22.02.2012

Gedenkfeier für Opfer des Rechtsextremismus: Spätes Verneigen

Von Harry Nutt
Blumen vor dem Internetcafé, wo am 6. April 2006 Halit Y. getötet wurde. Erst 2011 wurde bekannt, dass seine Mörder Rechtsextreme waren.
Blumen vor dem Internetcafé, wo am 6. April 2006 Halit Y. getötet wurde. Erst 2011 wurde bekannt, dass seine Mörder Rechtsextreme waren.
Foto: Uwe Zucchi/dpa

Mit einer Zeremonie werden heute die Opfer rechter Gewalt geehrt. Die Angehörigen mussten lange auf Anerkennung warten. Doch vor wenigen Jahren wäre selbst eine solche Geste kaum vorstellbar gewesen.

An den rassistisch motivierten Brandanschlag auf die Familie Genç aus Solingen im Mai 1993 erinnert inzwischen ein Mahnmal. Es zeigt zwei große Metallfiguren, die versuchen, ein Hakenkreuz zu zerreißen. Das Mahnmal steht vor der Solinger Schule, auf die Hatice Genç ging, eines von fünf Brandopfern jener verhängnisvollen Nacht. Vier junge Männer aus der lokalen Neonazi-Szene hatten sich zusammengetan, um der türkischen Familie einen „Denkzettel“ zu verpassen, wie sie im anschließenden Prozess zu Protokoll gaben.

Das Mahnmal soll an die Opfer erinnern, aber es steht auch für den schwierigen gesellschaftlichen Umgang mit rechtsradikaler Gewalt. Ursprünglich hatte der Solinger Stadtrat beschlossen, einen Gedenkort im Stadtzentrum zu finden. Um den sozialen Frieden nicht zu gefährden, hieß es dann, habe man den Platz vor der Schule gewählt, etwa 2,5 Kilometer vom Zentrum entfernt. Und da zerren sie nun an einem deformierten Hakenkreuz, die Figuren des Mahnmals aus Solinger Stahl, und kriegen es doch nicht kaputt.

Der Terror der Zwickauer Zelle

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Die Stadt im Bergischen Land ist nicht allein mit dem Stigma der Tat. Mölln, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mügeln und andere Orte bilden eine unselige Reihung, in der Städtenamen dauerhaft mit feigen Anschlägen oder pogromartigen Menschenjagden in Verbindung stehen.

Späte Geste

Die Gedenkfeier für Opfer rechter Gewalt findet am Donnerstag um 10.30 Uhr im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt statt. 1200 Gäste werden erwartet, darunter Angehörige mehrerer Opfer der mutmaßlichen Terrorgruppe NSU, Abgeordnete des türkischen Parlaments und Vertreter von Initiativen gegen rassistische Gewalt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf der Veranstaltung eine Rede halten, außerdem sprechen zwei Angehörige von NSU-Opfern. Ein Orchester wird Werke von Johann Sebastian Bach und dem türkischen Komponisten Cemal Resit Rey vortragen.

Im Anschluss an die Feier soll in ganz Deutschland um 12 Uhr mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht werden.

Am Bedürfnis, dem Entsetzen öffentlichen Ausdruck zu verleihen, hat es in der Vergangenheit nicht gemangelt. Der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau stand bereits am Morgen nach dem Brandanschlag von Solingen vor der noch qualmenden Ruine. Auch als Bundespräsident kam er später wieder. Schwerer tat sich Bundeskanzler Helmut Kohl. Als er dafür kritisiert wurde, nicht nach Solingen gekommen zu sein, ließ er seinen Sprecher mitteilen, er lehne den Beileidstourismus anderer Politiker an den Tatort ab.

Eine derartige Blöße haben sich verantwortliche Politiker seither kaum mehr gegeben. Rund 20 Jahre später, in denen es eine Reihe verheerender Anschläge und wahrscheinlich über 100 Morde und Totschlagdelikte mit rechtsradikalem Hintergrund gegeben hat, wissen Politiker um die Bedeutung ritualisierten Gedenkens. Nichts ungeschehen machen zu können, entbindet nicht von der Verpflichtung zu Aufklärung und Anteilnahme. In diesem Zeichen steht auch die Gedenkfeier für die Opfer der so genannten Zwickauer Zelle an diesem Donnerstag. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel Hauptrednerin sein wird – eigentlich sollte der inzwischen zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff sprechen – zeigt, wie sehr sich das Land seit den Kohl-Jahren verändert hat.

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