28.09.2000

63 Tote bei Fährkatastrophe vor der griechischen Insel Paros / Der Kapitän schaute zum Unglückszeitpunkt angeblich Fußball: Die "Express Samena" sank in nur 25 Minuten

Von Thomas Götz

ROM/ATHEN, 27. September. Gegen 22.05 Uhr am Dienstagabend, kurz vor dem Hafen der Kykladen-Insel Paros, hörten die Passagiere einen lauten Schlag. Das griechische Fährschiff "Express Samena" hatte die unbewohnte, aber beleuchtete kleine Felseninsel Portes gerammt. Das Schiff sank in nur 25 Minuten. Vermutlich haben mindestens 63 Menschen den Unfall nicht überlebt; mehr als 20 Menschen wurden am Mittwochnachmittag noch vermisst. Manche Passagiere retteten sich schwimmend bis zur Küste. Viele konnten von Fischern oder Rettungsmannschaften aus der stürmischen See gezogen werden. Über die Zahl der Passagiere gab es am Abend unterschiedliche Angaben. Offiziell waren 530 Menschen an Bord. Nach unbestätigten Berichten könnten es auch 100 bis 150 mehr gewesen sein. Kaum jemand auf der Brücke Nur noch etwa zwei Seemeilen trennten die "Express Samena", die um 14.30 Uhr in Piräus in See gestochen war, von ihrem Zielhafen Paros. Die Passagiere bereiteten sich bereits auf die Landung vor. Manchem Reisenden fiel auf, dass die Kommandobrücke ziemlich verwaist war. Das hatte vermutlich einen einfachen Grund: Der Kapitän soll sich zum Zeitpunkt der Katastrophe in einer Bar des Schiffs das Fußballspiel Panathinaikos Athen-Hamburger SV im Fernsehen angesehen haben. Auf der Brücke sollen nur ein Kapitän in Ausbildung und ein Matrose gewesen sein, die sich auf den automatischen Piloten verließen. Wer immer dem automatischen Steuerungssystem die Route eingegeben hatte, ihm war offenbar entfallen, dass vor der Hafeneinfahrt von Paros die gefährliche Felsbank "Portes" liegt. "Niemand der Mannschaft hat uns informiert, was wirklich geschehen war", beschreibt Efi Chiou, eine der Überlebenden, den Moment nach dem Aufprall. Sie habe gedacht, dass eine große Welle das Schiff getroffen habe. Bald sei jedoch auch ohne offizielle Information klar gewesen, "dass die Dinge schlecht standen", sagte die Augenzeugin später. "Schon weil sich das Schiff bald schief legte und zu sinken begann." In ersten Berichten hatte es geheißen, dass das Schiff auf Grund eines technischen Fehlers sank. Anastasios Sorokos, ein Mechaniker des Fährschiffs, hatte vor einem Monat gegen seine Reederei Anzeige erstattet: die "Express Samena" sei nicht seetüchtig, sie solle sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Vor vier Tagen hatte der Arbeitgeber auf seine Art reagiert: der Mann wurde entlassen. Das Schiff war am Morgen vor seiner letzten Ausfahrt geprüft und für einsatzbereit befunden worden. In drei Monaten hätte es - nach 34 Dienstjahren - in jedem Fall außer Dienst gestellt werden sollen. Die Polizei ging am Mittwoch von "kriminellem menschlichen Versagen" als Unglücksursache aus. Der Kapitän des Schiffes, der erste Offizier und drei weitere Verantwortliche wurden festgenommen. ADAC weist auf Sicherheitsmängel hin // Trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren gibt es laut dem Automobilclub ADAC weiter allgemeine Sicherheitsmängel bei griechischen Fähren. Es sei ein großes Problem, dass das Stockholmer Abkommen von 1996 für mehr Stabilität der Schiffe von den Mittelmeer-Anrainerstaaten nicht unterzeichnet wurde. Auch in der nationalen Gesetzgebung Griechenlands gebe es Nachholbedarf für mehr Sicherheit. Oft würden Sondergenehmigungen für Schiffe in Küstengewässern erteilt, die den Sicherheitsstandard nach unten senkten. Das von Nord- und Ostsee-Staaten unterzeichnete Stockholmer Abkommen war eine Reaktion auf den "Estonia"-Untergang mit 852 Toten. Es schreibt im unteren Bereich der Schiffe - vor allem im Ladedeck - zusätzliche Schotten vor. Diese können bei einem Leck geschlossen werden, wodurch Luftkammern entstehen. Ein möglicher Wassereintritt wird so gebremst und das Schiff kann nicht so schnell sinken. Problematisch sind laut ADAC auch die Sicherheitsinformationen an Bord. Oft fehlten Hinweise auf Notausgänge, Sammelstationen und den Platz für Rettungswesten. AP/DIMITRI MESSINIS In Sicherheit: Das Crewmitglied eines Rettungshelikopters geleitet Überlebende zum Flughafengebäude auf Paros.

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