Das LfV begegnete der Entwicklung lange auffällig zurückhaltend. Beobachten und steuern hieß die Devise, weshalb man vor allem versuchte, V-Leute in der Szene zu gewinnen. Neben THS-Chef Brandt zählte Thomas Dienel zu den Top-Quellen, der erst NPD-Chef im Freistaat war und dann die Deutsche Nationale Partei gegründet hatte. Dienel, früher linientreuer SED-Genosse und NVA-Zeitsoldat, war es auch, der im August 1992 den Rudolf-Heß-Gedenkmarsch in Rudolstadt organisierte, zu dem fast 2000 Neonazis aus der gesamten Bundesrepublik anreisten. Der Marsch gilt als eine Art Erweckungserlebnis der gesamtdeutschen Neonazi-Szene.
Behördenchef musste gehen
1993 kam Dienel in Haft, wegen Volksverhetzung, Körperverletzung und Betrug. Zwei Drittel seiner dreijährigen Freiheitsstrafe saß er ab, dann kam er wegen „günstiger Sozialprognose“ im Dezember 1995 frei. Hinter der „Sozialprognose“ verbarg sich der Verfassungsschutz – das Thüringer Landesamt warb den gelernten Koch als V-Mann „Küche“ an. Bis 1997 absolvierte er rund 80 Treffen mit seinem Führungsoffizier und kassierte dabei insgesamt 25.000 Mark. Das Geld, so Dienel später, habe er als Spendengelder verstanden und eingesetzt, etwa für den Kauf von Nazi-Propaganda. Mit dem Geld vom Staat wurde auch Dienels Aufstieg zu einem der wichtigsten Organisatoren in der Thüringer Neonazi-Szene finanziert. Erst 1999 flog der V-Mann auf, LfV-Chef Helmut Roewer musste gehen.
Durchaus denkbar ist, dass mit Verfassungsschutzgeldern auch die Flucht der THS-Aktivisten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe 1998 finanziert worden ist. Tatsächlich wurde einer der drei noch Tage nach seinem Untertauchen in Jena gesehen – in seiner Begleitung befand sich Tino Brandt, der V-Mann „Otto“ des Verfassungsschutzes.
