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Nahost-Experte Michael Lüders zu Istanbul: „Touristen sind ein lohnendes Ziel“

Michael Lüders

Michael Lüders

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Privat

Der Nahost-Experte Michael Lüders hegt seine Zweifel an der Darstellung der türkischen Regierung, dass das Attentat in Istanbul vom Islamischen Staat (IS) verübt worden sei. Es hält es für plausibler, von einem kurdischen Hintergrund auszugehen. Lüders, Jahrgang 1959, ist Politik- und Islamwissenschaftler, Politikberater und Publizist; zuletzt ist von ihm das Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ erschienen.

Herr Lüders, die Erschütterung über den Selbstmordanschlag ist überall groß. Warum Istanbul? Warum jetzt?

Das sind berechtigte Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Wir kennen die Hintergründe des Attentats noch nicht. Es gibt die Verlautbarung der türkischen Sicherheitsbehörden, dass es sich um einen Anschlag des Islamischen Staats handelt. Das ist möglich, aber es ist nicht die einzig denkbare Tätergruppe.

Was lässt Sie an den Angaben aus der Türkei zweifeln?

Es ist bekannt, dass der IS Arbeitsbeziehungen zu türkischen Geheimdiensten unterhält. Dass er Rekrutierungsbüros in Istanbul und anderen türkischen Städten hat. Und dass IS-Kämpfer, die über die Türkei nach Syrien reisen, von den Behörden in aller Regel nicht aufgehalten werden – nicht zuletzt, weil diese Kämpfer für die Türkei als Rammbock gegen die Kurden im Norden Syriens dienen. Warum also sollte die Führung des Islamischen Staats ausgerechnet die türkische Regierung ins Visier nehmen? Dem IS ist jeder Anschlag zuzutrauen. Dennoch rate ich bis zu einer sicheren Klärung der Fakten zur Vorsicht.

Was ist aus Ihrer Sicht die andere mögliche Lesart der Geschehnisse?

Es gibt auch die Option, dass die Türkei vom ungelösten Kurdenkonflikt heimgesucht wird. Seit mehreren Wochen findet ein blutiger Feldzug der türkischen Armee im Südosten des Landes statt. Es ist denkbar, dass dieser Anschlag eine Racheaktion war. Das müssen keineswegs Kämpfer der kurdischen PKK gewesen sein, sondern können auch einzelne Kurden gewesen sein. Auch das ist nur eine Vermutung, aber mit einer gewissen Plausibilität.

Das saudi-arabische Innenministerium erklärt, der Attentäter sei im Königreich geboren, er habe im Alter von acht Jahren mit seiner Familie das Land verlassen, und er habe die syrische Staatbürgerschaft gehabt.

So lautet die offizielle Information. Gleichzeitig haben die türkischen Sicherheitsbehörden drei Russen in Antalya festgenommen. Es ist vorstellbar, dass es sich um Tschetschenen oder andere Südkaukasier handelt, die mit dem IS verbunden sind. Es kann aber auch sein, dass die türkische Regierung eine Achse Russlands mit dem IS herzustellen versucht, weil Russland der große Rivale der Türkei im Wettkampf um Einfluss in Syrien ist.

Was lässt sich anhand des genauen Anschlagsorts, des Viertels Sultanahmet mit der berühmten Hagia Sophia und der Blauen Moschee, über das Motiv des Täters sagen?

Vollkommen klar ist, dass dieser Anschlag das Ziel hat, die Tourismus-Industrie zu treffen. Und es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass Deutsche ins Visier genommen worden sind. Denn die Deutschen sind vor den Russen die größte Besuchergruppe alljährlich in der Türkei. Die Russen kommen nicht mehr aufgrund des Abschusses eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei. Und wenn nun auch die Deutschen ihre Reisen in die Türkei stornieren, dann bedeutet das eine gravierende Herausforderung für die türkische Wirtschaft.

Sind Touristen aus der Sicht islamistischer Attentäter, so zynisch es klingt, ein ideales Ziel?

Touristen sind aus der Sicht jedweder Attentäter – ob nun Islamisten oder nicht – ein lohnendes Ziel. Das gilt insbesondere für Länder, in denen die Wirtschaft und damit auch die Regierung sehr stark abhängig sind von Einnahmen aus dem Tourismus. Das gilt für die Anschläge, die es in Tunesien gegeben hat, das gilt für die russische Passagiermaschine, die über dem Sinai zum Absturz gebracht worden ist. Und das gilt natürlich auch für den Anschlag in der Türkei. Der Zusammenbruch mehrerer Staaten in der arabisch-islamischen Welt und ungelöste Probleme wie der Kurdenkonflikt in der Türkei machen die gesamte Region zu einem immer unsicherer werdenden Reisegebiet.

Sind weitere Anschläge gegen Touristen zu befürchten?

Ja, das ist leider so. Noch ein, zwei Anschläge dieser Art, etwa in Antalya, und der Tourismus in der Türkei ist für die nächsten ein, zwei Jahre erledigt. Das wissen auch die Terroristen.

Das Gespräch führte Tobias Peter.