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Neuer Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südsudan droht: Heftige Gefechte um eine ölreiche Region

JOHANNESBURG. Wenige Wochen vor der Unabhängigkeit des Südsudans droht ein neuer Krieg zwischen dem Norden und Süden des Landes auszubrechen. Truppen der nordsudanesischen Armee waren am Samstag in die ölreiche Grenzstadt Abyei einmarschiert.Wie ein Sprecher der UN-Mission im Sudan (Unmis) bestätigte, rückte ein von mindestens 15 Kampfpanzern begleiteter Truppenkonvoi in die Stadt vor. Dabei soll es zu heftigen Kämpfen mit Einheiten der Südsudanesischen Befreiungsarmee SPLA gekommen sein. Auch gestern hätten die Gefechte angehalten, sagte Unmis-Sprecher Kouider Zerrouk dieser Zeitung. Die Situation in Abyei sei katastrophal, erzählte der von dort stammende katholischer Priester Buong Kol. Nordsudanesische Soldaten zündeten Häuser an und plünderten Geschäfte: Ein Großteil der rund 20000 Einwohner seien wie er aus der Stadt geflohen.Sudans Präsident Omar al-Baschir erklärte die Verwaltung der Region gestern per Dekret für abgesetzt, auch das Parlament wurde aufgelöst. Die südsudanesische Regierung in Juba bezeichnete den Einmarsch als Kriegsakt. Auch das UN-Quartier in Abyei sei unter Beschuss geraten, sagte Unmis-Sprecher Zerrouk. Die Blauhelme könnten nicht zu Patrouillen ausrücken.Zwanzig Soldaten getötetDem Einmarsch waren mehrere Zusammenstöße vorausgegangen. So wurde am Donnerstag ein von UN-Truppen begleiteter Konvoi der sudanesischen Armee im Norden der Abyei-Region angegriffen, mehr als zwanzig Soldaten sollen getötet worden sein. Khartum machte die SPLA aus dem Süden für den Angriff verantwortlich, was diese bestritt. Die UN bezeichnete den Überfall als "kriminelle Attacke": Er galt einem Truppenteil, der gerade aus der Abyei-Region abgezogen wurde.Die Regierungen in Khartum und Juba hatten vereinbart, dass sich beide Seiten militärisch aus der umstrittenen Region zurückziehen sollten. Nur die in einer gemeinsamen Einheit zusammengefassten Soldaten aus Nord und Süd sollten in der Provinz verbleiben. Khartum reagierte auf den Überfall mit dem Bombardement mehrerer Dörfer: Insgesamt seien freitags vier Siedlungen angegriffen worden, teilte SPLA-Sprecher Philip Aguer mit.Die Zukunft der erdölreichen Abyei-Region ist zwischen Juba und Khartum schon seit Jahren umstritten. Parallel zum Volksentscheid am 9. Januar, bei dem die Südsudanesen mit mehr als 95 Prozent für die Abspaltung ihres Teilstaats votierten, sollte in Abyei eigentlich in einem gesonderten Referendum über die Zugehörigkeit der Region entschieden werden. Zu dieser Abstimmung kam es nicht. Abyei wird mehrheitlich von Dinka-Ngoks bevölkert, die sich dem Süden zugehörig fühlen. Doch das Gebiet von der halben Größe Hessens wird auch von arabischen Nomaden genutzt, die dort in der Trockenzeit ihre Rinder weiden lassen. Die Misseriya befürchten, dass sie den Zugang zu den Weiden verlieren, falls Abyei dem Süden zugeschlagen wird.Der Region kommt aber auch wegen ihrer Erdölvorkommen Bedeutung zu. Deren geschätzte Kapazität wird von Khartum geheim gehalten. Da auch andere Gebiete in den erdölreichen Grenzregionen umstritten sind und die Verteilung der Einkünfte aus dem Erdölexport noch nicht geregelt sind, kommt der Zuspitzung des Konflikts besondere Bedeutung zu. Beobachter schließen nicht aus, dass es zu einem neuen Krieg kommen könnte.Gegenwärtig hält sich eine Delegation des UN-Sicherheitsrates im Sudan auf. Deren für heute geplanter Besuch Abyeis wurde abgesagt.------------------------------Foto: Überstürzte Flucht: Männer, Frauen und Kinder aus der Grenzstadt Abyei bringen sich zu Fuß in Sicherheit. Nordsudanesische Truppen sollen Häuser angezündet und Geschäfte geplündert haben.