Kay Nehm, 70, war von 1994 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 Generalbundesanwalt.
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Kay Nehm, 70, war von 1994 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 Generalbundesanwalt.
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Der frühere Generalbundesanwalt Kay Nehm bestreitet, dass seine Behörde zu spät in der rechten Mordserie ermittelt habe. Die groben Fehler seien den Behörden in Ostdeutschland unterlaufen.
Herr Nehm, während Sie als Generalbundesanwalt zuständig waren, bei Taten gegen die innere Sicherheit zu ermitteln, haben Nazis jahrelang gemordet. Haben Sie da geschlafen?
Nein. Als Staatsanwaltschaft des Bundes kann man nicht nach Gutdünken Verfahren an sich ziehen. Es gelten strenge Voraussetzungen, die der Bundesgerichtshof penibel prüft. Nach damaligem Wissen waren diese Voraussetzungen nicht gegeben. Es lagen keinerlei konkrete Anhaltspunkte für einen rechtsextremistischen Hintergrund vor. Die Erwartung, der Generalbundesanwalt hätte ungerufen den rechtsextremistischen Hintergrund zur Sprache bringen sollen, ist völlig unrealistisch. Die Landesbehörden würden sich Derartiges verbitten.
Vielleicht, weil die Behörden auf dem rechten Auge blind waren?
Die Bundesanwaltschaft ist die letzte Behörde, der man das vorwerfen kann. Wir haben uns stets intensiv um den Rechtsextremismus gekümmert. Wir räumten die damaligen Größen der Szene ab, führten die Verfahren von Mölln, Lübeck Erfurt, Solingen. Aber Mitte der 90er wurde es juristisch schwierig, als in den neuen Ländern das Phänomen rechtsextremer Einzeltaten aufkam. Da die Bundesanwaltschaft nur für die Vereinigungsdelikte wie terroristische Vereinigungen zuständig ist, musste der Staatsschutzcharakter einzelner Morde besonders herausgearbeitet werden.
Der Terror der Zwickauer Zelle
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Der Terror der Zwickauer Zelle
Beate Zschäpe (36) war eine der wenigen Frauen in der rechtsextremistischen Szene. Sie soll sich politisch kaum engagiert haben. Vielmehr hatte sie nach bisherigen Erkenntnissen offenbar mit den beiden toten Gewalttätern ein Verhältnis.
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Uwe Böhnhardt (34) galt als Waffennarr. Seine rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen gehen davon aus, dass er der Todesschütze gewesen sein könnte. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert. Das Fahndungsfoto stammt aus dem Jahr 1998.
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Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen sind seit den 90er Jahren in den Neonazi-Szene aktiv. Das Foto zeigt Uwe Mundlos (links) und Uwe Böhnhardt (Mitte) im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder.
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Uwe Böhnhardt 1996 in Erfurt.
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Uwe Mundlos mit dem späteren stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Ralf Wohlleben (l.) 1996 in Erfurt
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Etwa 60 Rechtsextreme ziehen am 03. Februar 2001 mit dem Transparent "Thüringer Heimatschutz" durch die Innenstadt von Jena. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler hatten die drei in den 90er Jahren Verbindungen zur Neonazi-Gruppe "Thüringer Heimatschutz.
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Polizisten führen Beate Zschäpe, die einzige noch Lebende aus dem Mördertrio, am Mittwoch aus einem Gebäude der Staatsanwaltschaft Zwickau.
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Beate Zschäpe wird am Sonntag mit einem Kleinbus vom Gelände der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gefahren. Gegen die arbeitslose Gärtnerin wird wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord ermittelt. Sie will nach Medienberichten dazu nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird.
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In diesem Haus im niedersächsischen Lauenau soll der mutmaßliche Komplize der Gruppe Holger G. bis zu seiner Verhaftung am Sonntagvormittag gewohnt haben.
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Feuerwehrleute und Polizisten stehen am 4. November in Eisenach vor einem ausgebrannten Wohnmobil, in dem die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos entdeckt wurden. Die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen hatten sich offenbar selbst erschossen. In dem Wohnwagen findet die Polizei Spuren zu mehreren unaufgeklärten Verbrechen.
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Zeitgleich geht in Zwickau das Haus in Flammen auf, indem die Gruppe zuletzt wohnte. Die Ermittler gehen davon aus, das Beate Zschärpe das Haus in Brand gesteckt hat.
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In dem durch die Explosion völlig zerstörten Haus finden die Ermittler die Waffe, mit der nicht nur die Heilbronner Polizistin sondern auch neun ausländische Geschäftsleute seit 2000 erschossen wurden.
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Hinter dieser Tür des Hauses in Zwickau lebte das Trio offenbar unbehelligt. Bereits 1998 fand die Polizei bei den drei Neonazis in einem Haus in Jena Rohrbomben und Sprengstoff. Verhaftet wurden sie nicht.
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Ermittler bei der Spurensuche in den Trümmern des Zwickauer Hauses.
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Dort finden sie auch ein Bekennervideo, in dem sich die Gruppe der Mordserie rühmt.
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In dem Video bezeichnet sich die Gruppe als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).
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Ein Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Hand der Zeichentrickfigur "Paulchen Panther" aus der Serie "Pink Panther", die eine Pistole abfeuert, während dahinter eine Filmaufnahme von Polizisten gelegt ist.
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Außerdem werden in dem 15-minütigen Film Bilder der neun Opfer der sogenannter Döner-Mordserie eingeblendet.
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Das Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo zeigt die Aufnahme einer Patronenhülse mit dem eingeblendeten Datum 28.06.2001. An diesem Tag wurde der türkische Obst- und Gemüsehändler Sueleyman T. in Hamburg ermordet.
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Auf das Grab von Heinz Galinski, dem einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden, wird am 19. Dezember 1998 einen Sprengstoffanschlag verübt. Auch dafür könnte die Gruppe verantwortlich sein. Bereits im Januar 1998 hatte die Polizei die Bombenwerkstatt des Trios im thüringischen Jena entdeckt. Die drei blieben jedoch auf freiem Fuß und tauchten unter.
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Die Porträts von acht der zehn Mordopfer des Trios. Acht türkische und ein griechischer Ladenbesitzer werden zwischen 2000 und 2006 an verschiedenen Orten in Deutschland erschossen.
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Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens transportieren am 29. August 2001 im Münchner Vorort Ramersdorf die Leiche des Lebensmittelhändlers Habil K. ab. Der 38-Jährige war in seinem Geschäft mit zwei Kopfschüssen getötet worden.
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Polizisten der Nürnberger Spurensicherung arbeiten am 29. Juni 2005 an einem Imbiss in Nürnberg. Der türkische Standbetreiber Ismail Y. war am 9. Juni vormittags mit fünf gezielten Schüssen kaltblütig ermordet worden.
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Am 19. Januar 2001 explodiert eine Sprengfalle vor einem iranischen Lebensmittelgeschäft in der Probsteigasse in Köln. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt. Auch für diesen Anschlag könnte nach Erkenntnissen der Ermittler das sächsische Terror-Trio verantwortlich sein.
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Eine Nagelbombe explodiert am 9. Juni 2004 in der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße in Köln. 22 Menschen werden verletzt. Die Suche nach den Tätern bleibt erfolglos In ihrem Bekennervideo rühmt sich nun die rechte Terrorgruppe des Anschlags.
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Mit diesen Fotos aus einer Überwachungskamera sucht die Polizei in Köln nach dem Bombenanschlag nach einem zweiten Mann.
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Das Bild einer Überwachungskamera zeigt die Täter bei einem Bankraub am 07.09.2011 in Arnstadt. Eine Serie von mindestens 14 Bankrauben wird Böhnhardt und Mundlos inzwischen zugeodnet, davon zehn in Sachsen und je zwei in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
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Die Polizei sichert im April 2007 Spuren am Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese.
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Die 22-jährige Polizistin Michèle K. wurde getötet, ein Kollege wurde schwer verletzt.
Die drei sächsischen Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen für die sogenannte Döner-Morde, den Tod einer jungen Polizisten sowie eine Reihe von weiteren rechtsextremistischen Anschlägen und eine Reihe von Banküberfällen verantwortlich sein. Angeblich gehörten sie einer Zelle namens "Nationalsozialistischer Untergrund" an.
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Konzentrierten Sie sich nach dem 11. September 2001 zu sehr auf islamistischen Terror?
Anfangs ist zwar viel Personal aus anderen Bereichen dafür herangezogen worden. Das war jedoch eine Übergangsphase. Danach haben die Behörden im Bereich des islamistischen Terrors stark aufgerüstet. Jedenfalls ist das Bild, die Verfassungsschutzämter hätten durchweg geschlampt, völlig falsch.
Im linken Umfeld wird aber viel schneller wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in terroristischen Vereinigungen ermittelt.
Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen. Die rechte Szene ist in der fraglichen Zeit nicht erkennbar so organisiert vorgegangen, dass es für Ermittlungen wegen des Verdachts einer terroristischen Vereinigungen gereicht hätte. Trotzdem sind wir mit Erfolg das juristische Wagnis eingegangen, die Rockband Landser als kriminelle Vereinigung zu verfolgen. Der Bundesgerichtshof bestätigte das.
Hätten Sie die „Bosporus“-Fälle früher an sich ziehen müssen?
Nein, die Informationen im strafrechtlichen Bereich waren zu dünn. Das Dilemma war, soweit wir heute wissen, dass die Verfassungsschutzämter nicht genug untereinander und mit der Polizei kooperierten und aus ihrem Wissen nicht ausreichend Kapital geschlagen wurde. Es ist hanebüchen, dass in Thüringen die Polizei auf einen Sachverhalt aufmerksam gemacht wurde, der Angelegenheit aber nicht mit Nachdruck nachging. Nicht an den Tatorten, sondern dort, in den Informationen des Verfassungsschutzes, wären die Spuren in die rechte Szene zu finden gewesen. Zwar gilt für das Trennungsgebot von der Polizei. Dies hindert aber nicht, die Polizei über geplante Straftaten zu informieren. Es besteht Anzeigepflicht, auch für Verfassungsschützer.
Neonazi-Terror
13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Spezial zum Neonazi-Terror.
Wie gut kooperieren Verfassungsschutz und Polizei sonst?
Wir haben in unserer jahrelangen Erfahrung keine grundlegenden Defizite entdeckt. Lediglich in den neuen Ländern gab es mitunter gewisse Probleme, weil der Verfassungsschutz da anfänglich nicht immer so aufgestellt war, wie wir das im Westen kannten. Das hängt damit zusammen, diese Behörden aus dem Nichts aufzubauen. Das zeigte sich teils auch an der Qualität des Personals.
Was war falsch am Personal?
Ohne zu generalisieren, manche Mitarbeiter waren fachlich nicht so qualifiziert wie nötig. Anderen fehlte die nötige Distanz zu V-Leuten. Das Führen von V-Leuten ist eine der heikelsten Aufgaben des Verfassungsschutzes: Die Balance zu wahren, sich einerseits mit ihnen gemeinzumachen, um sie bei der Stange zu halten, und andererseits keine zu starke persönliche Nähe zu fördern. Wenn da etwas schief läuft, muss das in der Leitung ausgebügelt werden. Daran fehlte es mitunter.
Das Interview führte Steven Geyer.