„Elternhäuser ohne Orientierung“, murmelt Pfarrer König. „So wurden die hier groß.“ Und der Antifaschismus der DDR: „Hohles Gerede.“ Neonazis gab es auch schon zu DDR-Zeiten. „Das wurde unter Rowdytum verbucht. Das ist doch keine Importware aus dem Westen.“ König sagt, er wolle nichts entschuldigen, gar nichts. Nur müsse man die Dinge mal in einen Zusammenhang einordnen.
Damals kam es in Jena zu einer Teilung. Alles war in Bewegung. Es gab Jugendliche, die ganz nach links abdrifteten, Punker wurden oder Autonome – sie landeten in der Jungen Gemeinde von Pfarrer König am Johannisplatz mitten in Jena. Die anderen, die plötzlich Glatze trugen und Springerstiefel und „Heil Hitler“ grölten, fanden sich im Stadtteil Winzerla im „Winzerclub“, den es längst nicht mehr gibt, oder später im Braunen Haus.
Treffen und Radikalisierung
Das Braune Haus. Ein alter Kasten, baufällig. Hier traf sich die Neonaziszene, hier radikalisierte sie sich weiter. Ein Haus, das Leuten gehörte, die im Dritten Reich vor den Nazis nach Kanada und Australien flohen. „Eine bittere Geschichte“, sagt König. Die Stadt hat zwar das Haus geschlossen, doch im Garten steht jetzt ein Zelt mit Bierbänken. „Mittwochs treffen sie sich immer noch hier“, sagt eine Frau. „Weg sind die nicht.“
Pfarrer König nennt sie „Suchende“, die Jugendlichen, die damals im Nichts etwas ausprobieren wollten und sich radikalisierten. Ab 1993 ging es rund. Uwe Mundlos trug längst Glatze. Ein junger Mann von zwanzig Jahren. Bis zur neunten Klasse Polytechnische Oberschule Magnus Poser. Später wollte er auf dem Ilmenau-Kolleg sein Abitur nachmachen. Angeblich hat er viel gelesen, Musik von AC/DC gehört. Auf seinem Schreibtisch soll ein selbstgemaltes Porträt des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess gestanden haben. Er soll ein Provokateur gewesen sein. In der Schule, aber auch außerhalb. „Der hat durchgezogen“, sagt Pfarrer König.
Abends auf der Demonstration in der Rathenaustraße in Jena. Hundert Leute sind gekommen, Oberbürgermeister Albrecht Schröter spricht und Michael Ebenau, der IG-Metaller. „Jena ist kein braunes Nest“, sagt er. „In Jena hat man dagegengehalten.“ Ebenau ist zornig. In Saalfeld, in Jena, in Gera – überall seien Linke, Ausländer und Gewerkschafter in den vergangenen zwanzig Jahren von Skinheads und Neonazis drangsaliert worden. „Aber auf uns hat ja niemand gehört.“
Unter den Zuhörern steht Sascha, ein breiter Typ, ganz in schwarz, Basecap. Seinen richtigen Namen sagt er nicht. Er erzählt: „Ich habe damals auch einmal auf die Fresse gekriegt.“ Es seien doch nicht nur der Mundlos und Böhnhardt gewesen. Der André K. und Ralf W. seien doch auch überall dabei gewesen. „Und sind es heute noch.“ Die seien alle losgezogen zum „Zeckenklatschen“. Und dann seien alle anderen in Deckung gegangen. Mundlos sei bekannt gewesen in Jena. In seiner Szene, gewiss, aber auch bei den anderen, die überfallen und verprügelt wurden. „Ein scharfer, zynischer Typ“, meint Sascha. Wenn irgendwo Schlägereien waren oder Überfälle – „Mundlos und Böhnhardt waren dabei“.
