BERLIN. Die Hauptstadt hat die größten wirtschaftlichen Entwicklungschancen in Deutschland, aber sie nutzt ihr Potenzial zu wenig. Berlin erreiche wenig mit hohem Aufwand, konstatiert die Studie "Talente, Technologie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat", die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Robert-Bosch-Stiftung erarbeitet und gestern in Berlin vorgestellt wurde. Im Vergleich der Länder belegte Berlin dennoch mit Abstand den ersten Platz vor Hamburg und Baden-Württemberg. Untersucht wurden die Faktoren Talente, Technologie und Toleranz (TTT) in den Jahren 2000 und 2005. Dieses TTT-Konzept basiert auf der Theorie des US-Ökonomen Richard Florida, die davon ausgeht, dass Kreativität, Innovation und Offenheit für Neues die Grundlagen moderner Wirtschaft sind. So fallen unter den Punkt Talente etwa der Prozentsatz an Hochschulabsolventen sowie der Anteil an Hochkreativen wie Architekten, Wissenschaftlern und Informatikern - hier schneiden die Stadtstaaten Berlin und Hamburg besonders gut ab. Unter Technologie wurden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, aber auch der Anteil an Patentanmeldungen gewertet. Berlin liegt zwar bei den Forschungsausgaben mit vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts ganz vorn, bei den Patentanmeldungen allerdings nur im Mittelfeld und weit hinter Bayern und Baden-Württemberg. Ganz hinten im Gesamtindex liegen die neuen Bundesländer, Mecklenburg-Vorpommern auf dem letzten Platz. Der Osten büßt vor allem bei der Toleranz Punkte ein: Der Stimmenanteil rechter Parteien bei Wahlen ist hoch, und um die 60 Prozent der Bürger stimmen fremdenfeindlichen Aussagen zu. Als klassisches Industrieland tut sich Sachsen-Anhalt vor allem beim Technologie-Index schwer, ebenso wie das Saarland unter den alten Bundesländern, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. "Insgesamt entwickelt sich Deutschland aber immer mehr von einer Industriegesellschaft zu einer kreativen Wissensgesellschaft." Berlin habe dabei die besten Startbedingungen, doch bestehe ein großes Missverhältnis zum schlechten Arbeitsmarkt und dem geringen Wirtschaftswachstum. "Positiv gesprochen: Es kann nur bergauf gehen", sagt Klingholz. Nach Ansicht von Petra König von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin leidet die Hauptstadt vor allem an der kleinteiligen Struktur der Wirtschaft und dem trägen Verwaltungsapparat. Auch das geringe Gehaltsniveau lasse viele Hochqualifizierte abwandern - vor allem nach Baden-Württemberg. ------------------------------ Talente, Technologie, Toleranz Grafik: *TTT-Index 2005: Untersucht wurden die Bundesländer nach den Faktoren Talente, Technologie und Toleranz, die in insgesamt zehn Indikatoren aufgeschlüsselt sind. Das Modell hat der US-Ökonom Richard Florida entwickelt. Bewertung: Die Werte geben die prozentuale Abweichung vom Bundeswert an, der mit 100 indexiert ist. Liegt etwa der Wert zehn Prozent über dem Durchschnitt, entspricht das einem Wert von 110. Die Studie steht im Internet unter: www.berlin-institut.org ------------------------------ Grafik: Toleranz-Index: Er beinhaltet den Wähleranteil rechter Parteien bei der Bundestagswahl 2005, den Ausländeranteil, die Zustimmung zu fremdenfeindlichen Aussagen und den Anteil künstlerisch Tätiger an allen Erwerbstätigen. ------------------------------ Grafik: Talent-Index: Hierunter fallen der Anteil der 20- bis 59-Jährigen mit Hochschulabschluss sowie der Anteil an Kreativen (zum Beispiel Techniker, Banker) und Hochkreativen wie Medienleute, Ärzte, Künstler oder Physiker.

