafen von Aschdod ausladen.

Die großzügige Hilfe aus Katar und auch aus der Türkei ist natürlich nicht selbstlos. Das Geld erzeuge „indirekten Druck auf die Hamas“, glaubt Usama Antar, ein politischer Analyst aus Gaza. Den Palästinensern werde damit von den Kataris und Türken auf die sanfte Art nahegelegt: „Wir sind eure wahren Freunde“. Und nicht etwa die Iraner. Die Zeiten, in denen Teheran die Hamas monatlich mit vierzig bis fünfzig Millionen Dollar finanzierte, sind vorbei. Seit zwei Jahren ist diese Geldquelle nahezu versiegt. Überdies floss der größere Teil in die Kassen der bewaffneten Kassem-Brigaden. Die neuen Zahlmeister suchen eine andere Art politischen Einfluss: hin zu mehr Pragmatismus.

Viele Palästinenser finden das gut. Alles ist besser als ein neuer Krieg, wie ihn Gaza bereits dreimal binnen fünf Jahren erlebt hat. Aber fürchtet man im Katar-Büro nicht eine erneute militärische Konfrontation zwischen Israel und der Hamas, die all die Investitionen zunichtemachen könnte? „Wir hoffen, dass die Israelis Hamad-City schon deshalb niemals bombardieren werden, weil sie uns das Material geliefert haben“, sagt Bauleiter Salim optimistisch. Israel wiederum setzt darauf, dass die Lage im Gazastreifen am ehesten dann halbwegs stabil bleibt, wenn die Palästinenser spürten, dass etwas vorangeht. Und die Hamas? Sie ist ein schwer zu kalkulierender Faktor, zerrissen zwischen militanten Hardlinern und gemäßigten Islamisten. Der Politikexperte Antar denkt, dass die Gesamtlage im Nahen Osten, das Ringen der schiitischen und sunnitischen Großmächte um die Vormacht, die Hamas bald zwingen werde, „Farbe zu bekennen“.

Noch fährt sie zweispurig – so wie die Eselskarren auf dem neuen Highway durch Gaza. Bislang hält die Hamas extremistische Splittergruppen in Schach. Aber gemunkelt wird in Gaza auch, dass der bewaffnete Hamas-Flügel ebenfalls mit Wiederaufbau beschäftigt sei – unter Tage, versteht sich.

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