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Nazis auf der Flucht: Die verbannte Nazi-Jägerin

Foto aus dem Vernichtungslager Sobibor, in dem der 2011 verurteilte ukrainische Wachmann John Demjanjuk Dienst tat. Schätzungen gehen davon aus, dass dort bis zu 250.000 Juden ermordet wurden.

Foto aus dem Vernichtungslager Sobibor, in dem der 2011 verurteilte ukrainische Wachmann John Demjanjuk Dienst tat. Schätzungen gehen davon aus, dass dort bis zu 250.000 Juden ermordet wurden.

Foto:

archiv berliner zeitung

Über die Aufarbeitung rechtsextremer Verbrechen wird zurzeit viel gesprochen: nicht nur über Neonazis und den Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“. Aufsehen erregen auch die Ermittlungen gegen Täter aus der NS-Zeit. Eine angeblich neue Namensliste enthält die Namen von fünfzig Wärtern des Konzentrationslagers Auschwitz, die noch am Leben sind. Erst kürzlich wurde ein 93-Jähriger in Untersuchungshaft genommen, der Koch in Auschwitz war. Deutschland, so scheint es, ist auf einem guten Weg bei der Aufarbeitung seiner Nazivergangenheit, wie vor Kurzem auch das Simon-Wiesenthal-Center bestätigte.

Doch der Eindruck trügt. Wie Recherchen der Berliner Zeitung ergeben haben, hat Deutschland eine erfolgreiche Nazi-Jägerin kaltgestellt – trotz internationaler Proteste. US-Opfervertreter wandten sich sogar an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man sei tief besorgt, dass dies die Ermittlungen gegen Nazi-Kriegsverbrecher gefährde, schrieb der Dachverband von Überlebenden des Holocausts an Merkel. „Dies wäre eine Katastrophe für das Streben nach Gerechtigkeit und würde Deutschland in die Jahrzehnte zurückführen, in der relativ wenig getan wurde, um die Täter für ihre Verbrechen verantwortlich zu machen.“

Die 48-jährige Richterin Kirsten Goetze aus Sachsen-Anhalt arbeitete seit 2007 bei der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen“ (ZSt) in Ludwigsburg. Sie ermittelte dort unter anderem gegen John Demjanjuk und organisierte dessen Überführung aus den USA nach Deutschland. Auch anhand ihrer Ermittlungsergebnisse wurde er 2011 der Beihilfe zum Mord in mehr als 28 000 Fällen im Vernichtungslager Sobibor für schuldig befunden.

Dieses war neben Treblinka und Belzec im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ errichtet worden, deren Tarnname für die Vernichtung von mehr als zwei Millionen Juden im besetzten Polen und der Ukraine stand. Die Lager hatten den ausschließlichen Zweck, Juden zu töten. Wer hier arbeitete, wusste, was er tat. Er war Teil der fabrikmäßigen Tötungsmaschinerie. Gleiches gelte für den Bereich der Rampe des Lagers Auschwitz-Birkenau, sagt Kirsten Goetze. „Der Rampenbereich war hermetisch abgeriegelt. Jeder aus der Wachkompanie wusste, was er zu tun hatte. Der auf dem Wachturm wusste, was der an der Rampe tat. Der an der Rampe wusste, was der an der Gaskammer tat.“

Akribische Rechercheurin

Weil das so war, stellte die Juristin die seit Jahrzehnten geltende Rechtsprechung – nach der jedem Nazimörder individuell nachgewiesen werden musste, dass er tötete – vom Kopf auf die Füße. Was in jüngster Zeit in verschiedenen Medien als neue Rechtsauffassung bezeichnet wurde, war laut Goetze schon immer geltendes Recht. Schuldig ist auch der, der Teil der Tötungsmaschinerie ist. „Deutsche Richter hätten schon vor Jahrzehnten all jene verurteilen können, die Kopf der Tötungsmaschine waren“, sagt sie. „Dann wäre es heute besser vermittelbar, dass man die heute noch lebenden Gehilfen verfolgt.“

Erstmals war das – dank Goetze – bei Demjanjuk gelungen. Und so wird es wohl auch bei Johann Breyer sein, über den die Richterin ein dickes Dossier erstellte und dessen Verfahren seit August 2012 bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Weiden/Oberpfalz liegt. Die Berliner Zeitung berichtete am 25. September 2012 und am 9. April 2013 über den Fall. Breyer, der in den USA lebt, war in Auschwitz II Angehöriger der SS-Wachmannschaften, die an der Rampe Dienst taten. Er war laut Ermittlungen einer derer, die am fabrikmäßigen Töten teilnahmen und ist mitverantwortlich für die Ermordung von mindestens 344 000 ungarischen Juden.

Akribisch hat Goetze die Abläufe in dem hermetisch abgeschlossenen Bereich der Rampe dokumentiert, wo Breyer offenbar immer wieder eingesetzt war. „Diese Recherchen gehören zu ihren großen Verdiensten“, sagt Thomas Walther. Der frühere Richter war ebenfalls an der ZSt und hatte gemeinsam mit Kirsten Goetze gegen Demjanjuk ermittelt. Er organisiert derzeit die Nebenklage gegen Breyer.

Kirsten Goetze ermittelte auch gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher wie Osyp Firishchak. Der Ukrainer soll als Hilfspolizist an Mordaktionen gegen die jüdische Bevölkerung teilgenommen haben. Die Richterin, die sich schnell internationale Anerkennung erarbeitete, schloss im Jahr 2010 unter anderem ein Verfahren gegen Samuel Kunz ab, der bei den sogenannten Fremdvölkischen Hilfswilligen das Vernichtungslager Belzec bewachte, wo 430 000 Menschen ermordet wurden. Ermittelt wird auf ihre Initiative auch gegen Alexeji Nagorny, der in Treblinka bei der Erschießung von mindestens 700 Menschen mitgewirkt haben soll.

Die Liste der laufenden Fälle, die zum Teil noch nicht öffentlich geworden sind, ließe sich fortsetzen. Aber Kirsten Goetze darf nicht weitermachen. Das zuständige Justizministerium Baden-Württemberg will die Ermittlerin weit weg schicken. Sie soll als stellvertretende Leiterin eines Gefängnisses in Schwäbisch-Hall arbeiten. Das liegt weitab von ihrem Wohnort. Die Mutter zweier Kinder hätte einen Arbeitsweg von dreieinhalb Stunden pro Fahrt.

Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg ist eine gemeinschaftliche Organisation der Bundesländer zur Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Ihr Personal rekrutiert sie aus Richtern und Staatsanwälten, die von den Ländern abgeordnet werden. Kirsten Goetze arbeitete bis 2007 als Richterin in Stendal. Ihre Abordnung nach Ludwigsburg endete im Mai 2011, und Sachsen-Anhalt wollte sie zurück. Strafverfolger und Opfervertreter waren entsetzt.

Eli Rosenbaum, der im US-Justizministerium NS-Recherchen betreibt, bat die Zentrale Stelle, etwas gegen die Abberufung zu unternehmen. An deren Leiter Kurt Schrimm schrieb er, dass Kirsten Goetzes Arbeit unverzichtbar sei. Die Ermittlungen würden unterbrochen, vielleicht sogar beendet. Ihr Wissen über die „Aktion Reinhardt“ übertreffe das aller anderen Ermittler.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam Post. Der Dachverband „American Gathering of Jewish Holocaust Survivers and their Descentants“, ein Zusammenschluss von Holocaust-Überlebenden, schrieb an die Kanzlerin: „Richterin Goetzes unermüdliche Arbeit hat Deutschlands Gerichtsbarkeit in diesen Fragen umgestaltet und Ihrem Land Ehre gebracht.“

Der US-Anwalt Martin Mendelsohn, der im Demjanjuk-Prozess einen Nebenkläger vertrat, schrieb ebenfalls an Merkel. Er und andere in den USA fänden es unglaublich, dass Kirsten Goetze, die die intellektuelle Inspiration für die zeitgenössische Strafverfolgung von NSDAP-Fällen in Deutschland entwickelte, „verbannt werden soll“.

Unerfahrene Nachfolger

Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung teilt auf Anfrage der Berliner Zeitung mit: „Der Vorgang wurde zuständigkeitshalber an das für die Bundesregierung federführende Bundesministerium der Justiz abgegeben.“

Letztlich landeten die Proteste beim Justizministerium in Baden-Württemberg, dem die Zentrale Stelle angegliedert ist. Das Ministerium versicherte im Mai 2011 der Jewish Gathering, dass man zuversichtlich sei, eine Lösung zu finden. Man wolle Frau Goetze nur ungern verlieren. Das Ministerium erwäge deshalb einen Dienstherrenwechsel von Sachsen-Anhalt nach Baden-Württemberg, um Goetze eine „Fortsetzung ihrer erfolgreichen Arbeit in der Zentralen Stelle Ludwigsburg“ ermöglichen zu können. Die Amerikaner konnten damit nicht beruhigt werden. Doch öffentlich kritisieren wollten sie Deutschland nicht.

Der Wechsel nach Baden-Württemberg erfolgte dann tatsächlich. Allerdings nicht so, wie das Ministerium den Vertretern der Holocaust-Opfer versprochen hatte, sondern auf die Gefängnis-Stelle.

Warum das so kam, ist unklar. Möglicherweise gibt es parteipolitische Gründe. Für Goetzes Verbleib in der Zentralstelle hatte sich ein CDU-Staatssekretär in Baden-Württemberg eingesetzt. Nach den Landtagswahlen 2011 übernahm die SPD das Justizressort, und vorher getroffene Entscheidungen wurden revidiert, so auch die Personalie Goetze. Während die Juristin in ein Gefängnis versetzt wurde, wurden zwei relativ unerfahrene Beamte zur ZSt geschickt.

Der Leiter der ZSt, Kurt Schrimm, muss aufpassen, was er über seinen Dienstherrn, das Justizministerium Baden-Württemberg, sagt. Deshalb spricht er von einer „ganz natürlichen Sache“. Es handele sich um Personalplanungen der Bundesländer, die ihre Mitarbeiter abordnen. „Wenn jemand abgezogen wird, bekommen wir keine Gründe mitgeteilt. Wir können unsere Wünsche äußern, mehr nicht.“

Goetzes Kollege Thomas Walther glaubt zu wissen, woran es unter anderem liegt. „Was der deutschen Justiz fehlt, ist Leidenschaft bei der Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechern“, sagt er. Kirsten Goetze habe sie gehabt. Ihre Versetzung erscheine schwer nachvollziehbar, weil nun so viele neue Ermittlungen in Ludwigsburg zu führen sind.

Eine Sprecherin von Baden-Württembergs Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) sagt, dass sie „mit Rücksicht auf das Personalaktenrecht zu Personalfragen keine Angaben machen“ könne.

Kirsten Goetze spricht zwar über ihre Ermittlungen gegen die Kriegsverbrecher, möchte sich aber nicht zu ihrer Personalsache äußern. Sie ist krankgeschrieben.

In der Zwischenzeit ist Alexeji Nagorny, einer der mutmaßlichen Kriegsverbrecher, mit 94 Jahren gestorben. Auch Osyp Firishchak, gegen den Goetze ermittelte, starb kürzlich im Alter von 94 Jahren.



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