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Ein sanfter Kämpfer

Ein sanfter Kämpfer
Ein sanfter Kämpfer

Berlin - Peter Lehmann setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Psychiatriepatienten ein. Nun wird er geehrt. Von Thorkit Treichel -

Peter Lehmann ist ein freundlicher Mann, mit grauem, etwas zerzaustem Haar, er spricht mit sanfter Stimme und schwäbischem Einschlag. Unterschätzen sollte man den 61-Jährigen jedoch nicht. Lehmann ist ein Querdenker, er hat die Psychiatrie in ihren Grundfesten angegriffen und sich auch in der Pharmaindustrie viele Feinde gemacht. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet diesem unbequemen Geist nun das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Seit über drei Jahrzehnten kämpft der Sozialpädagoge, Autor, Verleger und Buchhändler für das Selbstbestimmungsrecht von psychiatrischen Patienten. Er verlangt, dass Psychiater ihre Patienten nicht gegen deren Willen mit Psychopharmaka behandeln dürfen.

Er will diesen Medikamenten nicht grundsätzlich jeden Nutzen absprechen, aber die Betroffenen sollten über Nebenwirkungen und über alternative Behandlungsmethoden, etwa eine Psychotherapie, aufgeklärt werden. Stattdessen würden Patienten überwiegend und über einen viel zu langen Zeitraum hinweg auf Psychopharmaka gesetzt. Lehmann spricht vom "Recht auf psychopharmakafreie Hilfe".

Leidvolle Erfahrungen

Lehmann hat selbst leidvolle Erfahrungen gemacht. "Ich hatte Stress mit meiner Diplomarbeit, Beziehungsprobleme und bin dann ausgerastet", berichtet er. Das war 1977 in Berlin. Er kommt in die Psychiatrie. Diagnose: "Schizophrenie, Paranoia, was Sie wollen." Drei Monate verbringt er in der Klinik, dann zieht er vorübergehend wieder zu seinen Eltern nach Stuttgart, die ganze Zeit steht er unter Psychopharmaka. "Ich war völlig apathisch. Ich wusste nicht mehr, wie man kocht, wie man wäscht." Schließlich setzt er die Tabletten ab. Heimlich, weil weder die Eltern noch der Nervenarzt das erlaubt hätten. "Dann bin ich gesundet."

Lehmann nimmt sein Studium wieder auf. Doch die Erfahrungen, die er in diesem einen Jahr als Psychiatriepatient gemacht hat, lassen ihn nicht mehr los. "Psychopharmaka werden auch unter Folter angewandt. Die Betroffenen werden vorsätzlich in Parkinsonkranke verwandelt." Er will seine Akten einsehen. Das wird ihm verweigert. "Damit fing mein Engagement an", sagt Lehmann. Er klagt bis hin zum Europäischen Gerichtshof in Straßburg. Vergeblich. In dieser Zeit wird das Fernsehen auf ihn aufmerksam und dreht einen Film über ihn. Der damalige Juso-Chef Gerhard Schröder und der inzwischen gestorbene DDR-Dissident Rudolf Bahro gehören zu den Unterzeichnern einer Solidaritätserklärung für Lehmann.

Die Lebenserwartung psychiatrischer Patienten liege um zwei bis drei Jahrzehnte unter dem Durchschnitt. "Durch die Nebenwirkungen von Psychopharmaka werden die Menschen krank. Es kommt zu Diabetes, Herzmuskelstörungen, Brustkrebs." Auch die meisten Altenheimbewohner würden mit Medikamenten wie Anti-Depressiva ruhig gestellt, sagt er. Und empfiehlt dringend, eine rechtlich verbindliche Vorausverfügung zu verfassen, in der festgelegt werden kann, wie etwaige psychiatrische Probleme behandelt werden sollen.

Weltweit in Verbänden aktiv

1980 gründet Lehmann eine Selbsthilfegruppe, er übernimmt einen Lehrauftrag für Antipsychiatrie an der TU, gründet einen Fachverlag und beginnt zu schreiben. Seine Bücher wie "Psychopharmaka absetzen" werden in viele Sprachen übersetzt und gelten als Standardwerke. Lehmann, der verheiratet ist und zwei erwachsene Stieftöchter hat, gehört zu den Gründern des Weglaufhauses in Berlin. Das ist ein Zufluchtsort für Menschen, die eine klassische psychiatrische Behandlung vermeiden wollen.

In seiner knapp bemessenen Freizeit entspannt er sich zu Hause in Lübars bei griechischer Musik oder Jimi Hendrix. Neben all seinen Verpflichtungen ist Lehmann auch Mitbegründer des Europäischen Netzwerkes von Psychiatriebetroffenen und weltweit in entsprechenden Verbänden tätig. Im vergangenen Jahr wurde ihm von der Aristoteles-Universität in Thessaloniki die Ehrendoktorwürde verliehen.

Dass ihm Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) gestern das Bundesverdienstkreuz "in Anerkennung der um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste" überreicht hat, überrascht Lehmann jedoch ein wenig. Bislang hat er von der Politik wenig Unterstützung erfahren. "Politiker müssten die zwangsweise Verordnung von Psychopharmaka verbieten, aber da hätten sie Psychiater- und Pharmaverbände gegen sich", sagt er am Rande der Veranstaltung. Ob er denn auch gegen den Maßregelvollzug für Straftäter sei, will die Senatorin wissen. In dieser Frage muss Lehmann einräumen, dass es manchmal ohne Zwang nicht geht.



Berliner Zeitung, 06.09.2011

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