Herr Funke, haben wir es mit einem neuen Rechtsterrorismus zu tun?
Ja, es ist ein Rechtsterrorismus aus einer neo-nationalsozialistischer Gesinnung heraus. Die Ideologie dieser Menschen ist eine gewalttätige nationalsozialistische und legitimiert auch Morde etwa an Juden und Ausländern. Wer das vierte Reich schaffen will, der schafft das nicht ohne Gewalt. Die Täter begriffen sich als der nationalsozialistische Untergrund und kämpften für einen neuen Nationalsozialismus. Sie haben gemordet für das Vierte Reich.
Im thüringischen Jena entdeckt die Polizei die Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe und stellen Rohrbomben und Sprengstoff sicher. Das Trio wird nicht verhaftet und taucht ab.
Zwei Sprengsätze detonieren auf dem Grab von Heinz Galinski, einst Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ermittler prüfen nun, ob das Trio dahinter steckt.
Eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen werden heute Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: zwei in Thüringen, zwei in Mecklenburg-Vorpommern und zehn in Sachsen.
Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler in Düsseldorf an der S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn. 10 Menschen werden verletzt, zwei davon schwer. Eine schwangere Frau verliert ihr Kind. Die Ermittler vermuten, dass dieser bislang ungeklärte Fall auch auf das Konto des Trios geht.
Enver S. (38) ist das erste Opfer einer Mordserie an vor allem türkischstämmigen Deutschen. Der Blumenhändler stand mit seinem Verkaufswagen an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Nachmittags fand man ihn dort, von acht Kugeln aus zwei Waffen durchsiebt. Er stirbt zwei Tage später. Bis April 2006 werden acht weitere Morde mit einer der zwei Waffen verübt, die „Döner-Morde“.
Abdurrahim Ö. (49) wurde abends mit zwei Kopfschüssen in seinem Laden, einer Änderungsschneiderei, getötet. Der geschiedene Mann arbeitete tagsüber bei Siemens und besserte abends noch Kleider aus, um sich etwas Geld hinzuzuverdienen. Nachbarn hörten zuvor einen Streit, angeblich soll er sich mit zwei osteuropäisch aussehenden Männern auseinandergesetzt haben.
Süleyman T. (31) arbeitet im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld vormittags im Gemüseladen seines Vaters, als er ermordet wird. Der Vater fand den blutüberströmten Sohn, der auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Erst die Obduktion zeigt, dass T. durch drei Schüsse aus nächster Nähe getötet wurde – so schwer entstellt war sein Kopf. Die Ermittler werden aufmerksam, die Soko „Bosporus“ wird gegründet.
Habil K. (38) wird in seinem Lebensmittelgeschäft in München-Ramersdorf mit zwei Kopfschüssen getötet.
Yunus T. (25) wird in einem Dönerstand im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel erschossen. Der Ablauf ist unklar. Der junge Mann, der erst zehn Tage zuvor in die Stadt kam, hatte schwere Schussverletzungen an Kopf und Hals.
Eine Nagelbombe explodiert in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße. 22 Menschen werden verletzt. Die Täter hatten die selbst gebaute Bombe auf einem Fahrrad deponiert und ferngezündet. Eine Videokamera hatte die zwei Männer zwar aufgenommen. Dennoch blieb die Suche der Polizei bis vergangene Woche ergebnislos.
Ismail Y. (50) wird mit fünf gezielten Schüssen vormittags in seinem Dönerstand an der Nürnberger Scharrerstraße getötet. Bauarbeiter haben zwei Männer beobachtet, die ihre Fahrräder direkt vor dem Stand abstellten. Sie gingen hinein, kamen rasch wieder heraus und steckten dann eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Ermittlungen blieben dennoch ohne Erfolg.
Theodorus B. (41) treffen vor seinem Laden im Münchner Westend drei Schüsse in den Kopf. Der Teilhaber eines Schlüsseldienstes ist Grieche und das einzige nicht-türkische Opfer in dieser Mordserie.
Mehmet K. (39) wurde in seinem Kiosk an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße erschossen. Kurz nach 13 Uhr wurde die Leiche des dreifachen Vaters gefunden. Fünf Kugeln trafen ihn ins Gesicht.
Halit Y. (21) starb kurz nach 17 Uhr in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel durch zwei Kopfschüsse. Die Mörder gingen ein hohes Risiko ein, mindestens drei Gäste waren zu der Zeit in dem Café.
Michèle K. (22), Polizistin, stirbt in Heilbronn durch einen Kopfschuss. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt, die – wie sich erst 2009 herausstellt – falsch war. Die für den Gentest benutzten Wattestäbchen wurden beim Hersteller verschmutzt. Die Ermittler jagen zwei Jahre ein Phantom.
Aber ohne öffentliche Botschaften. Waren sie sich genug?
Vorsicht: Diejenigen, die mit ihnen in Kontakt standen, haben sich wahrscheinlich diebisch gefreut, dass dieses im Namen des heutigen Nationalsozialismus geschieht. Auch ihre DVDs wollten sie verteilen. Sie hatten die Videos praktisch versandfertig. Wir wissen noch nicht, wann der verbale propagandistische Teil verbreitet werden sollte. Aber man hat natürlich Angst geschaffen. Der Terror wirkt auch durch die Tat. Es geschah ja in einem Kontext: Es gab seit 1990 ingesamt mehr als 100 rechtsextremistisch motivierte Morde. Dabei sind diese Taten, über die wir jetzt sprechen nicht mitgezählt, weil man sie nicht zuordnen konnte. Gruppen wie der „Thüringer Heimatschutz“ wollten seit den 90er Jahren ein Klima der Angst produzieren – durch rassistische Gewalttaten. Das spezifische des deutschen Rechtsextremismus ist genau dies: eine gewalttätige informelle Szene aus Skinheads, Kammeradschaften und neonazistischen Kleinorganisationen. Mit tausenden Gewaltstraftaten haben diese Gruppen ein Klima der Angst und des Terrors produziert, ohne jemals so systematisch vorzugehen wie dieses Mordtrio.
Von wo droht heute die rechtsextreme Gefahr?
Heute sind es die „freien Netze“, die sich in diesem ideologischen Kontext nach wie vor bewegen. Die „freien Netze“ begreifen sich selbst als nationalsozialistische Ersatzorganisation und es gibt Verbindungen: Es gab das braune Haus in Jena, wo der NPD-Aktivist, Neonazi und V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes Tino Brandt mit diesem Mordtrio Kontakt hatte. Die Kontakte von Mitgliedern der freien Netze und Mitgliedern der NPD bestanden bis kurz vor dem Tod der beiden Rechtsterroristen. Diese Gruppen der freien Netze haben schon gezeigt, dass sie extrem gewaltbereit sein können. Es ist vorstellbar, dass aus dieser Szene auch weitere neue Formen des Rechtsterrorismus entstehen könnten.
