Aufregend und meditativ zugleich sind seine Bilder: Szenen von Menschenmassen in der Draufsicht, ungezählte Köpfe, geballt in einem Raum ohne Boden und Horizont, gebannt auf und gespannt in die Bildfläche. Das reale Motiv ist abstrahiert zu lebhafter Struktur und heftigem Rhythmus. Der erste Blick assoziiert Anonymität: eine Freiheit, in der man wohlig versinken könnte. Auf den zweiten Blick: Die Masse hat auch beängstigend Bedrängendes, Reibendes. Derartige Ambivalenz macht harmoniesüchtigen Betrachtern Angst. Von solchen Leuten erfährt der Maler dann meist auch Ablehnung. Sie gelangen leider nicht bis zum dritten Blick, bei dem sie erfahren würden, daß das Eintauchen des Individuums in den "globalen Prozess", dieses ständige Verändern zwischen Zufall und Gesetzmäßigkeit laut Schunter auch etwas "abgrundtief Heiteres" sein kann. Ansonsten kommen die Auskünfte über seine eigenwillige Malerei nur karg. "Ich kann es nur machen, nicht reden", sagt der Maler über seine Bilder. Wer sich auf sie einläßt, sollte nicht gleich weiterhasten. Er wird erfahren, daß auf ihnen manches nur so scheint Schon vor über zehn Jahren, als in Berlin /West die "Neuen Wilden" für viel Aufgeregtheit sorgten, hatte der nach HdK-Studium und APO-Zeit in der Inselstadt gebliebene Schwabe auf einmal eigentümliche, aus der Vogelperspektive gesehene "Wiesenstücke" auf der Staffelei. Sie waren gewissermaßen ästhetischer Auftakt für jene intensiven Massenbilder, die er heute in schier unerschöpflichen Variationen malt. Immer entstehen Schunters Bilder zuerst auf dem Zeichenpapier "vor der Natur": in der Landschaft, in Stadträumen, sogar bei Aufführungen in der unweit vom Atelier gelegenen Schaubühne. Diese Blätter mit den vibrierenden, spröde-dichten Linien und Zeichen sind ein ganz wesentlicher Teil seines Werks, an dem der Kunstbetrieb bislang unverständlicherweise vorbeiging. Zeichnend und malend übersetzt der Künstler, Jahrgang 1939, Ausschnitte von Wirklichkeit mit dem Vokabular warmer und kühler Farben, unruhiger und verknappter Formen in ein neues Stück Bild-Realität. So entsteht Gleichnishaftes für Existenz. Seit in den 80igern "Hauptsache wild" die Szene bestimmte, seither aber auch immer mehr Dekoratives den Kunstmarkt füllt, erntet Schunter mitunter Schulterzucken für seine These von der "abgrundtiefen Heiterkeit" - durchaus malerische Gegenposition zu allem Illustrativen, Glatten, Gefälligen. Seine Kunst läßt eher Fragezeichen zurück. Diesen Maler interessieren nicht zuletzt die Massenerscheinungen in den großstädtischen Zeitläufen, er findet dabei auch typische Modemerkmale spannend und bringt das ein: Hüte, Mützen, Kragenspiegel bezeichnen verschiedene Typen. Die jüngsten Bilder sind virulent, streubildartig hat er die Köpfe auf den Bildraum verteilt, hektisch flackert die Farbe, nichts Homogenes ist mehr darin. Der Maler, den von Jugend an Probleme der Physik, vor allem der Masse im Raum, Ausdehnung und Verdrängung, Vakuum und Überdruck, brennend interessieren, hat hier sein Thema gefunden. Jeder einzelne Kopf ist als Porträt auszumachen - man spürt förmlich die Ambivalenz zwischen Menge und Individualität, ja, die Einsamkeit des Einzelnen in der dichten Ansammlung. Eine bisweilen unwirkliche Stimmung kommt auf. Das zieht sich hin bis zu magischen Park- und Kneipenbildern, einem leeren Cafe, wo die Tische, einsamen Köpfen, Blüten oder Inseln gleich, wie ziel- und schwerlos durch den Bildraum schweben, geheimnisvoll und so seltsam abgrunddtief heiter +++