Beate Zschäpe sitzt seit Mittwoch in Haft wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung – sie hatte ihre Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße angezündet. Vor allem aber wird gegen die arbeitslose Gärtnerin wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord ermittelt. Beate Zschäpe schweigt dazu.
Die mutmaßliche Rechtsterroristin will nach Information der Bild am Sonntag nur aussagen, wenn ihr als Kronzeugin Strafmilderung zugesichert wird. Sie ist die Einzige, die mehr Licht in die über 13 Jahre lange Terrorserie bringen kann.
Je mehr Spuren der von Hass auf Ausländer und den Staat getriebenen Mörderbande aus den Trümmern eines Zwickauer Wohnhauses geborgen werden, desto drängender werden die Fragen: Wie konnte das Trio 13 Jahre lang von den Behörden ungestört schwerste Verbrechen quer durch die Republik verüben? Was trieb die Bande an, die all die Jahre auch gegenüber Gesinnungsfreunden über ihre Motive schwieg? Warum töteten sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am vorvergangenen Freitag, ohne eine Flucht zu versuchen? Und warum stellte sich Beate Zschäpe?
Antworten darauf liefert auch der 15-minütige Film nicht, den Ermittler in der durch eine Brandbombe zerstörten Zwickauer Wohnung gefunden haben. Dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel zufolge, dem das Video vorliegt, rühmt sich eine Gruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) der sogenannten Döner-Morden, der Hinrichtung der Polizistin Michèle Kiesewetter sowie eines Bombenanschlags in Köln im Jahr 2004. Die Urheber geben sich nicht zu erkennen.
Man fand die Waffen zu den Mordfällen bei der Zwickauer Terrorzelle, was dafür spricht, dass auch der Film von dem Trio stammt. Aber gehören dem NSU noch mehr Aktivisten an? Ermittler sind überzeugt, dass die drei mutmaßlichen Terroristen Unterstützung von außen erhalten haben müssen. In Thüringer Sicherheitsbehörden spricht man von einem größeren rechtsextremistischen Netzwerk.
Im thüringischen Jena entdeckt die Polizei die Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe und stellen Rohrbomben und Sprengstoff sicher. Das Trio wird nicht verhaftet und taucht ab.
Zwei Sprengsätze detonieren auf dem Grab von Heinz Galinski, einst Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ermittler prüfen nun, ob das Trio dahinter steckt.
Eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen werden heute Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: zwei in Thüringen, zwei in Mecklenburg-Vorpommern und zehn in Sachsen.
Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler in Düsseldorf an der S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn. 10 Menschen werden verletzt, zwei davon schwer. Eine schwangere Frau verliert ihr Kind. Die Ermittler vermuten, dass dieser bislang ungeklärte Fall auch auf das Konto des Trios geht.
Enver S. (38) ist das erste Opfer einer Mordserie an vor allem türkischstämmigen Deutschen. Der Blumenhändler stand mit seinem Verkaufswagen an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Nachmittags fand man ihn dort, von acht Kugeln aus zwei Waffen durchsiebt. Er stirbt zwei Tage später. Bis April 2006 werden acht weitere Morde mit einer der zwei Waffen verübt, die „Döner-Morde“.
Abdurrahim Ö. (49) wurde abends mit zwei Kopfschüssen in seinem Laden, einer Änderungsschneiderei, getötet. Der geschiedene Mann arbeitete tagsüber bei Siemens und besserte abends noch Kleider aus, um sich etwas Geld hinzuzuverdienen. Nachbarn hörten zuvor einen Streit, angeblich soll er sich mit zwei osteuropäisch aussehenden Männern auseinandergesetzt haben.
Süleyman T. (31) arbeitet im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld vormittags im Gemüseladen seines Vaters, als er ermordet wird. Der Vater fand den blutüberströmten Sohn, der auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Erst die Obduktion zeigt, dass T. durch drei Schüsse aus nächster Nähe getötet wurde – so schwer entstellt war sein Kopf. Die Ermittler werden aufmerksam, die Soko „Bosporus“ wird gegründet.
Habil K. (38) wird in seinem Lebensmittelgeschäft in München-Ramersdorf mit zwei Kopfschüssen getötet.
Yunus T. (25) wird in einem Dönerstand im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel erschossen. Der Ablauf ist unklar. Der junge Mann, der erst zehn Tage zuvor in die Stadt kam, hatte schwere Schussverletzungen an Kopf und Hals.
Eine Nagelbombe explodiert in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße. 22 Menschen werden verletzt. Die Täter hatten die selbst gebaute Bombe auf einem Fahrrad deponiert und ferngezündet. Eine Videokamera hatte die zwei Männer zwar aufgenommen. Dennoch blieb die Suche der Polizei bis vergangene Woche ergebnislos.
Ismail Y. (50) wird mit fünf gezielten Schüssen vormittags in seinem Dönerstand an der Nürnberger Scharrerstraße getötet. Bauarbeiter haben zwei Männer beobachtet, die ihre Fahrräder direkt vor dem Stand abstellten. Sie gingen hinein, kamen rasch wieder heraus und steckten dann eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Ermittlungen blieben dennoch ohne Erfolg.
Theodorus B. (41) treffen vor seinem Laden im Münchner Westend drei Schüsse in den Kopf. Der Teilhaber eines Schlüsseldienstes ist Grieche und das einzige nicht-türkische Opfer in dieser Mordserie.
Mehmet K. (39) wurde in seinem Kiosk an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße erschossen. Kurz nach 13 Uhr wurde die Leiche des dreifachen Vaters gefunden. Fünf Kugeln trafen ihn ins Gesicht.
Halit Y. (21) starb kurz nach 17 Uhr in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel durch zwei Kopfschüsse. Die Mörder gingen ein hohes Risiko ein, mindestens drei Gäste waren zu der Zeit in dem Café.
Michèle K. (22), Polizistin, stirbt in Heilbronn durch einen Kopfschuss. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt, die – wie sich erst 2009 herausstellt – falsch war. Die für den Gentest benutzten Wattestäbchen wurden beim Hersteller verschmutzt. Die Ermittler jagen zwei Jahre ein Phantom.
