Es gibt ein Foto, das zeigt den jungen Uwe Mundlos, den Kopf der so genannten Zwickauer Zelle, um 1991 in einem Jugendzentrum in Jena. Die Haare kurz, aber nicht geschoren. Er trägt ein weißes T-Shirt, darüber Hosenträger in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Er sieht nicht unsympathisch aus, wie er da leicht vor sich hinlächelt. Neben ihm sitzt ein etwas älter wirkender Mann mit Vollbart und längeren Haaren, Typ Bürgerrechtler. In dem Jugendzentrum galt politische Neutralität als oberstes Gebot. Eine Zeit lang schien die Mischung von rechten und linken Szenen sogar zu gelingen. Auf dem Foto wird im Hintergrund musiziert. Es scheint sich dabei um Folk zu handeln. Später soll es auch mal ein Konzert mit rechten Bands gegeben haben.
Etwa zur selben Zeit, in der das Foto entstand, war der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel als Feldforscher in einer brandenburgischen Kleinstadt unterwegs, die er in seinen Veröffentlichungen Waldleben nannte. Es war die Zeit des Umbruchs nach 1989. Transformationsprozess nennen das die Soziologen. In dieser Zeit zerbröselten gleich reihenweise die zivilisatorischen Standards. „Die Nächte sind immer lauter geworden“, schreibt Neckel in der Zeitschrift Merkur, „das Reimann-Viertel ein Zentrum der örtlichen Gewalt. Kinderbanden machen sich über jede Sitzbank her, Vierzehnjährige mischen Betrunkene auf, um an deren restliches Geld zu kommen.“
Rechte Gewalt hat es gegeben, aber Neckel interessiert sich vor allem für das vorideologische soziale Gefüge, aus dem diese Gewalt hervorgegangen sein könnte. „Die Erwachsenen haben eine merkwürdige Furcht vor dem Nachwuchs, fast so, als ob sie im Stillen wüssten, wozu er fähig ist, weil sie sich selbst kennen. Die Zügellosigkeit ist ihnen vertraut, obwohl sie sie nie gelebt haben, der Hass und die brutale Geste auch. Dass die Neger und Fidschis das abbekommen, versteht sich hier mittlerweile beinahe von selbst. Die Neger sind zwar kaum noch da: Als das Fleischkombinat aufgelöst wurde, hat man sie als erste gefeuert. Aber ihre Huren lebten noch hier, und auch die sind selbst in der eigenen Wohnung nicht sicher.“ Im Zentrum des ganzen Debakels, so Neckel, steht die beschämende Schwäche, die die Jungen in den Jahrgängen ihrer Eltern erkennen: Sie haben sich die Roten gefallen lassen und müssen nun zusehen, wie die Wessis ihnen den Schneid abkaufen.
Es führt kein direkter Weg von der Phase postsozialistischer Desintegration in rechtsterroristische Gewalt. Wer jedoch wissen will, wie die Täter ticken, die ohne Ansage als natural born killers die ganze Republik verunsicherten, wird an Orten wie Waldleben suchen müssen.
