Und Beate Zschäpe? Die Gärtnerin? Anfangs sei die angeblich ganz nett gewesen. Als Jugendliche fiel sie beim Klauen im Supermarkt auf. Freundliche Fassade. Und später? „Die war aggressiv. Die sah zwar nicht aus wie so eine Nazitante, keine Symbole und so, aber die…“ Lothar König beendet den Satz nicht. Er blickt in seinem Büro herum, als läge dort irgendwo der zweite Teil seines Satzes. Aber er findet nichts, er versucht den Zigarettenrest anzuzünden, der im übervollen Aschenbecher liegt. „Also, ich weiß noch genau, die hat mal einer jungen Frau den Fuß gebrochen.“
Jena in Thüringen ist eine muntere Stadt. Eine schöne Stadt in einem Talkessel, umgeben von Grün. 105 000 Einwohner, klein und fein. Eine alte Universitätsstadt, Erfinderstadt, einst Zentrum der deutschen Optik-Industrie mit Carl Zeiss und Ernst Abbe. Ehrwürdig und gelehrsam. Und heute Hightech und Optik, Alt und Neu fügen sich. Eine lebendige Studentenstadt, im Osten Deutschlands Vorzeigestadt. Jena hat es geschafft, die schwierigen Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung gemeistert.
Schmerzhafte Jahre des Wandels
Es gab aber auch andere Zeiten. Die ersten Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung, als die Sektlaune schnell verflogen war. Die schmerzhaften Jahre des Wandels, als die Überbleibsel der Planwirtschaft untergingen, als die Arbeitslosigkeit im Osten wucherte. Die Jahre als die DDR gerade untergegangen war. Es war auch die Zeit, als das Neue noch nicht Fuß gefasst hatte. Als Wild Ost herrschte.
„Wir hatten hier ein Vakuum, eine Leere“, sagt Pfarrer König. „Neunzig Prozent der Leute empfanden sich plötzlich als Opfer.“ Er redet endlos und leise vor sich hin, als würde ein Tonband in ihm ablaufen. Langsam wird es dunkel. Es ist ein Monolog über die vergangenen zwanzig Jahre, ein Erklärtext, wie er ihn seit Tagen Thüringens Politikern und allen anderen Neugierigen erzählt. Dieser Text handelt von den Lehrern, die von heute auf morgen von Diktatur auf Freiheit und Demokratie umschalten sollten – und dann meist schweigend und ratlos vor ihren Klassen standen. „Gestern plappern die Honecker nach, und heute sollen sie sagen, wie falsch alles war.“
König redet über die Polizisten, die zu DDR-Zeiten kleine Machthaber waren und nun, gestutzt, plötzlich freundliche Bürger in Uniformen sein sollten - und dann häufig wegsahen, anstatt einzuschreiten, wenn irgendwo Jugendliche aufeinander losgingen. Es ist eine Geschichte von Eltern, die plötzlich keine Arbeit mehr hatten und nicht wussten, wie man ein Leben in die Hand nehmen soll. Eine Geschichte von Entwertung und Scheitern, von Lebensläufen, die nichts mehr zählten, von zerstörtem Selbstwertgefühl, von einer schäbigen kleinen Diktatur, die sich ad absurdum geführt hatte.
