Ein hochrangiger Ermittler der Soko „Bosporus“ nannte diese Darstellung postwendend Unfug. „Wenn der Mann bei sechs Morden am Tatort gewesen wäre“, hätten wir ihn in jedem Fall festgenommen“, sagte der Beamte der Berliner Zeitung. Genau das aber schlössen die ausgewerteten Fahrtenbücher und andere Bewegungsspuren des „kleinen Adolf“ aus. Nach offizieller Darstellung befand sich der Mann tatsächlich nur an dem einen Tatort.
Der bislang schwerste Terroranschlag, den Rechtsextreme in der Bundesrepublik verübt haben, war das Bombenattentat auf dem Münchner Oktoberfest am 26. September 1980, bei dem 13 Menschen getötet und 213 teils schwer verletzt wurden. Die Polizei identifiziert den Studenten Gundolf Köhler aus dem schwäbischen Donaueschingen, der selbst bei der Explosion ums Leben kam, als Täter. Köhler hatte Kontakte zur „Wehrsportgruppe Hoffmann“, der im Januar 1980 verbotenen Privatarmee des Neonazis Karl-Heinz Hoffmann. Die Behörden kommen dennoch zu dem Schluss, dass Köhler ein Einzeltäter war und stellen im November 1982 die Ermittlungen ein.
Als rechtsextremistisch motiviert gelten auch die Attentate der Gruppe Ludwig in Deutschland und Italien zwischen 1977 und 1984. Sieben Morde und drei Brandanschläge werden ihr zugeschrieben. Die Gruppe besteht aus dem Deutschen Wolfgang Abel und dem Italiener Marco Furlan. Sie werden gefasst, als sie in einer italienischen Bar Feuer legen.
In Österreich nimmt die Polizei 1997 nach vier Jahren Fahndung den Rechtsterroristen Franz Fuchs fest. Er gibt vor, im Namen der Bajuwarischen Befreiungsarmee zu operieren. Zwischen 1993 und 1996 verschickt er Briefbomben an Empfänger in Deutschland und Österreich, die 15 Menschen teils schwer verletzten, darunter WiensBürgermeister Werner Zilk. Bei einem Anschlag durch eine Sprengfalle sterben vier Menschen. Fuchs wird 1999 zu lebenslanger Haft verurteilt. Er nimmt sich 2000 das Leben.
Im November 2003 nimmt die Polizei in München den Neonazi Martin Wiese und zwei Mitglieder der von ihm gegründeten Kameradschaft Süd fest. Sie sollen einen Anschlag auf die Grundsteinlegung der Münchner Synagoge geplant haben. Nach einer siebenjährigen Haftstrafe kommt Wiese im August frei. Laut Experten steht er hinter der Webseite „Nationale Sozialistische Bewegung“, die rechtsextremen Kameradschaften ein Forum bietet.
Die ungeklärte Rolle, die neben dem hessischen vor allem der Thüringer Verfassungsschutz in der braunen Mordserie spielt, sorgt für wachsenden Ärger unter Polizisten. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, äußerte sich verblüfft darüber, wie scheinbar lückenlos Täter und Täterprofile der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ jüngst dargelegt worden seien. „Wenn ich bedenke, wie schnell mehr als zwei Dutzend Aktenordner mit Erkenntnissen über die Täter präsentiert werden konnten, bin ich gespannt auf die Ermittlungen, speziell zur Rolle des Verfassungsschutzes“, sagte Schulz.
Obskure Szene-Spitzel
Erbost ist auch Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Er verwies am Dienstag darauf, dass die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen den Behörden schon Ende der 90er-Jahre als Bombenleger bekannt waren.
Danach aber konnten sie dennoch mühelos abtauchen, mordend durch Deutschland ziehen und nach derzeitiger Sachlage auch im April 2007 in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschießen. „Allein der Verdacht, dass etwa der Mord an unserer Kollegin hätte verhindert werden können, wenn der Thüringer Verfassungsschutz korrekt gearbeitet hätte, macht uns als Polizei rasend vor Wut“, sagte Wendt dieser Zeitung.
Im thüringischen Jena entdeckt die Polizei die Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe und stellen Rohrbomben und Sprengstoff sicher. Das Trio wird nicht verhaftet und taucht ab.
Zwei Sprengsätze detonieren auf dem Grab von Heinz Galinski, einst Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ermittler prüfen nun, ob das Trio dahinter steckt.
Eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen werden heute Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: zwei in Thüringen, zwei in Mecklenburg-Vorpommern und zehn in Sachsen.
Bombenanschlag auf jüdische Aussiedler in Düsseldorf an der S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn. 10 Menschen werden verletzt, zwei davon schwer. Eine schwangere Frau verliert ihr Kind. Die Ermittler vermuten, dass dieser bislang ungeklärte Fall auch auf das Konto des Trios geht.
Enver S. (38) ist das erste Opfer einer Mordserie an vor allem türkischstämmigen Deutschen. Der Blumenhändler stand mit seinem Verkaufswagen an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Nachmittags fand man ihn dort, von acht Kugeln aus zwei Waffen durchsiebt. Er stirbt zwei Tage später. Bis April 2006 werden acht weitere Morde mit einer der zwei Waffen verübt, die „Döner-Morde“.
Abdurrahim Ö. (49) wurde abends mit zwei Kopfschüssen in seinem Laden, einer Änderungsschneiderei, getötet. Der geschiedene Mann arbeitete tagsüber bei Siemens und besserte abends noch Kleider aus, um sich etwas Geld hinzuzuverdienen. Nachbarn hörten zuvor einen Streit, angeblich soll er sich mit zwei osteuropäisch aussehenden Männern auseinandergesetzt haben.
Süleyman T. (31) arbeitet im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld vormittags im Gemüseladen seines Vaters, als er ermordet wird. Der Vater fand den blutüberströmten Sohn, der auf dem Weg ins Krankenhaus starb. Erst die Obduktion zeigt, dass T. durch drei Schüsse aus nächster Nähe getötet wurde – so schwer entstellt war sein Kopf. Die Ermittler werden aufmerksam, die Soko „Bosporus“ wird gegründet.
Habil K. (38) wird in seinem Lebensmittelgeschäft in München-Ramersdorf mit zwei Kopfschüssen getötet.
Yunus T. (25) wird in einem Dönerstand im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel erschossen. Der Ablauf ist unklar. Der junge Mann, der erst zehn Tage zuvor in die Stadt kam, hatte schwere Schussverletzungen an Kopf und Hals.
Eine Nagelbombe explodiert in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße. 22 Menschen werden verletzt. Die Täter hatten die selbst gebaute Bombe auf einem Fahrrad deponiert und ferngezündet. Eine Videokamera hatte die zwei Männer zwar aufgenommen. Dennoch blieb die Suche der Polizei bis vergangene Woche ergebnislos.
Ismail Y. (50) wird mit fünf gezielten Schüssen vormittags in seinem Dönerstand an der Nürnberger Scharrerstraße getötet. Bauarbeiter haben zwei Männer beobachtet, die ihre Fahrräder direkt vor dem Stand abstellten. Sie gingen hinein, kamen rasch wieder heraus und steckten dann eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Ermittlungen blieben dennoch ohne Erfolg.
Theodorus B. (41) treffen vor seinem Laden im Münchner Westend drei Schüsse in den Kopf. Der Teilhaber eines Schlüsseldienstes ist Grieche und das einzige nicht-türkische Opfer in dieser Mordserie.
Mehmet K. (39) wurde in seinem Kiosk an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße erschossen. Kurz nach 13 Uhr wurde die Leiche des dreifachen Vaters gefunden. Fünf Kugeln trafen ihn ins Gesicht.
Halit Y. (21) starb kurz nach 17 Uhr in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel durch zwei Kopfschüsse. Die Mörder gingen ein hohes Risiko ein, mindestens drei Gäste waren zu der Zeit in dem Café.
Michèle K. (22), Polizistin, stirbt in Heilbronn durch einen Kopfschuss. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt, die – wie sich erst 2009 herausstellt – falsch war. Die für den Gentest benutzten Wattestäbchen wurden beim Hersteller verschmutzt. Die Ermittler jagen zwei Jahre ein Phantom.
Gleichzeitig nannte er die Kritik, die von Politikerseite auf die Geheimdienste prasselt, „Heuchelei“. Die engere Kooperation von Verfassungsschutz und Polizei, die nun angemahnt werde, sei immer wieder von der Politik verhindert worden, so Wendt. Statt dessen verlasse man sich seit langem auf zum Teil hoch obskure Szene-Spitzel, so genannte V-Leute. Diese V-Leute aber „sind keine Beamten, sondern Kriminelle“, so Wendt. „Leider besteht die Gefahr, dass Verfassungsschützer das vergessen, wenn sie zu lange und in zu enger Verbindung zu ihnen stehen.“ (mit eff.,sgey.,thie.)
